Seid sportlich!

Mit dem «nationalen Zusammenhalt», permanent beschworen, wird Missbrauch getrieben. Der Bundesrat und staatsnahe Kreise kaschieren damit bloss ihre eigenen Interessen. Nicht Differenz und Dissens sind das Problem der Eidgenossenschaft, sondern voreilige Versöhnung und Pseudoharmonie.

Seid sportlich!
Philipp Gut

Ich halte mich an die Aktualität und das Konkrete. Wovon ist heute in der Schweiz die Rede, wenn von «nationalem Zusammenhalt» gesprochen wird? Wer tut das? Was meint er damit? Was bezweckt er? Und hat diese Rede überhaupt noch einen Sinn?

 

Fallbeispiel 1: Französischunterricht und nationaler Zusammenhalt

Hätte ein ausländischer Besucher oder ein Ausserirdischer, dem der Schweizer Diskurs fremd ist, in diesen Monaten eine Schweizer Zeitung gelesen, das Schweizer Fernsehen eingeschaltet oder den Verlautbarungen der Schweizer Regierung gelauscht – er wäre bestürzt gewesen. Er hätte unweigerlich den Eindruck gewinnen müssen, das nur scheinbar ruhige und friedliche Land stehe kurz davor auseinanderzubrechen. In dramatischen Appellen warnte der Bundesrat davor, der «nationale Zusammenhalt» sei «gefährdet».1 Das Schweizer Fernsehen bot der Regierung Flankenschutz: Zu bester Sendezeit diagnostizierte es eine «Art Stellvertreterkrieg, der auf tiefgreifende Spannungen in der Schweiz hinweist».2 Die Geschäftsdatenbank des Schweizer Parlaments verzeichnet mehrere Vorstösse, die ebenfalls den «nationalen Zusammenhalt» in Gefahr sehen.3 Auch das staatsnahe Boulevardblatt «Blick» reproduzierte die alarmierten Aufrufe in fetten Lettern.

Was ist geschehen in der Alpenrepublik? Steht ein Bürgerkrieg bevor? Droht Sezession? Will der Kanton Basel-Stadt der EU beitreten? Hat das Tessin den Anschluss an die Lombardei beschlossen? Oder verrichtet, unbemerkt von der in der Sommerhitze dösenden Öffentlichkeit, die fünfte Kolonne einer fremden Macht ihre heimlich-unheimliche Wühlarbeit?

Nichts dergleichen. Der ausländische Betrachter oder der Alien von einem andern Stern werden sich wundern: Anlass für diese vielstimmige Rhetorik höchster Eskalationsstufe ist die Absicht einiger Deutschschweizer Kantone, ein bisschen früher mit dem Englischunterricht zu beginnen – früher als mit dem Französischen, also einer der offiziellen Landessprachen. Manche Kantone erwägen, das sogenannte Frühfranzösisch in der Primarschule zu streichen und – wie noch vor wenigen Jahren üblich – erst ab der Oberstufe eine zweite Landessprache zu unterrichten.

Gefährdet dieses Ansinnen, wie der sozialdemokratische welsche Innenminister Alain Berset und mit ihm der Gesamtbundesrat mahnen, tatsächlich «den nationalen Zusammenhalt und die nötige Verständigung zwischen den Sprachgemeinschaften»? Driften die Landesteile auseinander, wenn ein Schaffhauser Drittklässler «That’s an apple» sagt, bevor er «C’est une pomme» buchstabiert? Was taugt das Argument des «nationalen Zusammenhalts» im vorliegenden Fall?

Die nüchterne Antwort ist: nichts. Denn erstens ist durch zahlreiche, auch internationale Studien erwiesen – und jeder ehrliche Lehrer wird es bestätigen –, dass die aufwendige Einführung des frühen Fremdsprachenlernens keinen messbaren Erfolg gezeitigt hat.4 Schon nach wenigen Monaten in der Oberstufe ist der Vorsprung jener Schüler, die bereits in der Primarschule mit einer Fremdsprache begonnen haben, gegenüber jenen Kameraden, die kein Frühfranzösisch (oder Frühenglisch) genossen haben, dahingeschmolzen. Fakt ist: der Unterricht ist schlicht zu wenig intensiv, um nachhaltig zu sein. At the end of the day – pardon! – können die beiden Vergleichsgruppen gleich viel. Darauf – und nur darauf – kommt es schliesslich an. Sogar das Sprachengesetz, das die Hüter des «nationalen Zusammenhalts» zur Untermauerung ihrer Appelle gern bemühen, verlangt in Artikel 15, Absatz 3 explizit, «dass die Schülerinnen und Schüler am Ende der obligatorischen Schulzeit über Kompetenzen in mindestens einer zweiten Landessprache und einer weiteren Fremdsprache verfügen».

 

Placebopolitik

Zweitens sei die Frage erlaubt: Gesetzt den Fall – und das ist wahrscheinlich schon heute vielfach so –, dass künftige Generationen von Schweizer Schulabgängern allenfalls etwas besser Englisch sprechen als eine zweite Landessprache: Wäre das eine Katastrophe, eine ernsthafte Belastung für den «nationalen Zusammenhalt»? Natürlich nicht. Diese angebliche Gefahr wird heute, angeführt von Bundesrat Berset, vor allem von Vertretern aus der Romandie beschworen. Dass ihre Befürchtungen gegenstandslos sind, belegt das Beispiel des Tessins: Nach Bundesratslogik müsste der Südkanton längst weggedriftet und unrettbar entfremdet sein von den übrigen Landesteilen. Denn wer lernt in letzteren in der Primarschule Italienisch? Wer lernt in seiner Schulkarriere überhaupt…

Wer ist «wir»?

Einmal im Jahr bitten wir vier ganz unterschiedliche Autoren um ebenso persönliche wie prononcierte Texte zu einem brisanten Thema, das eine vertiefte Auseinandersetzung verdient. Wir legen den ausgewählten Autoren die gleiche Frage vor, versehen mit denselben Anregungen aus unserer Redaktion. Ziel ist eine Debatte im Magazin – und eine weitere coram publico: Sie findet diesmal […]

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Mindestens zwei Seelen wohnen in Helvetias Brust. Stolz auf ihre Institutionen auf der einen und gekränkt durch ihre Kleinheit auf der anderen Seite, hat die Schweiz heute die Wahl: entweder sie zieht sich ins Freilichtmuseum zurück oder sie zeigt Mut zur Erneuerung. Reformvorschläge eines nüchternen Optimisten.

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Philipp Gut
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Mit dem «nationalen Zusammenhalt», permanent beschworen, wird Missbrauch getrieben. Der Bundesrat und staatsnahe Kreise kaschieren damit bloss ihre eigenen Interessen. Nicht Differenz und Dissens sind das Problem der Eidgenossenschaft, sondern voreilige Versöhnung und Pseudoharmonie.

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