Sehnsucht und Elend des Kunstsammlers

Ohne die Sammler würde der Kunstmarkt zweifellos nicht funktionieren. Einerseits ist der gesamte Kunstbetrieb von einer tiefen Dankbarkeit ihnen gegenüber erfüllt, andererseits von latenter Aggression. Daher ist es an der Zeit, hier einmal einen Blick auf die Motive und Gemütszustände der Konsumenten, der Kunstkäufer und Sammler zu werfen. 1. Das vielleicht wichtigste Motiv des Kunstsammlers […]

Ohne die Sammler würde der Kunstmarkt zweifellos nicht funktionieren. Einerseits ist der gesamte Kunstbetrieb von einer tiefen Dankbarkeit ihnen gegenüber erfüllt, andererseits von latenter Aggression. Daher ist es an der Zeit, hier einmal einen Blick auf die Motive und Gemütszustände der Konsumenten, der Kunstkäufer und Sammler zu werfen.

1. Das vielleicht wichtigste Motiv des Kunstsammlers ist meiner Erfahrung nach der Wunsch, durch die Sammlungstätigkeit Respekt und Zuneigung der Gesellschaft zu gewinnen.

2. Für den Kunstkäufer ergeben sich auf diesem Wege Gelegenheiten, junge und attraktive Menschen kennenzulernen (Künstler, Galerieassistenten, Kuratorinnen…) mit allen sich daraus ergebenden Interaktionsmöglichkeiten.

3. Angeschlagenen Geschäftsleuten und risikobereiten Entrepreneurs bietet das ostentative Kunstsammeln die Möglichkeit, einen hohen gesellschaftlichen Status und finanzielle Vitalität vorzuspielen – nebenbei entsteht eine Kollektion, die als Sicherheit für Kredite eingesetzt werden kann. Sammler mit zweifelhafter politischer oder finanzieller Vorgeschichte können versuchen, die eigenen CV-Makel durch eine Sammler- und Spendertätigkeit zu tilgen.

4. Der letzte Schritt muss die eigene Museumsgründung sein! Ein Privatmuseum, das den eigenen Namen trägt, danach benannte U-Bahn- oder Strassenbahnstationen, Säle und Gebäudetrakte in öffentlichen Museen, die umfangreiche private Schenkungen und Leihgaben beherbergen – das hält den Namen des Spenders in guter Erinnerung.

Sie sehen: Der durchschnittliche Kunstsammler ist eine tragische Gestalt. Sie ähnelt dem Schiffbrüchigen, der auf hoher See immer mehr Salzwasser trinkt – um nicht zu verdursten. Denn weder können die erworbenen Kunstwerke einen Mangel an Esprit, Leben und Emotionalität kompensieren, noch bringt der Kaufakt die Erlösung – er erfordert vielmehr die permanente Wiederholung. Der Sammler schmort letztlich also in einer ewigen Hölle des Art-Konsumismus. Er verdient, denke ich, angesichts dieses Leidensweges unser Mitgefühl.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»