Sei nichts schuldig – ausser Liebe für deine Nächsten
In der Kirchengeschichte spielten Schulden eine wichtige Rolle. Doch die Bibel verbietet sie nicht per se. Nur massvoll und gerecht sollen sie sein.
Mein Vater, ein Bergbauer, brachte uns Kindern viel Nützliches bei. So ermahnte er uns oft, nur das zu kaufen, was man bar bezahlen könnte. Eine Ausnahme sei der Kauf eines Hauses, da müsse man bei der Bank einen Kredit aufnehmen. Das Schlimmste, was man machen könne, sei, für jemanden Bürge zu sein. «Bürgen tut verwürgen», pflegte mein Vater zu sagen und erzählte uns Horrorgeschichten von Leuten, die wegen einer Bürgschaft alles verloren hätten.
Wir Kinder hielten uns an seine Worte. Auch Autos mussten nach Meinung des Vaters bar bezahlt werden – sonst sollten wir gescheiter laufen. Die Strassen wären heutzutage fast leer, würden alle Menschen seinen Ratschlag befolgen. Mein Vater lebte nach dem Motto: Nur Bares ist Wahres! Aber handelte er, der strenggläubige Katholik, damit auch im Sinne der Bibel beziehungsweise der christlichen Theologie?
Liebe als dauerhafte Schuld
Im Alten Testament werden Schulden oft als Last oder Abhängigkeit beschrieben. In Sprüche 22, 7 heisst es: «Der Reiche herrscht über die Armen, und wer borgt, ist des Gläubigers Knecht.» Das zeigt, dass Schulden eine Form von Unfreiheit bedeuten. Deshalb finden wir im Gesetz Israels Regelungen, die Schulden begrenzen sollten. Im Erlassjahr (alle 50 Jahre) mussten Schulden erlassen und Schuldsklaven freigelassen werden (3. Mose 1 ff.). Das Ziel war, dass niemand dauerhaft in Armut oder Abhängigkeit bleibt.
Im Neuen Testament schreibt der Apostel Paulus in Römer 13, 8: «Seid niemandem etwas schuldig, ausser dass ihr euch untereinander liebt.» Manche verstehen das als klare Ablehnung von Schulden. Andere sehen darin eher ein Mahnwort zur Verantwortlichkeit nach dem Motto: Alles bezahlen, niemanden benachteiligen – und als «dauerhafte Schuld» nur die Liebe gelten zu lassen.
Jesus spricht in Gleichnissen über Schulden und Schuldenerlass (zum Beispiel in Matthäus 18, 23–35). Dabei geht es nicht primär um Geld, sondern um moralische Schulden und Vergebung. Die Metapher zeigt: Schulden drücken und binden, moralische ebenso wie monetäre Schulden. Gott erlässt uns unsere Schulden durch Christus aus reiner Gnade, deshalb sollten wir auch freigebig sein.Dies sowohl mit dem Umgang mit Geld als auch den Mitmenschen in Liebe vergeben.
«Gott erlässt uns unsere Schulden durch Christus aus reiner Gnade, deshalb sollten wir auch freigebig sein.»
Risiko zur Sünde
In der Kirchengeschichte gab es zu jeder Zeit Überlegungen zu Schulden:
- Zur Zeit der Frühkirche waren Schulden oft mit Ausbeutung verbunden. Darum betonte man Nächstenliebe, Barmherzigkeit und den dazugehörigen Schuldenerlass.
- Im Mittelalter verbot die Kirche lange Zeit den Zins (Wucher), weil er als Ausnutzung der Not angesehen wurde. Kredite durften nur aus Nächstenliebe gegeben werden, nicht für Profit.
- Die Verfechter der Reformation wie Luther und Calvin beurteilten Zinsnehmen differenzierter. Calvin etwa erlaubte Kredite unter fairen Bedingungen, wenn sie dem Gemeinwohl dienten, nicht der Gier. Luther betrachtete Schuldenmachen mit Zins und die damit verbundene ungleiche Risikoverteilung als ungerecht, weil einige reich wurden.
Theologische Überlegungen zeigen deutlich, dass Schulden Gefahren beinhalten. Sie können in Abhängigkeit führen, den persönlichen Handlungsspielraum einschränken und den Menschen unfrei machen. Das ist etwas, das mit christlicher Freiheit kaum vereinbar ist. Kredite können für einen Hausbau sinnvoll sein, um eine Ausbildung zu finanzieren oder sonstige sinnvolle Investitionen, die Gottes Sache dienen. Aus ethischer Sicht sind Schulden nicht per se «Sünde», aber sie bergen immer ein grosses Risiko zur Sünde.
Aus meiner christlichen Sicht muss man Schulden vermeiden, wenn sie aus Konsumlust aufgenommen werden. Konsumgier ist so oder so negativ. Schulden sollte ein Christ nur dann machen, wenn sie auch vor Gott verantwortbar sind. Wo wir Beziehungsschulden haben, müssen wir Vergebung praktizieren. Das ist nicht immer leicht, gar nicht, bringt aber oftmals Befreiung. Jede Person muss selber prüfen, wann sie wegen Schulden in Abhängigkeit gerät, sei es finanziell, seelisch oder geistlich. Wo wir Beziehungsschulden haben, müssen wir in Liebe Vergebung praktizieren. Das ist nicht immer leicht, gar nicht, aber bringt oftmals Befreiung.
«Schulden sollte ein Christ nur dann machen, wenn sie auch vor Gott verantwortbar sind.»
Onkel Jakobs bittere Lektion
Onkel Jakob war ein guter Mensch. Er wollte, dass seine Familie ein besseres Leben hat. Das alte Auto war ständig kaputt, die Waschmaschine auch, und seine Kinder wünschten sich einen richtigen Urlaub. Also nahm er einen Kredit auf. Nur ein kleiner Betrag, dachte er – schnell zurückgezahlt. Doch dann kam die unerwartete Zahnkorrektur der Kinder. Und der teure Laptop, den sein Sohn «für die Schule» brauchte. Noch ein Kredit, «nur übergangsweise».
Die monatlichen Raten stiegen, und Jakob redete sich ein, dass alles besser würde. Er verlor den Überblick, nach und nach trudelten die Mahnungen ein. Erst freundlich, dann drohend. Jakobs Lohnkonto wurde gesperrt und das Auto gepfändet. Eines Abends sass Onkel Jakob in seiner Küche, starrte auf die Rechnungen vor sich und auf das Familienfoto an der Wand. Das Lächeln seiner Kinder erinnerte ihn an das, was er eigentlich wollte: Glück! Doch die Schulden hatten es verschlungen. Er weinte leise. Nicht weil er arm war, sondern weil er erkannte, dass Schulden nicht nur Geld kosten, sondern auch Frieden, Vertrauen und Würde.
Die Moral: Schulden beginnen oft mit guten Absichten, doch sie wachsen lautlos, bis sie dein Leben beherrschen. Wahre Freiheit beginnt nicht mit Besitz, sondern mit Genügsamkeit.
Wie eine Zwangsjacke
Die Bibel warnt vor den Gefahren des Schuldenmachens und fordert Gerechtigkeit. Geld soll nie an erster Stelle stehen, sondern Gott. Kirchenväter und Reformatoren betonen Verantwortung und Schutz vor Ausbeutung. Schulden sind theologisch nicht grundsätzlich verboten, aber nur in dem Rahmen richtig, indem sie die Freiheit des Menschen erhalten und nicht aus Gier oder Masslosigkeit entstehen. Persönlich bin ich klar der Meinung, dass Schulden wie eine Zwangsjacke für die Schuldner sein können. Sie machen unfrei, denn immer «rennt» man den Zinsen nach. Man kann die gekaufte Sache kaum geniessen, denn das Preisschild hängt noch am Produkt.
Nicht nur finanzielle Schulden können uns belasten, sondern auch offene «Rechnungen» in unserem Herzen gegenüber den Mitmenschen. Man sollte niemandem etwas schuldig sein, ausser der Liebe Gottes für die anderen Menschen.