Schweizer Literaturpreis 2017: Michel Layaz

Auszüge aus «Il est bon que personne ne nous voie» (Zoé, 2006)

Schweizer Literaturpreis 2017: Michel Layaz
Michel Layaz, photographiert von Corinne Stoll.

Es ist gut, dass uns niemand sieht

 

… Charlotte nimmt mich oft mit bis zur Autobahnbrücke. Von da aus folgen wir einer stark befahrenen Nationalstrasse, die durch den Wald führt. Oft finden wir schon nach zwei, drei Kilometern eine Tierleiche: eine Katze, einen Steinmarder, einen Fuchs, einen Hasen. Charlotte ekelt sich vor nichts. Mit rosaroten Haushaltshandschuhen als Schutz fasse ich das tote Tier an den Beinen, selten am Hals. Charlotte macht sich lustig über mein Getue, sie lacht über das Übel, vor dem ich mich angeblich schützen will. Wir bringen uns unterhalb der Strasse in Sicherheit. Aus ihrem Rucksack zieht Charlotte zwei Plastiktüten und ein Messer, das so scharf ist, wie jene, für deren Sauberkeit ich sorge. Ihre Hände zittern nicht. Über unseren Köpfen brausen die Autos vorbei, verbreiten Abgase. Charlotte schneidet dem Tier den Schwanz ab und steckt ihn in die erste Tüte. Dann führt sie das Messer ums Auge herum, schneidet den Sehnerv durch und entfernt das Auge, bluttriefend, aus der Augenhöhle. Ohne sich je zu verkrampfen, löst sie die beiden Kugeln aus undefinierbarer Materie heraus und steckt sie in die zweite Plastiktüte. In ihr ist eine ruhige Inbrunst, ein glühendes Feingefühl. Ich muss mich überwinden, nicht die Augen zu schliessen, wenn sie dem Tier die seinen herausreisst. Ich habe weder ihre Kraft noch ihre Entschlossenheit. Charlotte weiss nicht, dass ich bleich werde, dass ich schaudere, sie weiss nicht, wie sehr sie mir voraus ist, wie sehr ich hinter ihr her bin und wie ich mich im Warten auf ihren Atem verliere, gefangen von Hoffnungen, die ich nicht zu benennen und noch weniger einzugestehen wage. Es ist immer Charlotte, die entscheidet, wann wir zurückgehen. Gewöhnlich bleiben wir eine Weile in der Nähe der Strasse sitzen, schweigend, die Plastiktüten im Rucksack, ihre Hand auf meinem Nacken. Meine Gedanken umflattern Fingerspitzen, die mich liebkosen und mich mit einem leichten Druck da und dort in ein Glück hineinstürzen, in dem Körper und Geist abseits der Welt ins Taumeln geraten, verloren in einer unbekannten Zeit, einer Zeit vor der Welt, vor dem Leben, vor den Autos und den Autobahnbrücken, einer Zeit vor den Tieren, bevor alles entstand …

 

 

… Charlotte hat sich gegenüber einem kleinen Wohnhaus hingesetzt, dessen Fassade gerade neu gestrichen wurde. Arbeiter bauen das Gerüst ab. Wegen des Lärms können wir nicht reden. Charlotte kneift mich in die Unterlippe, sie zieht die Haut nach unten, biegt sie weg und lässt aus ihrem Mund Speichel fliessen, Speichelfäden, bis sich zwischen meinen Zähnen und meiner Lippe eine kleine Speichelpfütze bildet. Dann schliesst sie mir den Mund und zupft an meiner Haut rund um den Adamsapfel. Charlotte sieht, dass ich nicht im Strumpf bin. Sie nimmt von meinen beiden Lippen Besitz und presst sie aufeinander. Sie wirft mir einen verhexenden Blick zu und schreit: Mir kannst du alles sagen. Ihre Finger lassen meine Lippen los. Ich beuge mich nah an ihr Ohr und frage, ob sie Milena kenne. Charlotte stösst mich weg und schreit wieder: Los! Mach schon! … Erzähle! Erzähl mir von Milena! Ich platziere Charlottes Kopf unter meinen Arm, ich drücke meinen Mund an ihr Ohr und erzähle ihr – mit Worten, die von ganz alleine kommen – die Geschichte von Milena …

 

 

 … Milena lebt seit sechs Monaten in unserem Land. Wegen eines Krieges, der niemanden interessiert, ist sie hierher gekommen, in ein Land, das nie einen Krieg erlebt hat. Sie spricht nicht gut Französisch. In den Pausen läuft sie von einer Gruppe zur anderen, sie nimmt schwerfällig einen Sprung zwischen ein paar Schüler, dann bleibt sie aufgepflanzt dort stehen und sagt nichts. Milena interessiert sich für die Leute von hier, aber sie stellt es ungeschickt an und niemand streckt ihr eine Hand entgegen, niemand akzeptiert ihre Vergangenheit, ihre Befangenheit, ihre Verwirrung, kein Mädchen will ihre Freundin sein. Man lässt sie allein. Milenas Lächeln verfliegt und verdorrt, bevor es überhaupt hat aufblühen können. Mit Milena bin ich nicht besser als die anderen. Mir fehlt die Kraft. Ich gestehe ihr vielleicht dann und wann ein Lächeln zu, doch ich lasse ihr nicht Zeit, sich daran anzuklammern. Und dann habe ich Milena vergessen. Ich hätte sie lange vergessen können. Doch plötzlich erfahre ich, dass Milena mich liebt. Sie, die es so nötig hat, geliebt zu werden, liebt mich. Vielleicht könnte ich sie auch lieben. Milena steht hinter der Tür. Sie wartet darauf, dass ich ihr aufmache. Es ist genau zur verabredeten Zeit. Ein einziges Mal, hat sie gesagt, ich komme nur ein einziges Mal, um dir etwas Wichtiges zu sagen. Milena steht hinter der Tür und ich antworte nicht auf das, was das dritte Klingeln sein muss. Zwecklos zu insistieren mit diesem irritierenden Geklingel. Ich antworte nicht. Ich werde nie antworten. Ich flachse mit Marc, einem Freund, der nicht mal einer ist. Marc macht Eindruck in der Schule, er verschafft sich Respekt mit seinem Schneid, mit seinem Schmiss, mit seiner natürlichen Art, ein Urteil durchzusetzen. Milenas Liebe gibt mir eine Überlegenheit, die mich ermächtigt, mit Marc zu lachen. Ein Gelächter, das durch die Wände dringt und sich um keine Türen schert. Ein Lachen, das mir Marcs Achtung einbringt. Milena sieht, dass die Tür sich nicht öffnet und sie hört mein Lachen durch die Wände. Sie begreift, dass wir lachen, weil wir wissen, dass sie da ist und mir etwas Wichtiges sagen will. Milena ist weggegangen: weg von meinem Zuhause, weg von der Schule, weg aus dem Land, das meines ist …

 

 

… Nie habe ich gewagt, da hinaufzugehen. Wegen der Aluminiumtafel, die mit einem «Zutritt verboten, Todesgefahr» die Tür abriegelt, wegen meiner Eltern auch, die mir in feierlichem Ton verboten haben, auf das Dach des Wohnhauses zu steigen. Ich bin der vernünftige Sohn, der Sohn, der die von den Erwachsenen geäusserten Worte versteht, ich bin der Brave, der sich von Leichtsinnigkeiten fernhält. Doch zuallererst bin ich der Komplize von Charlotte. Weder das Rätselhafte, noch das Allerinnerste, weder die Warnungen, noch der Rand der Abgründe machen mir mehr Angst. In mir ist die Kraft der verbannten Schrecken. Von dort oben sieht man die Lichter der Stadt, und darüber hinaus, nach der Stadt und dem See, die Lichter von Evian, von Thonon, die Lichter der Dörfer am französischen Ufer. Wir sitzen auf dem Mäuerchen, das ums Dach des Wohnhauses herumführt, eins ans andere gelehnt, wärmen uns still, sehen der Welt zu, wie sie schöner wird, eine unausweichliche Liebe ahnend. Charlotte hat ihre Hand auf meinem Nacken. Ich schliesse die Augen und döse an sie gelehnt ein, bereit, nicht mehr zu denken, nichts mehr zu sein, zu sterben allein mit diesem Verlangen auf meinem Nacken. Ihre Finger machen das Unbekannte leichter, die Freude länger. Mit einer Bewegung, die alles stoppt, steht Charlotte auf. Sie zieht mich an der Hand, wir gehen über den Kies. Wir gehen an den Turbinen vorbei, die versuchen, die Melodie des Windes nachzuahmen. Wir drehen dem See den Rücken zu, stehen am anderen Ende des Daches. Wir schauen nachtwärts. Der Motorenlärm einiger Autos dringt von der Autobahn her zermanscht bis zu uns. Charlotte streckt sich, als erwache sie nach einer durchschlafenen Nacht. Sie tritt ein wenig zur Seite und zieht ein Glas aus ihrer Jacke. Sie nimmt etwas daraus heraus, was ich nicht genau erkenne. Mit einer ausholenden Bewegung wirft sie dieses Etwas in die Luft, als möchte sie die Sterne treffen. Fünf Mal beginnt sie von Neuem. Da ich das Gefühl habe, nichts mehr zu verstehen, unfähig zu sein, Charlotte in ihren Kühnheiten zu eskortieren, rege ich mich nicht. Doch Charlotte drückt mir den Nacken zusammen. Ihr Blick scheint fröhlich zu sein. Sie öffnet mir die Hand und legt ein Auge hinein. Ziele auf nichts! Schenk es dem Himmel. Ich spüre die kalte Kugel in meinem Handteller zittern. Ich sehe sie mir an. Da ist ein Gerinnsel von Leben. Ein bebendes Stück Fleisch. Ich beisse mir die Lippen blutig, zwischen Angst und Himmel. Ich halte den Atem an und werfe das Auge mit aller Kraft in die Nacht, so weit wie möglich, so hoch wie möglich, und im Werfen spucke ich literweise Luft aus, den Atem der Erlösung: Erlösung von mir, vom Auge, vom toten Tier, von meinem kranken Vater, von den Blinden, von den Tieren, den Wilden, den Menschen, die sich gegenseitig umbringen, von allen, die nichts wissen vom Leiden. Charlotte presst sich an mich, ihr Mund auf meiner Wange, dann ihr Mund auf meinem Ohr. Ein Murmeln läuft durch mich hindurch, errät, was ich nicht weiss. Charlotte, kaum hörbar in der Stille, die allen Raum einnimmt, Charlotte sagt: Nur die Sterne lehren uns das Licht…  

 

aus dem Französischen von Yla M. von Dach

 


 

 

Michel Layaz, 1963 in Fribourg geboren, lebt in Lausanne. 1993 erschien Quartier Terre, ein erster Roman, den er von einer sechsmonatigen Reise rund ums Mittelmeer zurückbrachte. Breite Anerkennung fand er mit dem 2003 erschienenen Les larmes de ma mère. In der Folge publizierte Layaz La joyeuse complainte de l’idiot, Deux soeurs und Le Tapis de course. Layaz’ Texte wurden in mehrere Sprachen übersetzt, darunter Italienisch und Deutsch. 2016 Le tapis de course (Auf dem Laufband) in der Übersetzung von Yla von Dach im verlag die brotsuppe. 

«Louis Soutter, probablement». Genf, Editions Zoé, 2016 

Michel Layaz zeichnet in diesem reifen Buch ein komplexes und gefühlvolles Portrait von Louis Soutter. Er erzählt uns das Leben dieses überschäumenden Künstlers mit grosser dokumentarischer Sorgfalt und deckt ein immer wiederkehrendes Motiv in dessen Werk auf: die Widerstandsfähigkeit der Lebenskraft unter dem Joch des Konformismus. Aus dieser Begegnung entstand ein starkes Werk, in dem sich die ausdrucksvolle Wortkunst des Romanautors konstruktiv mit der auf Tatsachen beruhenden Präzision der Untersuchung vermischt und auf diese Weise ein notwendiges und vollkommenes Grab für Louis Soutter errichtet.