Schweizer Revolutionär

Alfred Eschers Einfluss auf die moderne Schweiz ist enorm. Er verquickte privates Unternehmertum und öffentliches Engagement, war Treiber eines Wirtschaftswunders und prägte die Politik des jungen Bundesstaats. Vom dramatischen und lehrreichen Leben in einer Umbruchzeit.

Eine kleine Gruppe wirtschaftsliberaler Pioniere erfindet nach der Mitte des 19. Jahrhunderts die Schweiz neu, als zukunftsgerichtetes und entwicklungsfähiges Staatswesen, infrastrukturell à jour und finanziell unabhängig. Dazu brauchen sie nicht viel länger als ein gutes Jahrzehnt. Dieses Zeitfenster ist die grosse Bühne Alfred Eschers (1819–1882). Wie kein anderer Politiker und Wirtschaftsführer stösst der Zürcher Escher den jungen Bundesstaat von 1848 an und wird zum Schöpfer der modernen Schweiz. Meilensteine seiner politischen und unternehmerischen Karriere zeichnen im folgenden die dynamischen Entwicklungen ebenso nach wie die drängendsten Fragen jener frühen Schweizer Pionierzeit.

Grosse Zeit des Grossbürgers

Seine begüterte Herkunft, seine geistigen Voraussetzungen, sein leidenschaftlicher Idealismus und sein entschiedener Wille haben Eschers aussergewöhnliche politische Karriere beflügelt. Persönliche Eigenschaften und Attribute und namentlich die ausgesprochene Fähigkeit, radikal-liberale Netzwerke zu knüpfen, bringen den 28jährigen mit der Wahl zum Vizepräsidenten (1846) und zum Präsidenten des Grossen Rates (1847) zunächst an die Spitze des Kantons Zürich. Zu diesen legislativen Aufgaben kommt 1848 die Wahl in den Regierungsrat. Der kometenhafte politische Aufstieg im Kanton Zürich findet seine Entsprechung auf eidgenössischer Ebene: mit der Wahl in den Nationalrat (Oktober 1848), zu dessen Vizepräsidenten (November 1848) und schliesslich zu dessen Präsidenten (April 1849). Damit ist der Zürcher Politiker mit 30 Jahren erstmals höchster Schweizer. Noch drei weitere Male wird Escher zum Nationalratspräsidenten gewählt werden, wobei er die Wahl einmal aus gesundheitlichen Gründen nicht annehmen wird.

Eschers politische Karriere korreliert mit Umständen und Konstellationen. Der junge Bundesstaat mit seiner repräsentativen Demokratie bietet Escher eine Plattform, die ideal auf ihn zugeschnitten ist. Damals herrschen im Parlament klare Verhältnisse, die Regierung ist nicht auf Konkordanz ausgerichtet, Referendum und Initiative sind als demokratische Volksrechte noch in weiter Ferne. Sein beispielloser Aufstieg in Politik und Wirtschaft, die Kumulation und Verflechtung seiner wirtschaftlichen Machtpositionen und politischen Ämter, nicht zuletzt sein patronaler Auftritt, der jeder Diskussion den Weg vorzeichnet, charakterisieren Escher als Grossbürger. Dabei tritt er just in jenen Jahren auf die Bühne schweizerischer Öffentlichkeit, als die letzte und vielleicht grösste Stunde des Schweizer Grossbürgertums geschlagen hat.

In seinem Erfolgsjahrzehnt, das von den frühen 1850er Jahren bis Mitte der 1860er Jahre dauert, stürzt sich Escher auf die drängenden Fragen der Zeit. In diese Spanne fallen seine aussenpolitischen Erfolge im Neuenburger- und Savoyerhandel, wirtschafts- und kulturpolitische Weichenstellungen, etwa der Eisenbahnentscheid für private Gesellschaften und gegen öffentlich-rechtliche Strukturen oder der Entscheid für das Polytechnikum (heute ETH Zürich). Und in diesen Jahren realisiert Escher auch grosse wirtschaftliche Schöpfungen: die Nordostbahn (heute SBB), die Kreditanstalt (Credit Suisse) und die Rentenanstalt (Swiss Life). Dank seiner starken Hausmacht als Politiker und seinen Möglichkeiten als Wirtschaftsführer kann er im jungen Bundesstaat seine Konzeptionen grösstenteils durchsetzen und auch unpopuläre Entscheide fällen oder erwirken. Er hat keine Berührungsängste und führt Politik und Wirtschaft zusammen, wo sie seiner Meinung nach zusammengehören. Mit Corporate-Governance-Fragen muss er sich nicht herumschlagen. Es ergeben sich im jungen Bundesstaat Konstellationen und Szenarien, die heute unvorstellbar, ja unmöglich sind, etwa die Kumulation von legislativen und exekutiven Ämtern oder von Politmandaten und wirtschaftlichen Führungspositionen.

Föderalismus wider Willen

Die grosse Herausforderung, die sich der Eidgenossenschaft 1847/48 im Anschluss an den Sonderbundskrieg stellt, betrifft die Ausgestaltung des neu zu konzipierenden schweizerischen Staatswesens, namentlich dessen verfassungsmässige Grundlage. Wiewohl sich Escher bereits in der zweiten Hälfte der 1840er Jahre auf eidgenössischer Ebene als politische Grösse profiliert, verfügt er in der Übergangsphase vom alten eidgenössischen Staatenbund zum neuen schweizerischen Bundesstaat machtpolitisch noch nicht über jenen dominanten Einfluss, den er nur wenig später – vor dem Hintergrund seiner zusätzlichen wirtschaftlichen Positionen – auf kantonaler wie auf eidgenössischer Ebene ausspielen kann. Dies dokumentieren die Diskussionen um die neue Bundesverfassung, die massgeblich Anfang 1848 einsetzen und im Sommer beendet sind. In…

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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