Schwyz ist mehr als «Bauern» und «Bonzen»
Kaspar Michel, zvg.

Schwyz ist mehr als «Bauern» und «Bonzen»

Im Kanton Schwyz leben nicht nur abgehobene Reiche und rückständige Ureinwohner, sondern eine gut durchmischte, moderne Bevölkerung. Auch gibt es keine Schwyzer Lebenslüge, wie kürzlich im «Schweizer Monat» klischeehaft behauptet wurde.

 

«Die Schwyzer sehen ihren Kanton gerne als Hort der Selbstbestimmung. In Realität ist er das nicht.» Mit dieser Behauptung wird der Artikel mit dem an Trivialität grenzenden Titel «Von Bauern und Bonzen» im letzten «Schweizer Monat» (Ausgabe 1088, Juli/August 2021) angekündigt. Ein Einblick in die Eigenheiten der Schwyzer Politik wird jedoch nicht geboten: Stattdessen wird die vorab in linken Medien gepflegte Plattitüde postuliert, wonach zwischen dem Oberen Zürichsee und dem Vierwaldstättersee nur mehr entweder abgehobene Wohlhabende («Bonzen») oder etwas zurückgebliebene, eigensinnige Autochthone («Bauern») leben würden. Letztere, so der Autor sinngemäss, würden einer «liberal-konservativen Lebenslüge» aufsitzen, weil sie immer noch glaubten, sie bestimmten die Geschicke ihres eidgenössischen Standes völlig unabhängig und losgelöst vom Rest der Welt. Mit der Realität hat das nichts zu tun.

Richtig hingegen wird darauf hingewiesen, dass der Kanton Schwyz offensichtlich ein durchwegs konservatives Abstimmungsverhalten an den Tag legt, eine rasante wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung hinter sich hat und über eine hohe Steuerkraft verfügt, was ihn als ehemals mausarmen Landkanton heute zu einem kräftigen Zahler im Nationalen Finanzausgleich (NFA) macht. Und weiter? Eben: Da würde die neutrale, differenzierte Erörterung beginnen. Dies versäumt der Artikel jedoch. Sie sei hier in drei Hauptpunkten versucht.

Erstens ist der Kanton Schwyz nicht mehr und nicht weniger selbstbestimmt als andere Kantone. Auch Schwyz ist an Verfassung, Recht und Gesetz gebunden und reiht sich als einer von 26 Kantonen sowohl in die ökonomischen Bedingungen unseres Landes wie auch in die des globalen Wirtschaftsraums ein. Was denn sonst? Die Schwyzer wissen das. Es gibt keine diesbezügliche «Lebenslüge».

Zweitens gliedert sich die Schwyzer Bevölkerung weder gesellschaftlich noch wirtschaftlich in «Bauern» und «Bonzen», sondern setzt sich ausserordentlich vielfältig aus gut durchmischten, auch stark vom gewerblich-handwerklichen Arbeitsleben geformten, kulturell und politisch engagierten Menschen zusammen. Man kann nicht nur die Porsches und die Subarus zählen und letztlich behaupten, diese seien massgebend für ein Strassenbild. Die Realität zeigt eben vor allem einen Reichtum an Verschiedenheit respektive belebender sozialer Vielfalt. Denn trotz unstreitig ländlicher Prägung des Kantons zeigt er – wie auch seine Landschaft – viele Facetten.

«Liberaler Konservativismus» und gleichzeitig «konservativer Liberalismus» bestimmen drittens zweifelsohne seit vielen Jahrzehnten die mehrheitsfähige politische Grundhaltung in Schwyz – häufig an der Urne manifestiert. Doch nicht ein dubioser Selbstbetrug, wonach der Erfolg der Schwyzer Steuerkraft pure Eigenleistung sei, sondern vielmehr ein klares Bewusstsein über die Umstände, Gründe und Bedingungen für die heutigen fiskalischen Realitäten und daraus folgende finanzielle Solidarität mit einem stark umverteilenden Finanzausgleichssystem bilden die Leitlinien für künftige innenpolitische Entwicklungen. Viele Jahrzehnte der zwangsläufigen «Verwaltung des Mangels», wie es in früheren Berichten heisst, liessen Eigenverantwortung, korporative Organisationsformen und Bewältigungsstrategien, Sparsamkeit und eine nachvollziehbare Skepsis gegenüber staatlichem Eingriff in die persönliche Freiheit zu eigentlichen Grundpfeilern der politischen Raison d’être werden.

Dass daraus auch Selbstbewusstsein und eine hohe Sensitivität für Selbstbestimmung resultierten, soll den Schwyzern nicht zum Nachteil ausgelegt werden. Aber korrekt ist: Sozialistische Rezepte werden abgelehnt, linke Politik hat es folgerichtig schwer; eigenständiges Handeln bleibt – soweit möglich und sinnvoll – ein wichtiges Prinzip. Das hat weder mit Arm oder Reich noch mit unterschiedlicher Finanzkraft und auch nichts mit «Lebenslügen» oder der Verkennung eines fraglos exogen initiierten Wirtschaftsbooms zu tun. Und schon gar nichts mit «Bauern» oder «Bonzen» – dem abgegriffenen Standardkommentar zu Schwyz, der wohl bloss ein Zeichen einer gewissen (neidvollen) Anerkennung sein mag. Wir Schwyzer wissen um unsere Verhältnisse, wir wissen um deren Stärken und um die Schwächen. Bestimmt nicht alles, aber vieles machen die Schwyzer ordentlich und mit grosser Stabilität. Den grossen Zwischenraum zwischen «Bauern» und «Bonzen» auszuleuchten, könnte durchaus interessant sein. Insofern hat der «Schweizer Monat» eine gute Chance verpasst.


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«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»