Schweizer Literaturpreis 2016: Giovanni Fontana

Organza (Kurzgeschichte)

Schweizer Literaturpreis 2016: Giovanni Fontana
photographiert von Mario Del Curto

Ich höre, wie seine Schritte sich durch den Korridor, dann die Treppe hinunter entfernen. Das Schloss der Eingangstür schnappt zu, und er ist draussen, atmet tief ein, rückt die Krawatte zurecht, berührt sich vielleicht an der Leiste (wie er es tut, wenn er sich unbeobachtet glaubt) und geht zum Auto, das wie immer an der Strassenecke geparkt ist.

Er weiss nicht, kann sich nicht vorstellen – während er nun den Motor startet und im Rückspiegel sein Haar in Ordnung bringt –, dass morgen nach der Arbeit niemand auf ihn warten wird. Die Wohnungstür wird geschlossen sein und der Schlüssel bereits in Erwartung eines neuen Mieters bei der Hausmeisterin.

Wenn ich die Augen schliesse, kann ich sein entgeistertes Gesicht vor mir sehen, den leichten Tick, der ihn bei Nervosität überkommt (ein Zittern zwischen Jochbein und Kiefer, eine Kontraktion der Gesichtsmuskeln, die ihn einen Augenblick lang wehrlos aussehen lässt). Wenn ich genau hinhorche, höre ich nicht nur den Verkehrslärm (er ist auf den Boulevards inzwischen dicht), sondern erreicht mich auch ein Echo der abgehackten Sätze, die er sagen wird. Einen Augenblick lang fühle ich ein wenig Mitleid mit dem Mann, den ich verlasse.

Ich habe den ganzen Tag zur Verfügung, um das Nötige zu erledigen und jedes Zeichen meines Aufenthalts in diesem Viertel der Stadt auszulöschen. Die Abfolge der zu erledigenden Dinge kenne ich, auf diesem Gebiet bin ich inzwischen Expertin: Gegenstände und Kleider in der Mitte der Wohnung anhäufen, Fotos aus Plastikrahmen und Spiegeln herausziehen, Telefonnummern und Adressen aus prätentiösen kunstledernen Adressbüchern entfernen, Nachrichten auf Anrufbeantwortern und in Mailboxen löschen.

Ich kann alles gemächlich machen, kann es mir sogar leisten zu improvisieren und gegen die Ordnung zu verstossen, die ich im Lauf der Jahre, Umzug um Umzug, auf dem Leidensweg meiner verkehrten Beziehungen sorgfältig definiert habe.

Bruno würde diese Entgleisung ins Pathetische missbilligen. Vom Grund der alten Fotografie aus, die ich in den Händen halte – aus dem Jahr 1967 oder vielleicht 1968, der Hof sieht immer noch gleich aus wie damals, als wir hinzogen, nur war die Tanne klein und die Birke noch nicht entwurzelt worden –, beobachtet er mich mit seinem unergründlichen Blick, dem flüchtigen Lächeln, das einen unausgesprochenen Vorbehalt erahnen lässt, oder vielleicht ist es die Überzeugung, dass nichts von dem, was ihn umgibt, wirklich wichtig ist. Es gibt ein Geheimnis, das nur ihm bekannt ist, und es zu ergründen wird mich Leiden kosten.

Aber nur ich nehme vielleicht das Magnetfeld um das Ektoplasma wahr, das von den Rissen im Papier halb unkenntlich geworden ist. Übrigens zeigt sich auch am Schnitt der Schere, die den Arm um meine Schultern weggeschnitten und mit ihm auch die übrigen Gefährten von der Momentaufnahme entfernt hat (fast sicher wurde sie mit der Kamera des damaligen Au-Pairs gemacht – Hilde, glaube ich, einer Deutschschweizerin), dass dieses Foto ein Palimpsest ist, in dem sich verschiedene Erinnerungsschichten überlagern. Die abgeschnittene, gleichsam im Vakuum schwebende Gliedmasse strahlt noch die Wut und den Zauber des «Danach» aus, sie ist das stumme Zeugnis der «Zeremonie», die wenig später auf dem Asphalt desselben Hofs stattfand.

Bevor ich die Fotografie in den Reisesack lege, bevor ich die Bilder verdränge, die mir die Kehle zuschnüren, registriere ich weitere Details: die Zöpfe, die mir auf die Schultern fallen, die halboffenen, irgendetwas erwartenden Lippen, die Schachtel Zigaretten (Muratti, meiner Mutter entwendet), die aus der Brusttasche meines kurzen Kleids schaut.

Hochvakuum. Luft, in eine Tüte geblasen, die zerplatzt, wenn man sie auf den Tisch drückt.
Abschuppen, abschaben, säubern; vermessen, ausbaggern, sanieren.
Mich, mein Ich.
Verben im Infinitiv: ein Gefühl der Reinlichkeit, des Wohlbefindens. Hier rauskommen.
Patient Bruno S. verpflichtet sich, von jetzt an tagtäglich geduldig alle Überreste seines infizierten Ichs aus der Körperhöhle zu entfernen.
Einen Stollen zu graben, der vom Gehirn des Patienten Bruno S. ins Untergeschoss der psychiatrischen Klinik führt, zur Wäscherei und zur kleinen Leichenhalle, ans Ende des Parks und von dort weiter zur Allee, die ich von meinem Fenster aus sehe.
(Schon wieder ein Possessivpronomen und ein konjugiertes Verb: zur Strafe werde ich heute Abend fasten oder mir vielleicht die Finger zwischen Tür und Türpfosten einklemmen.)
Vor einigen Tagen hat Bruno S. aufgehört zu schreien, er kauert nicht mehr nackt in seinen Ausscheidungen wie in der ersten Zeit. Gleich wird er in seinem mit Doppelglas und einem nur beschränkt lichtdurchlässigen Gitter gesicherten Eckzimmer Besuch von seinen alten Eltern bekommen.
Seit fünf Jahren schleppen sie sich mit ihren altmodischen Kleidern, ihren staubigen Schuhen Samstag für Samstag zum grossen Park am Rand der Kleinstadt M., direkt hinter dem klassischen Gymnasium, das ihr Erstgeborener kurze Zeit besucht hat.
Während sie zwischen von den Patienten eifrig gepflegten Beeten und Gewächshäusern durch die Parkwege gehen, denken sie sich Gesprächsthemen aus, mit denen sich das bleierne Vakuum, das sie im Zimmer ihres Sohns erwarten wird, ausfüllen lässt. Wobei es beinahe unmoralisch ist, die Pantomime, die die beiden auf der Kleinstbühne des Zimmers Nr. 6 zuhinterst im Flur des Pavillons Enzian aufführen, als «Gespräch» zu bezeichnen.
Kaum setzen sie ihren Fuss auf das fahlgelbe Linoleum, kaum übertreten sie die Grenze des Trapezes, das von der Tür, dem Bett, dem Fenster und dem nackten Körper des im eigenen Kot am Boden liegenden Patienten Bruno S. begrenzt wird, löst sich in ihren Köpfen alles in Luft auf – die beim Zeitunglesen gesammelten Stichwörter, die Anekdoten, die sie, allein oder seltener zu zweit (sie sind auch im Unglück kompetitiv), zu erzählen vorhatten, alles wird weggetragen vom geräuschlosen Blasebalg seiner Präsenz, von der Trostlosigkeit der Möbel, dem Geruch nach Schweiss und Medikamenten. 

(Ich sehe sie durch das Fenster: Mein Vater kleingewachsen, glatzköpfig, Schildpattbrille, eine Pfeife im Mundwinkel, mit der er seine Bitterkeit über den x-ten Tag in der Klinik zu kaschieren versucht, unter dem Arm ein Bündel Zeitungen. Meine Mutter leicht gebeugt, das Haar zu einem viel zu jugendlichen Pferdeschwanz gebunden, das Rundhals-T-Shirt, das ihre faltenreichen, unter den Achseln schwabbeligen Arme nackt lässt, in einem Beigeton. Sie geht langsam, mit kurzen, unsicheren Schritten, hält ein grosses Paket Süssigkeiten in der Hand, die sie mir auf jede erdenkliche Weise zu füttern versuchen wird, um abends mit dem Gefühl gehen zu können, sie hätte etwas dagelassen.
Was empfinden sie, wenn sie mich sehen? Fühlen auch sie – wie ich, auch jetzt, da ich sie nicht am Boden erwarte, sondern von der Ecke des doppelverglasten Fensters aus beobachte – die Gravitation, die unsere Körper anzieht, die geduldige Hand, die die Zipfel unserer Einsamkeiten zusammenzunähen versucht?)

                                                *          *          *

 

Ich konnte nicht voraussehen, dass dieses Foto mich zwingen würde, das Ausräumen der Wohnung zu beschleunigen, ebenso wenig, dass es mich hierher, ans andere Ende der Stadt führen würde. Aber mein Körper wurde gleichsam von einem Sog erfasst, einem Sog zum abgelegenen Einfamilienhaus, zur Abstellkammer, zum Koffer, in dem die Tante nach dem Tod meiner Eltern die Andenken aus meiner Kindheit verstaute. Wie ein schlechtes Gewissen, das für einmal angehört werden will, sind sie da, all die Dinge, denen ich den Rücken kehrte, als ich mit achtzehn für die Ausbildung wegzog. Bin ich wirklich das Mädchen, das diese Gesichter von Sängern, diese anonymen Körper von Fotomodellen und Mannequins aus Frauenzeitschriften ausschnitt? Diese Miniaturfläschchen-Sammlung – Liköre, Whisky, Grappa, Magenbitter – soll mir gehören? Ich soll in diesem gelben Umschlag eine mit einer geronnenen, braunen Flüssigkeit vollgesogene Monatsbinde aufbewahrt haben?

Mir kommt es so vor, als wäre ich versehentlich in die Gänge eines billigen Gruselkabinetts, zwischen die Zerrspiegel eines Vergnügungsparks geraten, der mir unerwünschte Bilder aus meiner Jugend schickt.

Irgendwo muss auch das versteckt sein, weswegen ich hier bin. Da ist er – sorgfältig zusammengelegt und in eine durchsichtige Plastiktüte gewickelt. Er ist ein wenig vergilbt, hat aber immer noch die Geschmeidigkeit von Organza. Mein Brautschleier. Der einzige, der je für mich angefertigt worden ist.

Es lässt sich so schwer in Worte fassen. Aber der Moment, in dem ich ihn zum ersten Mal in den Händen hielt, hat sich mir fest eingeprägt.

«Ich bin gerade gross genug, um über das Geländer des Balkons auf die Provinzstrasse zu gucken. Der Himmel ist von Wolken gesäumt, die schwer und blau auf dem Asphalt lasten, lautlos gleiten Wagen über diesen. Es muss etwa elf Uhr sein, meine Mutter ist eben einkaufen gegangen.

Die Schreie, die den ganzen Vormittag aus Brunos Wohnung drangen, sind verstummt. Nun tritt seine Mutter Paola gerade mit einem Bündel in der Hand aus dem Hauseingang. Sie legt die wenigen Meter zum Müllcontainer beinahe laufend zurück, hebt den Deckel und wirft – jetzt unnatürlich langsam, wie an ein imaginäres Publikum gerichtet, mich sieht sie bestimmt nicht, ich stehe in diesem Augenblick auf den Zehenspitzen, der Zipfel meines Pferdeschwanzes ragt ein klein wenig über das Geländer hinaus – den Packen in den Abfall.

Bevor das Bündel zwischen grossen, in der Sonne glänzenden Säcken und mit Schnur zusammengebundenen Zeitungsstapeln verschwindet, öffnet es sich wie eine Blume, weiss auf Blütenblättern aus dunklem Plastik. Es ist mein Brautkleid.

Dieses Ende darf es nicht nehmen. Es kümmert mich nicht, was meine Eltern, meine Freundinnen oder die anderen Hausbewohner denken. So wie ich bin, in Unterhosen und Unterhemd, stürze ich die Treppe hinunter, laufe über den Vorplatz und stemme den Container auf. Das Kleid schwimmt ganz unten und wechselt langsam seine Farbe: Eine dunkle Brühe, die aus einem der Säcke austritt, verfärbt das Mieder und einen Teil des Rockes. Mit einer Entschlossenheit, die mich selbst überrascht, reisse ich den mit einer Sicherheitsnadel am Kleid befestigten Organzaschleier ab. Ich halte ihn in der Hand, drehe mich um und blicke unwillkürlich nach oben, zu Brunos Fenster. Seine Augen glänzen ausdruckslos hinter den Scheiben, sehen mich ohne ein Zeichen des Wiedererkennens oder der Billigung an.

Während ich mit dem weissen Stofffetzen in der Hand langsam zurückgehe, fühle ich, dass in mir etwas zerbricht, als würden mit jedem Schritt die Fibern reissen, die mich mit diesem Ort verbinden. In meinen Knochen fühle ich schon den Schmerz der kommenden Saison.»

Aber warum fällt mir, sosehr ich mich auch bemühe, einfach nicht mehr ein, was am Tag zuvor geschehen war? Warum hat das Gedächtnis die Ereignisse jenes Freitags ausgelöscht?

                                               *          *          *

Vom Bett aus, auf dem er liegt, kann Patient Bruno S. seinen Vater beobachten, ohne selbst beobachtet zu werden. Der Vater ist in letzter Zeit abgemagert: Die Krallen der Krankheit haben auf seinem Hals Spuren hinterlassen, haben Furchen gegraben zwischen sich ruckartig und unkontrolliert bewegenden, sich unregelmässig anspannenden Sehnen. Das Gesicht ist ausdruckslos geworden, die Mimik gehemmt durch die Atrophie der Nervenenden, die versiegenden Dopaminquellen. Die trockenen Lippen lösen sich nur selten voneinander, der Blick schweift auf vorgegebenen, sterilen Wegen von einem Gegenstand zum nächsten.
Trotz des leichten Kniezitterns hat seine Physiognomie jedoch nicht an Strenge verloren: Die neuronale Katastrophe hat der Rigorosität, die Bruno S. so verabscheute und um die er ihn – heimlich – so beneidete, nichts anzuhaben vermocht.
(Du weisst nicht, Papa, wie sehr ich dich als Kind und in der frühen Jugend zu imitieren versucht habe: Gerade dann, wenn ich absolutes Desinteresse an dem, was du sagtest oder machtest, zur Schau stellte, dir demonstrativ den Rücken zukehrte, wenn du etwas zu mir sagtest oder mir, zurück von einer deiner Reisen, ein Buch brachtest – ein teures Geschenk, das unweigerlich in der dunkelsten Ecke meines Schranks endete –, genau dann versuchte ich ohne dein Wissen jede deiner Bewegungen, jeden Satz von dir in meine Sprache zu übersetzen, um, ohne dir ähnlich zu sein, dich zu sein. So stachelte mich die Sorgfalt, mit der du die Lagepläne der Monumente, Gegenstand deiner Studien, katalogisiertest und archiviertest, heimlich dazu an, Messer, Klingen, Schneidwerkzeug, das ich in der Eisenwarenhandlung an der Strassenecke zusammenstahl, zu sammeln, ordnen, zu polieren – und unermüdlich zu testen.
Und die Gewalt, mit der du jede Diskussion ersticktest, die unerhörte Gewalt deines Schweigens, die mich und die Mutter, wie Schiffbrüchige nach einer geheimnisvollen Unterwasserexplosion, in die beengten Räume zurücktrieb, die du uns im Sanktuarium unserer Wohnung zugewiesen hattest, glaubst du, dass sie mir fremd geblieben ist? Ich empfing diese Gewalt in mir wie ein Geschenk und destillierte sie jeden Tag unten im Hof, liess sie hartherzig an meinen Spielgefährtinnen aus.
Der weiträumige, für die Hausbewohner und die Gäste des Restaurants im Erdgeschoss bestimmte Parkplatz war auf zwei Seiten von Garagenboxen umgeben, die mit aufklappbaren Holztoren abgeschlossen waren.
Fünf dieser Boxen wurden von den Eltern meiner Freundinnen gemietet und waren tagsüber leer.
In jeden Kubus schloss ich eine von ihnen ein, alle jünger als ich und alle verliebt in mich, den einzigen Jungen im Haus. Ich verlangte, dass sie im Dunkeln auf mich warteten, und blockierte die Türen von aussen, damit sie nicht wegkonnten. Das Warten dauerte lange, manchmal über eine halbe Stunde. Durch die Gitter erreichte mich manchmal schwacher, beinahe geflüsterter Protest, als wollten die Mädchen das Geräusch meiner Schritte, immer auf und ab auf dem Asphaltstreifen vor den Boxen, nicht stören.
Mit dem Geld, das ich aus Mutters Handtasche raubte, den Münzen, die ich vom Grund der Taschen gerade nicht benutzter Mäntel und Jacken holte, kaufte ich jeden Tag kleine Dinge – Murmeln, Ringe, Kristalle, Zeitschriften – und verteilte sie kapriziös an die wartenden Mädchen, mich damit vergnügend, ihre Erwartungen zu enttäuschen. Wenn eines der quietschenden Holztore aufging, bedeutete das den Beginn eines kleinen, streng zelebrierten Rituals: Erwartung, Erscheinung, Geschenk, Schreie und Seufzer, die ich hartherzig mit der Hand oder einem Kleiderzipfel abzudämpfen befahl.
Das Mädchen, das ich mit dem wertvollsten Geschenk bedachte, durfte mit mir in unsere Wohnung kommen und in den Schubladen meiner Mutter, in den Büstenhaltern und Unterröcken herumstöbern.
Aber nicht einmal Anna, die mir am liebsten war, wusste, dass ein Teil des Geldes, das ich tagtäglich zusammensuchte, in einer Spardose lag, für das grosse «Projekt».)

Ich bin wieder da, an meinem damaligen Zuhause. Ich muss umsichtig vorgehen. Die Garage, die meine Eltern einst gemietet hatten, ist inzwischen zu einer Abstellkammer geworden – alte, unordentlich aufgestapelte und mit Spinnweben bedeckte Möbel, die darauf warten, dass eines der Kinder oder ein Neffe sie holt, um damit ein Haus auf dem Land oder eine Ferienwohnung zu möblieren.

Die Glühbirne an der Decke ist durchgebrannt. Ich müsste das Garagentor öffnen oder noch einmal die alte Hauswartin rufen, der ich den Schlüssel unter einem Vorwand entlockt habe, aber ich will nicht. Habe ich dich damals nicht genau so erwartet, Bruno?

Hier, in der Mitte der Rückwand, stehen bestimmt noch unsere Namen, die Graffiti, die ich an jenem Freitag hinterliess, während ich die Minuten, die Sekunden zählte, die es noch bis zu deiner Ankunft dauerte. Erinnerst du dich, wie ich bei deinem Eintreten zitterte?

Du hattest mir am Tag zuvor den Schleier gezeigt, und ich hatte zu verstehen geglaubt.

(Anna, du hast den Tag bestimmt vergessen. Heute wirst du verheiratet sein, Kinder haben und nur selten, höchst selten, wenn es draussen regnet und dein Mann sich verspätet, an deine Vergangenheit zurückdenken. Das ist eigentlich gut so.
Für mich hingegen ist jener Freitag wie eine Zyste, die mit keinem chirurgischen Eingriff je entfernt werden kann, er ist die Wunde, die mich an dieses Klinikzimmer fesselt – egal ob ich am Fenster stehe oder nackt in meinen Exkrementen liege…
Du hattest nichts mit meiner Mutter gemeinsam. Weder das melancholische Licht in den Augen noch die sanfte Widerspenstigkeit ihrer Bewegungen. Du warst nur Anna. Aber du warst in mich verliebt und bereit, alles zu glauben.
Ich hatte angefangen, in einem Second-Hand-Laden in einer Strasse am Stadtrand die ersten Dinge zu kaufen: lange, weisse Handschuhe, einen Schleier aus Organza, einen Hochzeitsbeutel. Aber bald wurde mir klar, dass die Dinge nicht zu ihr passten. Um sie zu sein, wenigstens einen Augenblick lang, reichte das nicht.)

Es ist unglaublich, wie naiv ich war, Bruno. Ich hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan, weil ich an den Schleier dachte, unter den Fingern förmlich das geschmeidige Korn des Stoffes fühlte, so dass meine Mutter am Morgen über meine Augenringe erschrak und mich ans andere Stadtende zu meiner Tante, einer Krankenschwester, schickte, damit diese mir den Blutdruck mass.

Meine Abwesenheit war dir aufgefallen, und am Mittag hattest du Francesca geschickt, nach mir zu fragen und mir Bescheid zu geben, ich solle mich um vier Uhr in der Garagenbox meiner Eltern einfinden.

Vom Nachmittag ist mir nur die körnige Konsistenz der von der Hitze gleichsam zerfaserten Luft in Erinnerung geblieben, das Quietschen des sich öffnenden Tors, der Lichtstreifen, der rasch die Wand emporstieg, bis er auch mich in der hintersten Ecke blendete, wo ich auf dich wartete – so wie du es wolltest.

(In den Läden im Zentrum fand ich alles Nötige. Nur die Schuhe hatte ich länger suchen müssen, da die spezialisierten Boutiquen die Modelle nur bis zur Grösse achtunddreissig führten.
Die Verlegenheit der Verkäuferinnen pflegte rasch zu verfliegen, wenn ich von einer Schulaufführung sprach, von der Inszenierung einer Komödie in Kostümen für die Jahresabschlussfeier.

Die Schachtel und die Tüten stapelten sich unter meinem Bett, wenige Zentimeter von der Matratze entfernt, auf die sich meine Mutter jeden Abend setzte, um mir den Gutenachtkuss zu geben.)

Als ich dich mit der grossen, prallvollen Tüte eintreten sah, erschienst du mir wunderschön, und ich wäre dir gern entgegengelaufen, wie ich es aus Filmen kannte. Aber du warst Bruno und hättest mich gewiss gescholten, vielleicht sogar geschlagen.

(Mit den Möbeln deiner Grossmutter, die seit je an der Wand aufgereiht waren, hiess ich dich eine Art Umkleidekabine bauen, eine Seite mit einem Laken geschlossen, das ich von zu Hause mitgebracht hatte.

Du blicktest mich mit schimmernden Augen an, warst nicht vorbereitet auf das Schauspiel, das im Betonkubus stattfinden sollte.)

Mit klopfendem Herzen stellte ich mir vor, dass das unser Zimmer sein würde, hierher würden wir nach der Feier kommen, und ich würde für ihn kochen, ihm die Kleider bügeln, und er würde mich die Geheimnisse seiner Mutter lehren.

(Als ich dir befahl, dich auf den Boden zu setzen und auf mich zu warten, und mit dem Beutel das winzige Rechteck des Umkleideraums betrat und die Lakentür sorgfältig wieder hinter mir zumachte, fühlte ich auf meinem Rücken deinen enttäuschten Blick, und einen Augenblick lang war ich versucht, es doch nicht zu tun. Aber dann, während ich die Kleider aus den Verpackungen nahm und behutsam auf eine Kiste mit leeren Flaschen legte, stellte ich mir vor, wie sie sich zwanzig Jahre zuvor gefühlt haben mochte, als sie sich, unterstützt von der Grossmutter, auf die Feier vorbereitete.
Und du verschwandest.)

Ich hörte das Rascheln der Seide, stellte mir die Geschmeidigkeit des Organzastoffes vor und versuchte mich mit dem Gedanken zu trösten, dass du mir gerade wieder einmal eine deiner Überraschungen, die allerschönste, bereitetest. Bestimmt wolltest du mir alles zusammen zeigen, damit es mir die Sprache verschlagen würde, wolltest du die Tüten und Schachteln, auf die ich kurz zuvor einen Blick erhascht hatte, verschwinden lassen. Möglicherweise – ich wagte den Gedanken kaum zu denken – hattest du mir ein Diadem gekauft, vielleicht kein echtes, aber ein genauso glitzerndes wie jene, die ich in den Schubladen im Zimmer deiner Mutter bestaunt hatte.

In die Tasche meiner Latzhose hatte ich einen weissen BH gequetscht, den ich aus ihrem Schrank genommen und aus Angst, dabei ertappt zu werden, nicht anzuprobieren gewagt hatte.

(Während ich das Satinmieder auf meiner mit erstem Flaum bedeckten Brust glattstrich, während ich mir die weissen Strumpfhosen über die knotigen Beine voller Aufschürfungen und Krusten zog, dachte ich an dich, Mama, versuchte ich mir vorzustellen, was du damals gefühlt haben mochtest, in dem kleinen Dorf in der Brianza, im schummrig beleuchteten Wohnzimmer, in einer Nachkriegsperipherie, die Lichtjahre von einem Wunder entfernt war…
Die Angst vor den Nächten, die dich in der Schweiz erwarteten, bei diesem Mann, von dem du nur die warme Stimme und die brillanten Paradoxe kanntest, ich fühlte sie in der improvisierten Umkleidekabine auf meiner Haut. Dieselbe Furcht vor der Zukunft, dasselbe Gefühl der Leere. Ich war dich, Mama.)

Und dann sah ich unter dem Laken die langen, weissen Schuhe und darin Brunos haarige Füsse, fühlte eine Hand, die sich mir auf die Brust presste und mich am Atmen hinderte. Ich verstand zwar nicht, was vor sich ging, fühlte aber, dass ich in diesem Moment am falschen Ort war. Oder besser, soll ich dir die Wahrheit sagen, Bruno, jetzt, da alles vorbei ist? Ich spürte, dass ich in meinem Leben nie am richtigen Ort sein werde. Und in diesem Moment hätte ich alles dafür gegeben, in meiner Tasche nicht die kalte Oberfläche des Satin-BHs zu ertasten, sondern das Plüschkätzchen, das ich mir jeden Abend zum Einschlafen auf die Schläfe legte…

(Als ich, mir den Schleier zurechtrückend, die behelfsmässige Umkleidekabine verliess und in die Ecke trat, wo Anna erschrocken auf mich wartete, fühlte ich, Mama, dass ich dich immer in mir tragen würde, dass wir drei immer zusammen sein würden – wie jetzt, in diesem Klinikzimmer.)

Als ich dich im Halbdunkel der Garage in meinem Hochzeitskleid herantreten sah, taumelnd auf den hochhackigen Schuhen, die ich selbst zu tragen geträumt hatte, als ich die Nadel sah, mit der dein Schleier am kastanienbraunen Haarschopf befestigt war, wurde mir klar, dass «Glück» ein Wort ohne Gewicht ist, ein Schmetterling, der sich die Flügel an einer wertlosen Glühbirne verbrennt.

 

 Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Sauser.

 


Giovanni Fontana wurde 1959 in Mendrisio geboren und unterrichtet am Liceo cantonale di Lugano 2. Er hat literaturwissenschaftliche Studien veröffentlicht (Cantare di Madonna Elena, Accademia della Crusca,) und Aufsätze über Prosa- und Gedichtschreiber des 20. Jahrhunderts wie Emilio Tadini, Giorgio Orelli und Mario Luzi verfasst. Letzterem widmet sich auch Fontanas Band Il fuoco della creazione incessante. Studi sulla poesia di Mario Luzi.

Ausgezeichnets Werk: «Breve pazienza di ritrovarti.» Novara, Interlinea

Breve pazienza di ritrovarti, das bemerkenswerte Debüt von Giovanni Fontana, ist eine Galerie schmerzerfüllter Figuren, eine Sammlung menschlicher Schicksale, für die «das Wort Glück kein Gewicht hat». Über die manchmal auch rauen Inhalte hinaus garantieren das kontrollierte Stimmengeflecht und der reife Stil des Autors eine hohe literarische Qualität. Ohne auch nur im Geringsten der Sentimentalität zu verfallen, erforscht er auf sensible Weise diesen «Strudel der Gesundheit und Krankheit», in dem seine Charaktere versinken. (BAK)

Auszeichnungen:

2016 Schweizer Literaturpreis


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