Sechs Thesen zur Ernährungswirtschaft der Zukunft

Mit ihrem Blog Zumfressngern.ch, der sich dem nachhaltigen Fleischkonsum widmet, avancierte Nicole Hasler zu einem Aushängeschild der Nose-to-Tail-Bewegung.

Sechs Thesen zur Ernährungswirtschaft der Zukunft
Nicole Hasler, zvg.

Zuerst die gute Nachricht: Dank der Industrialisierung der Landwirtschaft konnte die Nahrungsmittelproduktion im 20. Jahrhundert enorm gesteigert werden. Sie wuchs deutlich schneller als die Bevölkerung. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit konnten genügend Nahrungsmittel produziert und Hungersnöte damit zunehmend eliminiert werden. 1848 waren noch knapp die Hälfte aller Schweizer Einwohner im Agrarsektor tätig. Danach sank dieser Anteil stetig, vor allem gegen Ende des 19. Jahrhunderts und nach dem 2. Weltkrieg. Die Produktivität in der Landwirtschaft wurde dank technologischem Fortschritt, aber auch durch Erfolge in der Zucht und bei den Anbautechniken gesteigert. In der Folge konnte das landwirtschaftliche Produktionsvolumen pro Kopf seit Beginn des 20. Jahrhunderts um Faktor 15 und seit 1848 gar um Faktor 25 vervielfacht werden1. Die Kehrseite der Medaille sind die erhebliche Belastung der Natur und ein hoher Einsatz von natürlichen Ressourcen. Nun fragt es sich: Wie steigern wir den Ertrag weiter für kommende Generationen und reduzieren gleichzeitig den Einsatz der Ressourcen?

Essen – man darf das nicht vergessen – ist viel mehr als nur ein Mittel zur Aufnahme von Kalorien, also zur Lebenserhaltung. Für viele ist Essen ein sinnlicher Genuss, manche feiern Essen als Ausdruck eines Lifestyles, ganz selbstverständlich ist es eine Form von Kultur. Dass die gesellschaftliche Polarisierung bei der Beurteilung von Nahrungsfragen, auch getrieben von aktuellen Jugendbewegungen wie Friday4Future, zunimmt, ist nachzuvollziehen: Essen ist ein persönliches Thema, an dem Emotionen hängen. Pure Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse werden oft nicht zur Kenntnis genommen. Oder ihnen wird misstraut, denn allen Erkenntnissen zum Trotz vertrauen viele zuallererst ihrer eigenen Peergroup.

«Saftige Steaks, ganz ohne Tierleid und ohne Methanausstoss, das klingt verlockend. Doch kann die Produktion so ökologisch betrieben werden wie die anderer Proteinquellen?»

Die Flut an Informationen, die Komplexität der Zusammenhänge und die Emotionalität des Themas beeinträchtigen die Entscheidungsfindung des einzelnen stark. Eine Vielzahl von Volksinitiativen veranschaulicht das öffentliche Interesse am Thema. Den Missmut einer zumeist urbanen Bevölkerung über die aktuelle Nahrungsmittelproduktion bringen Initiativen zur Ernährungssouveränität, zu Fair Food, zu Massentierhaltung, zum Trinkwasser sowie auch zum Biodiversitäts- und Landschaftsschutz zum Ausdruck.

Die Forderung einer ökologischeren Produktion erfolgt im Spannungsfeld zwischen Wirtschaftlichkeit, Tierwohl und Konsumverhalten. Die zentralen Herausforderungen verändern die Wertschöpfungsketten in der künftigen Agrar- und Ernährungswirtschaft. Diese Wertschöpfungsketten umfassen dabei neben der Agrarindustrie auch die vorgelagerte Industrie (z.B. Tierzucht und Saatgut), die verarbeitende Industrie (z. B. Molkereien), den Handel und zuletzt auch den Konsumenten. Darüber hinaus spielen in diesem Markt auch partikuläre, durch die Politik gesteuerte Inter­essen eine bedeutende Rolle. Das heutige System der Schweizer Agrarpolitik ist hochkomplex. Der hohe Grad an Regulierung hat einen starken Einfluss auf die hiesige Lebensmittelindustrie.

In welche Richtung entwickelt sich die Schweizer Ernährungsindustrie künftig? Die folgenden sechs Thesen sollen dar­über Aufschluss geben.

1. Vollständige Ernährungssouveränität bleibt eine Illusion

Die Schweiz ist ein kleines Binnenland mit einer von der Topografie stark beschränkten landwirtschaftlichen Nutzfläche. Von dieser sind rund 70 Prozent Grünflächen in Form von Wiesen und Weiden, die weniger für den Ackerbau als für die Viehhaltung geeignet sind. Entgegen der weitverbreiteten Meinung gilt ein Selbstversorgungsgrad von über 55 Prozent als unrealistisch. Autarkie konnte selbst während der Anbauschlacht des 2. Weltkrieges nicht annähernd erreicht werden. Vor allem bei pflanzlichen Lebensmitteln ist die Schweiz auf Importe angewiesen. Die Selbstversorgung bei tierischen Erzeugnissen liegt gemäss einer Auswertung von Agri­stat 20192 zwar bei fast 100 Prozent, doch der Schein trügt, denn die Schweizer Landwirtschaft ist auch in diesem Gebiet vom Ausland abhängig: Sie importiert Hybridzuchten (Hühner), Saatgut, Pflanzenschutzmittel und Futtermittel. Beim Futtermittel beträgt der heimische Anteil zwar 85 Prozent, doch diese Quote ist vor allem dem Rauhfutter wie etwa Gras zuzuschreiben. Beim Geflügel werden dagegen mehr als zwei Drittel des Futters importiert3. Die…

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