Schweizer Literaturpreis 2017: Dieter Zwicky

Prosa

Schweizer Literaturpreis 2017: Dieter Zwicky
Dieter Zwicky, photographiert von Corinne Stoll.

 

Sie ist ohnehin die hohe Geiss des Aufbruchs

Es ist dies ein Liebesbrief; er verlangt bloss, dass sie mit ihm schweigt. Daraus erst die Fülle; aus Dingen, nicht mehr aus Worten. «Nie mehr ein Wort.» Sondern lauter Schmuckstücke. Die Vase dort, Tagetes-Halter, Stubensonne, Zimmersonnenuntergang, der bleichem Kalk zu entsteigen scheint. Nur dürfen sie nicht reden. Er im Stil des Büchergestells, sie im Stil eines Schwalbennests, faustgross, grau, trocken, staubig, stachelig, leicht, ausgebessert, heu- und strohhaltig, ein Rundding mit Boden, ohne Bodenplatten, mit Vogelspeichel, Vogelflaum. Als Vogelnest hat sie keine Nase. Ihre Augen sind Teiche. Ihr Schnabel Schilfstengel. Sie pfeift und flötet. Sie ist musikalisch. Er liebt persönliche Ansprachen, Geburtstagsreden. Er ist das stille Sofa, hört zu. Rührung; und die Tatsache nikotingefleckter Wände. Die abgetragenen Hosen, der verschobene Gang in die Stadt für ein sauberes Hemd, frisches Hemd. Alles Liebesgegenstände, Schmuck, was einen erwartet, solange kein Wort fällt. Worte schmeissen den Bestand leider fort. Bestand, das ist die Liebe. Ohne Worte ist der Bestand freundlich. Freundlicher Topfunterteller, freundliches Balkongeländer. «Was für ein Balkongeländer!» Flugzeuge wie senfgelbe, warme Stuben. Rascheln der aktiven, anwesenden Nachbarin samt Schranktürbetätigung. Und ein Muttermal unter dem Vogelnest, und unter der Bluse ihr blaues Unterhemd. Genau dafür sagt man Körperwärme. Und dort sind ihre dünnen, knochigen Arme am erstaunlichsten. Ein Wunder der Übergang in die Achselmulde. Mit seinen Armen und seinen Fingern steht er davor, er wirft den Kopf zurück, er lächelt. Berge, unsichtbar, im Hintergrund. Ein Meer kommt dazu, Seebären. Diese unerhörte Weite, dieses mögliche Ausschreiten zusammen, berückendes Meterfressen. Er weiss, dass es keine Gesetze gibt. Er ist verliebt ins Dazwischen. Der Windfang kann ihn ausdrücken, der Fangarm kann ihn ausdrücken, ein geschwollener, blonder Arm. Auf ihn könnte man weisen, wenn man auf den Marder weist, der sich bei Dunkelheit unter der Wagenkolonne an bläulichen Kabeln satt frisst. Keine Gesetze; doch tausend Fluchtwege. Etwa: Diese Stube ist kein Gefängnis. Sie ist ein Warteraum: Wo geschieht Verwandlung? Des Buchs; des sich kringelnden Bastläufers vor der Heizungstür; der Ansammlung Toilettenpapier auf der tonnenschweren Luftschutztüre; des Schuhgestells mit der betörenden seelischen Kraft. Verwandlung? In ein schweigendes Traumpaar, in den Schläfenhaaransatz, in lautes Gellen und dunkles Husten. Sie ist die Echse über dem Buchrücken. Er ist ein Pflaumenbaum bei Windstille. Er ist ein scharrender, grabender Käfer, sie ist die Köngin der zerschlissenen Bakelitschüssel. Sie ist die Vernunft und er der dunkelblaue Staubwedel. Er ist die Vorstellung eines kränkelnden, zittrigen Astronomen. Er ist dargestellt auf einem ihrer Acrylbilder. Er steigt in den Estrich, kehrt schnaubend zurück und stellt das Porträt auf den Schreibtisch. Sie ist der Grossvater, der eine Esche schält und ebenfalls schnaubt. Es gibt keine Gesetze, die den Bestand vernichten. Er gratuliert ihr zu ihren heissen, kleinen Ohren. Sie betrachten ausgiebig das Schuhgestell. Auf fünf Etagen warten die Kühe und die Schafe. Mutters Hausschuhe sind der Winter, der Winter der Schafe. Die Tiere sind voller Wunden. Das Fell ist mancherorts weggebissen. Kühe und Schafe sind seine intime Jugend. Die Tränen sind die Nase, wenn sie unter dem Vogelnest lacht. Die Bücher sind der Verlust, den man laut vorliest. Ihr Pullover ist der Trost. Ihre Augen sind die Neuigkeit zweier ungesehener Teiche. Ihre Finger streichen über Moos. Das fröhliche, ‹feierliche› Ausschreiten zu jedem Ding! Der Teppich ist warmes Schuhwerk für die baren Füsse. Der Regen draussen ist ein flackerndes Talglicht. Beide hören es zischen. Die Kerze hat bei Regen einen Unterstand. Wie sachdienlich Schweigen ist. Er ist der Frischling, der dürftige, bohnenschlanke Frischling. Er ist ein Frühlingstier; er ist ein Frühlingstier geworden. Sie ist ohnehin die hohe Geiss des Aufbruchs. Sie verwirft bockig das Gesäss, das den Frühlingsduft birgt. Die schnuppernde Sau riecht von Natur aus gut. Er wittert nervös die Schärfe der Zickenfährte. Wer ist man? Pose nur? In der Kunst? Ziege? Abwehr? Schlacht? Kitsch der Verfehlung? Tunnel des eigenen Wesens, das nicht aufhört? Oder schlicht Milchgeiss, blondes, sahniges Euter, gescheckte Zitzen? Die schnüffelnde Wildsau im blauen Wäldchen rätselt mit. Was denkt die schwarze Katze an der Wand? Denkt hinter das Wort ‹Anwiderung›. Schnurrt, schmiegt sich an den Begriff ‹Jagdpfad›. Die schwarze Katze säubert sich die Pfoten. Die schwarze Katze ist ein höllisches Kriegstier. Sie widersteht der Anbiederung. Sie erkennt die Fälsche des Kollektivs. Sie versorgt heimtückisch ihre Krallen. Sie hasst den hysterischen Applaus, die schwarze Katze. Sie ist nicht die schwarze Katze. Sie ist der feine Hals mit Jahrringen. Sie ist die Vernunft. Er ist die Sau, die Duftsau. Sie ist der markante Flamingo. Er ist der schöne, blaue Staubwedel. Im unterlassenen Gespräch kriecht der Bestand hervor. Er will den Traum vom Meer, auch vom Menschenmeer, nicht zerbrechen. Mehr schweigen. Worte darf man eigentlich nicht sagen. Jedes Ding ist lieb.

(Montag, 13. Oktober 1991)

 

 

Andererseits gelüsten mich die Dinge

Heute bin ich endlich windschlüpfrig geworden!

Folgendes: Suizidales Witzeln während des Rauchens, das Gegenüber muss tatsächlich lachen; ein Forum reiner Mütter, nach Vaseline riechend, und ich wende mich kurzum ab, kratze mich am Haarboden und habe eine Meersicht offen, männliche Fischer, sonnengebräunte Fischer, viel Hornhaut an den Füssen, das Meer ruhig, die Erwartung sich verfärbenden Wassers bei Sonnenuntergang.

Und ab.

Möglicherweise steige ich in die Metaphysik hoch, andererseits gelüsten mich die Dinge, Dinge wie Knochen, Gelatine, ein Einzelhaar, ein rostiger Nagel, eine Traube, uraltes Cola, eine intakte Jacke! Zwei paar Socken.

Mutter und Vater auf dem Hochsitz. Mutter und Vater beobachten, beobachten diese anderen, anderen Dinge; Metaphysik – das Zittern der Hände beim Abschiednehmen.

Die Fragen nach der menschlichen Kohärenz, weshalb man denn doch nie auseinanderfällt (in der Gefühlsschlacht).

Was bindet zusammen? 
Schnüre, ein Selbstbild, die Kleider, ein Gegenlächeln, ein Dagegenhalten, Häute, Haare des Körpers?

Besagte Vorstellungen sind möglich, und viele weitere mehr.

So fliege ich jetzt recht eigentlich aus dem Haus auf Autos und Personen zu und spüre die windfächelnde Kraft meines Winkens und Nickens.

Inniges Grüssen lebt vom Abschied, ungestümes Winken von der zunehmenden Entfernung: Man muss nicht sein, müsste nicht sein; ich werde später nicht mehr sein müssen, weiss mein sich herzhaft bewegender Körper.

Im Aufwind vorüberrauschenden Lebens noch einmal vielem entgegen; und dieses ist so anders.

(Dienstag, 1. Oktober 1992)

 

 

(…)
Tagsüber noch sehr helles Licht, glariges Licht, ein feiner Schleier bleibt und bleibt «hoch in den Lüften oben».

Es macht träge, verhalten, nicht eigentlich schwer, nur gedämpft.

Libellen schweben mühelos über entfärbten, rauen Büscheln; sodann rauschen sie weiter.

Manchmal ein kurzes, zahmes Windchen.
Manchmal ein Knallen und Scheppern; irgendwo führen Lastwagen riesige Steinbrocken.
Einen Aushub mache ich nirgends aus.
Auch Eidechsen und Schlangen sehe ich nicht.

Nehme ich den lehmigen Steilpfad über dem ausgedienten Zeltareal, erreiche ich in einer Minute einen braunen Haufen vergorener Feigen.

Die dummen, einsilbigen Insekten, die abends an den schirmlosen Promenadenleuchten versengen!

Hunde sind in der Regel räudig und schlau, Katzen wirken um die Augen krank.

Hunde wirken unterwürfig oder verloren.

Ich glaube, die hiesigen Katzen leiden auch stark an Durchfall.
Ich würde keine berühren wollen.
Mich packte der Ekel.

Und wenn mir ein Hund folgt, muss ich schreien.
(…)

 


 

Dieter Zwicky, Jahrgang 1957, ist Schriftsteller, er lebt und arbeitet in Uster, Zürcher Oberland. Er hat Theologie studiert, nach seinem Studium hat er seinen Lebensunterhalt während 29 Jahren mit Hilfsarbeiten bei der Post verdient, heute ist er neben seiner schriftstellerischen Arbeit als Korrektor tätig. Dieter Zwicky schreibt eine «Denkprosa», die mit Witz ständig das eigene Erzählen reflektiert. Er ist ein spektakulärer Interpret seiner Texte.

Ausgezeichnetes Werk: «Hihi – Mein argentinischer Vater». Wädenswil, edition pudelundpinscher, 2016

Aus dem scheinbaren Wildwuchs des Textes kristallisiert sich ein Muster: Das Porträt eines Vaters aus dem schweizerischen Hemmental kontrastiert mit einer anderen Version des Vaters in Argentinien. Der Erzähler stellt metaphysische Fragen, evoziert aber auch kraftvoll und genau, was man riecht, hört, fühlt, schmeckt und sieht. Seltsame Tiere wie das «beerensüchtige Namibwiesel» tauchen immer wieder auf. «Unsäglich fremd», bringen sie zum Staunen, Lachen und Nachdenken und werden so zu Figuren von Zwickys Text.

Weitere Auszeichnungen (Auswahl):

2002: Arbeitsstipendium der Stadt Zürich

2006: Schillerpreis der Zürcher Kantonalbank

2007: Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb

2016: Kelag-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Preis, ausgezeichnet wurde sein Text «Los Alamos ist winzig»

 

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