Schweizer Literaturpreis 2017: Charles Linsmayer

Mit dem Träger des Spezialpreises Vermittlung des Bundesamts für Kultur sprach Gregor Szyndler.

Schweizer Literaturpreis 2017: Charles Linsmayer
Charles Linsmayer, photographiert von Corinne Stoll.

Herr Linsmayer, Sie erhalten den diesjährigen Spezialpreis für Literaturvermittlung des Bundesamts für Kultur. Wie kam es dazu, dass Sie einen grossen Teil Ihrer Zeit dafür aufwenden, frühere, zum Teil vergessene Autoren wieder zugänglich zu machen?

Alles fing damit an, dass ich als Lektor beim Arche-Verlag auf die Idee kam, jeweils zu den Werken in einem Anhang den Autor oder die Autorin vorzustellen. Mit dieser Idee bin ich zu Franz Lamprecht gegangen, dem Chef der Ex Libris. Aus der Zusammenarbeit entstand die Reihe «Frühling der Gegenwart», die in Einzelbänden 27 Romane und in drei Erzählbänden 177 Erzählungen aus der Epoche von 1890 bis 1950 umfasste. Damit habe ich eine ganze Epoche der deutschschweizer Prosaliteratur aufgearbeitet. «Reprinted by Huber» führt das Prinzip seit 1987 weiter, greift aber über die deutsche Sprache hinaus.

Auf welche Quellen greifen Sie für Ihre biographischen Arbeiten zurück?

Im Zentrum stehen die Primärtexte. Aber es sind auch weitere Quellen da. Ich habe unzählige Briefe kopiert, Interviews mit Zeitgenossen und Nachkommen geführt, um das Material für ein abgerundetes Lebensbild zusammenzutragen. Eigentliche Biographien habe ich insgesamt etwa 25 geschrieben, fast immer im Anhang einer Buchausgabe.

Was ist Ihnen das Wichtigste bei Ihrer editorischen Arbeit?

Ich möchte das Blickfeld erweitern und zeigen, dass eine ganze Epoche nicht nur an Walser oder Glauser festgemacht werden kann, sondern dass diese Autoren in einem Umfeld gearbeitet haben, das so lebendig wie die heutige Literaturszene war.

Walser erlebte das Wiederauffrischen des Interesses an seinem Werk nicht mehr. Erst in den 70ern, lange nach seinem Tod, kam es zum «Revival». Und doch tut es der Kraft seiner Texte keinen Abbruch.

Nach meinem Verständnis gibt es keinen Unterschied zwischen Literatur von Lebenden und von Toten. Wenn etwas überzeugt und anspricht, kann der Autor tot oder lebendig sein. Das Wichtige ist der Text, das, was er mit mir macht. Es wäre schlimm, wenn mit dem Tod eines Autors auch sein Werk stürbe. Aber ich habe mich lebenslang nicht nur mit dem Vergangenen, sondern auch mit dem Aktuellen beschäftigt: als Literaturkritiker beim Schweizer Radio, bei der «Tat», beim «Bund» und heute bei der «NZZ am Sonntag».

Können Sie, wenn Sie ein Buch fertig haben, sich darüber freuen oder überwiegen die Gedanken an die nächsten noch unvergessenen Preziosen, die Sie bergen wollen?

Wenn wieder ein Buch erschienen ist, freue ich mich. Schliesslich mache ich vom Lektorat über die Bebilderung bis zum Klappentext und der Promotions- und Pressearbeit fast alles allein, von der Finanzierung ganz zu schweigen. Ich bin nun mal eher kein Teamplayer…

Warum begnügen Sie sich nicht mit dem Herausgeben der Bücher?

1979 bis 1983, in der Zeit von «Frühling der Gegenwart», habe ich mich darauf beschränkt. Die 30 Bände fanden in den Schweizer Zeitungen insgesamt über 2000 Besprechungen. Heute aber ist es schwer, eine Zeitung, die bei immer weniger Platz und Mitteln nicht einmal alle aktuellen Autoren seriös besprechen kann, dazu zu bringen, sich mit dem Werk eines längst verstorbenen Autors zu befassen. Ganz abgesehen davon, dass man die wirklich professionellen Literaturkritiker der Deutschschweiz heute an den Fingern einer Hand abzählen kann…

Und was folgern Sie daraus für Ihre Editionsarbeit?

Seit etwa zehn Jahren bin ich dazu übergegangen, mit den neu herausgebrachten Büchern ebenso auf Tournee zu gehen wie die lebenden Autoren. Einfach aus früheren Büchern vorlesen ist aber nicht attraktiv. Deshalb mache ich entweder eine Text-Bild-Ton-Collage über Buch und Autor, die ich dann zusammen mit einer Schauspielerin aufführe. Bei Maurice Chappaz habe ich sogar Filmsequenzen in die Produktion eingebaut.

Es gab 1999 in Solothurn eine Ausstellung über Sie, die «Den Büchern eine zweite Chance geben» hiess. Fühlen Sie sich damit in Ihrer Arbeit gut getroffen?

Ja, das ist sicher ein wichtiger Teil dessen, was ich möchte. Aber im Kern geht es natürlich um mehr, nämlich darum, das Beste früherer Generationen weiterzutradieren, als einen Teil der Identität dieses Landes.

In den Hottinger Literaturgesprächen beschäftigen Sie sich mit der aktuellen Literatur unseres Landes – wollen Sie auch der «eine zweite Chance» geben?

Das wäre sicher übertrieben. Aber was ich mit diesen Gesprächen verfolge, ist, dass man die Autorinnen und Autoren nicht immer nur auf ihr letztes Buch reduziert, sondern aus ihrem ganzen Werk heraus begreift. Für diese Begegnungen lese ich jeweils das ganze Werk der Gäste und weiss manchmal tatsächlich mehr darüber als sie selbst. Und sowohl das Publikum als auch die Autoren schätzen es sehr, einmal die gesamte literarische Physiognomie eines Schreibenden kennenzulernen. Das vergrössert auch das Verständnis für die neusten Bücher.

Sie waren nach dem Studium eine Zeit lang Deutschlehrer an einer Kantonsschule. Was meinen Sie: nützt es dem langfristigen Gedenken an Autoren, wenn Sie kanonisiert und in Curricula durchgefeiert werden, oder schadet es ihnen?

Die Schule ist der Ort, wo junge Menschen mit Literatur in Kontakt kommen könnten. Aber es ist eine schwierige Aufgabe für die Lehrer. Es gibt immer wieder solche, denen das gelingt. Vielleicht sollte man ein breiteres Spektrum anbieten, nicht nur die üblichen «Schul-Klassiker».

Was hat denn Ihre eigene Neugier geweckt? Lasen Sie schon als Schüler?

Ich war Internatsschüler. Während die anderen gejasst oder Fussball gespielt haben, habe ich gelesen, gelesen und noch einmal gelesen. Bücher haben mir den Druck genommen, den ich in der «Zwangslage Internat» empfand. Dass ich so eine Grundlage für meine Arbeit als Literaturhistoriker legen konnte, ahnte ich natürlich nicht. Aber ich war und bin ein leidenschaftlicher Leser.

Nach welchen Kriterien haben Sie die 120 von Ihnen herausgegebenen Bücher ausgesucht?

Das hing mit den Anforderungen des Verlags, dem Projekt und so weiter zusammen, pauschal kann man dazu gar nichts sagen. Aber prinzipiell ist es so, dass ich keine wirklich objektive Kriterien kenne, entscheidend ist, ob mich ein Buch anspricht oder nicht, ob es in mir etwas auslöst, ob ich denke: «Das Buch möchte ich auch andern, möglichst vielen zum Lesen geben, mit denen ich die Freude daran teilen kann.» Es ist schön, sich nach Jahren mit den Büchern von früher völlig neu und unverkrampft beschäftigen zu können. All die Mechanismen, die einem Buch Erfolg brachten oder es zum Flop machten, fallen dann weg. Aller Vitamin B ist erloschen, Reichtum und Einfluss spielen keine Rolle mehr. Da kann man zum Beispiel ein Buch wie Jakob Vetschs «Sonnenstadt» (vgl. LM 25/16), das 1924 dem pauschalen Verdikt der ganzen Schweiz verfiel, neu und unvoreingenommen lesen und spürt Dinge darin, die den Zeitgenossen verborgen blieben. Hermann Burger hat mir in einer Radiodiskussion das schönste Kompliment gemacht, das ich kenne. Er sagte: «Was Sie tun, bedeutet ausgleichende Gerechtigkeit nach rückwärts.»

Schauen wir zum Abschluss vorwärts. Was glauben Sie, wird die Zukunft mit der zeitgenössischen Literatur machen? An wen wird man sich erinnern?

Unter den Jungen imponieren mir drei, die ich für äusserst fähig halte, Christoph Simon, Arno Camenisch und Dorothee Elmiger. Das sind heutige Schreibende, die Zukunft haben, die nicht einfach so vergessen gehen werden. Davon bin ich überzeugt.