Schweizer Literaturpreis 2017: Jens Nielsen

Mein Gehirn

Schweizer Literaturpreis 2017: Jens Nielsen
Jens Nielsen, photographiert von Corinne Stoll.

 

Das Gehirn

So ist man sich sicher

Macht es Menschen möglich Mensch zu werden

Wer keines hat der hat den Nachteil

Und wessen Hirn sich fehlentwickelt

Oder Schaden nimmt

Die Folgen sind gravierend

Was mich angeht gab es die Zeit

Da musste ich mit meinem Hirn zum Arzt

Denn seit meiner Geburt

Genauer als ich ein paar Jahre lang schon lebte

Hatte meine Mutter immer mehr den Eindruck

Etwas stimme nicht mit mir

Was sollte denn nicht stimmen fragte ich

Du bist manchmal etwas seltsam

Ich bin seltsam

Sagte ich

Schau einmal dich an

Aber darauf wollte sie nicht eingehen

Nicht bevor ein Arzt mich untersucht hatte

Zuerst ein Kinderpsychologe

Gut

Wir fuhren also hin

Er begrüsste uns

Er sagte

Wen haben wir denn hier

Ich sagte

Wir haben hier mich

Das fand er lustig

Kurz

Es versprach eine heitere Sprechstunde zu werden

Mit kleinen Spässen zwischen ernsten Fragen die er stellte

Und den Tests die ich durchmachen musste

In deren Verlauf sich weisen sollte

Dass sich meine Mutter grundlos sorgte

Aber ganz so einfach war es nicht

Der Psychologe wollte noch mehr Abklärung

Für diese mussten wir zu einem Neurologen

Der direkt in meinen Schädel schaute

Erst machte der auch kleine Spässe

Dann runzelte er zunehmend die Stirn

Am Ende meinte er

Dass wirklich etwas nicht in Ordnung war

Mit meinen Hälften im Gehirn

Ich hatte nur eine

Die rechte

Nein die linke

Nein

Nie weiss ich welche Hirnhälfte mir fehlt

Der Neurologe sagte

Das sei schon ein Merkmal dieser Fehlentwicklung

Indessen zeigte sich

Genau genommen hatte ich durchaus zwei Hälften

Nur war die eine klein geblieben wie ein Hirsekorn und funktional bedeutungslos

Während sich die zweite Hälfte auf der anderen Seite ausgebreitet hatte

Weil da viel ungenutzter Platz war

Und sie im Verlauf der Zeit dort alles überwuchert

Eine Art von zerebraler Kolonie gegründet hatte

Eine kleine Weltmacht war in meinem Kopf entstanden in der Stille meiner frühen frühen Kindheit

Meine Mutter hatte ein Talent

Sie konnte eine schlechte Nachricht sogleich als etwas Gegebenes einordnen

Mit dem es möglichst ohne Klagen umzugehen galt

So betonte sie

Es gehe mir im Allgemeinen gut

Einfach mein Benehmen sei ein wenig seltsam

Dann fragte sie den Neurologen

Was das alles heisse für meine weitere Entwicklung

Entwicklung

Sagte der

Und zögerte

Er wolle keine Angst verbreiten

Er habe so einen Befund noch nie gemacht

Und auch noch nie von einem solchen Fall gehört

Er könne daher gar nicht sagen

Was es für meine allfällige Entwicklung heisse

Er habe aber einem anerkannten Spezialisten meinen Fall geschildert

Ihm sei zwar eine solche Fehlentwicklung auch noch unbekannt

Doch würde er mich gerne untersuchen

Gut

Wir bekamen den Termin bei einem dritten Arzt

Einem Spezialisten für Entwicklung die ihm unbekannt

Dann fuhren wir nach Hause

Ich schaute auf dem Rücksitz aus dem Fenster

Deckte mir abwechselnd mit der Hand das eine und das andere Auge zu

Um festzustellen ob ein Unterschied

Denn der Neurologe hatte mir erklärt

Die Augen seien einzeln über Kreuz verbunden mit den Hälften des Gehirns

Und tatsächlich

Mit dem einen Auge sah ich in der Landschaft Tiere

Die mit dem andern fehlten

Auf einer abgemähten Wiese stand ein Tapir

Der aber nicht da war

Als ich mit dem Auge schaute das zum Hirsekorn gehörte

Ich war also auf diesem Auge teilweise blind

Etwas später kroch entsprechend ein Waran am Strassenrand

Grosse Vögel kreisten über uns

Und zwischen ein paar Tannen

Die am Dorfeingang seit je beisammen standen wie ein Komitee

Versteckte sich ein Elch

Merkst du einen Unterschied fragte meine Mutter

Die mich im Rückspiegel beobachtete

Ich sage Nein

Und bis heute habe ich niemandem erzählt

Seit diesen Kindertagen bin ich gross und alt geworden

Ich habe längst erfahren

Das Gehirn hat gute Fähigkeiten

Schädigungen oder Fehlentwicklung an sich selbst zu korrigieren

Wirklich sah ich den Waran den Tapir und die anderen Tiere bald mit beiden Augen

Mein Gehirn hatte den Mangel ausgeglichen

Aber wie erwähnt

Auch dem Spezialisten sagte ich nichts

Er untersuchte mich noch mehrmals

Eine Weile galt ich als ein medizinisch interessanter Fall

Dann vergass man mich

Es wurden andere ins Rampenlicht gezerrt

Der Kinderpsychologe äusserte sogar die Ansicht

Ich hätte mir mein seltsames Benehmen ausgedacht

Um Aufmerksamkeit zu erzeugen

Als ich sah

Wie gerne meine Mutter diesen Irrtum glauben wollte

Sagte ich

Jaja

Das könne sein

Entschuldigung

 

Jens Nielsens neues Buch, dem diese Textpassage entnommen ist, erscheint im Februar 2018 im Verlag Der gesunde Menschenversand, Luzern.

 


 

Jens Nielsen, geboren 1966, ist Schauspieler, Sprecher und Schriftsteller mit dänischen Wurzeln. Er lebt und arbeitet heute in Zürich und Berlin. Er absolvierte in Zürich die Schauspielausbildung. Nach seiner Ausbildung wirkte er bei verschiedenen Theaterprojekten mit. Seit 2007 ist er Hausautor der Theaterformation Trainingslager. Sein Werk umfasst Theaterstücke, Hörspiele sowie Bände mit kurzen und kürzesten Erzählungen.

Ausgezeichnetes Werk: «Flusspferd im Frauenbad». Luzern, Der gesunde Menschenversand, 2016. 

Jens Nielsen versetzt uns in seinen Radio-Kolumnen in vertraute Alltagsszenen, die plötzlich aus den gewohnten Bahnen geraten und sich der Kontrolle entziehen. Bei aller Verblüffung über die oft fast surrealen Einfälle, bei allem Schmunzeln über schräge Situationskomik fühlen wir uns ertappt in geheimen Ängsten, aber auch in subversiven Wunschvorstellungen. Ein Buch voll von phantasievoller Lebensweisheit und voll von hintersinnigem, poetischem Witz. (BAK)

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