Schweizer Literatur in Kurzkritik XIII

11 Bücher, vorgestellt in dreizehnten Folge der «Schweizer Literatur in Kurzkritik». Fortsetzung folgt.

Von der Gefahr eines «physiognomischen Autodafés»

Was, wenn man die Bösen an ihren Gesichtern erkennen könnte? Oder wenn ein Blick in die Gehirne zeigen würde, woran man mit jemandem ist? Endlich hätte man, in Form von Hirnbildern, den Atlas des Uomo delinquente, wie ihn schon Cesare Lombroso entworfen hat (1878). Lichtenbergs Schreckensvision wäre dann bedrohlicher denn je: «Wenn die Physiognomik das wird, was Lavater von ihr erwartet, so wird man die Kinder aufhängen ehe sie die Taten getan haben, die den Galgen verdienen, es wird also eine Art von Firmelung jedes Jahr vorgenommen werden. Ein physiognomisches Auto da Fé.»

Die Hoffnung der Neurowissenschafter, den Leib doch noch zum Sprechen zu bringen, die alten Zeichen des Höllenfürsten, die Kainsmale, Hörner, Ziegenfüsse und Missbildungen durch bildgebende Verfahren lesbar zu machen, ist der Anlass für die Frage nach der Anatomie des Bösen. Gesucht wird nach der Geschichte der Repräsentationen des Bösen, nach der Geschichte der Zeichen im und am menschlichen Körper. Die Beiträge zur christlichen Tradition einer Zeichensprache des Bösen in Mittelalter und früher Neuzeit, zur Herkunft der Anatomieleichen von den Richtstätten im 18. Jahrhundert, zu Lavaters Physiognomik und Galls Phrenologie und zu Lombrosos positivistischer Kriminalanthropologie des atavistischen «Verbrechermenschen»: sie alle skizzieren den historischen Rahmen, in dem neurowissenschaftliche Bestrebungen, das Böse im Körper zu lokalisieren, gesehen und die Gründe, warum sie kritisiert werden müssen. Das Gespräch zwischen dem Herausgeber und dem Bielefelder Neurowissenschafter Hans Markowitsch macht deutlich, dass eine solche kulturhistorisch angelegte Dekonstruktion als Vorbeugung gegen eine mögliche «Renaissance der Phrenologie» und gegen eine biologistische Relativierung der Verantwortlichkeiten dringend nötig ist.

Vielleicht ist es doch eher so, dass wir alle «Verbrecher aus verlorener Ehre» sind, wie jene berühmte Erzählung von Schiller das Thema der sozialen Voraussetzungen unseres Handelns etwas holzschnittartig benennt. Eindrücklich sind die Zeugnisse, die zu belegen scheinen: aus uns allen kann, entsprechende Bedingungen vorausgesetzt, das Böse sprechen! Oder könnten wir sicher sein, bei Milgrams berühmten Gehorsamkeitsexperimenten nicht mitgemacht zu haben? Nicht zu jenen «ganz normalen Männern» zu gehören, die, wie Harald Welzer einmal mehr zeigt, im Rahmen von Erschiessungen im Hinterland der Ostfront, zu allem fähig waren? – Die Ausstellung, die das Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen noch bis zum 10. Mai 2009 zum Thema zeigt, stellt den aktuellen neurowissenschaftlichen Diskurs in eine Tradition, deren unterschiedliche Ausprägungen zeigen, dass der Wunsch, durch die richtige Lektüre der Zeichen präventiv wirken zu können, viel älter ist als dieser Diskurs. Aus der historischen Distanz sehen wir, was uns im farbigen Gegenlicht von Computer- und Kernspintomographie leicht verborgen bleibt. Der Sammelband, grosszügig gemacht, mit hervorragendem Quellenmaterial, ist kein Ausstellungskatalog, sondern ein verführerisch teuflischschönes Lese- und Bilderbuch.

vorgestellt von Jürg Berthold, Zürich

Roger Fayet (Hrsg.). «Anatomie des Bösen. Ein Schnitt durch Körper, Moral und Geschichte». Zürich, Baden: hier+jetzt,

Logos frisst Mythos

Quatemberkinder leben in zwei Welten. Sie sind Menschen, zugleich pflegen sie Umgang mit Geistern und Teufeln aller Art. Melk ist ein solches Quatemberkind. Das Zaubern freilich will ihm nicht so recht gelingen, weil er so «usinnig verstuunet» (ganz verträumt) ist. Vreneli aber hält seine schützende Hand über ihn.

1998 erzählte Tim Krohn im Roman «Quatemberkinder» die Geschichte von Melk und wie er lange nicht begreifen wollte, dass das Vreneli ihn gern mochte. «Vrenelis Gärtli» rückt nun seine Freundin in den Mittelpunkt. Im Unterschied zum stillen Melk ist Vreneli ein rechter Wildfang, der sich jeder sozialen Kontrolle entzieht. In seiner Familie herrscht seit je die sonderbare Ordnung, dass die Männer für die Kinder sorgen, während es die Frauen in die Welt hinauszieht. Die Frauen verbindet ein geheimnisvolles Band mit der Schöpfung. Diese Welt voll Magie und mythischer Innigkeit findet aber ihr Ende. In dem Moment, wo Melk und Vreneli endlich zusammenfinden, obsiegt der von Melk verkörperte Logos über den Mythos und Vreneli verschwindet still aus dieser Welt, «zöpflet» still sein Leben zu Ende.

Mit «Vrenelis Gärtli» geht Tim Krohn einen Schritt über «Quatemberkinder» hinaus und stellt seine Geschichte in einen kulturhistorischen Kontext. Das «Gnuusch», will heissen der Wirrwarr mit den Identitäten und Rollen, das Vreneli wunderbar verkörpert und das selbst den Herrgott in seinem Himmelreich beschleicht, wird in die rationale Ordnung der Moderne übergeführt. Abermals verblüfft Tim Krohn mit seiner unnachahmlichen Mischung aus deutscher Hochsprache und dem alpenländischen Dialekt des Kantons Glarus. Geschmeidig formt er die beiden Idiome zu einem zauberhaften Erzählstrom, worin es «wäffelet» und «vergüegelet», dass es eine Freude ist. Derart spiegelt sich in der Sprache selbst der Grundkonflikt zwischen Mythos und Moderne. Nicht das geringste Verdienst dabei ist, dass Krohn die Feinheit der Wortwahl auch erzählerisch in subtilen Zwischentönen aufhebt und so nicht selten eine wundersam komische Wirkung erzielt.

Das Miteinander von Hochsprache und Dialekt verkörpert der in Nordrhein-Westfalen geborene Krohn gleich selbst, wenn er mit geschliffener Diktion aus seinem Buch liest. Parallel zum neuen Roman erscheint sein Vorgänger als Hörbuch, vom Autor selbst gelesen. Dieses bietet so gleich gute Gelegenheit, erstens sich in Vrenelis Idiom einzuhören und zweitens mit der Gegengeschichte von Melk vertraut zu werden.

vorgestellt von Beat Mazenauer, Luzern

Tim Krohn: «Vrenelis Gärtli». Berlin: Eichborn, 2007. Das dazugehörige Hörbuch, gelesen vom Autor, ist bei Kein & Aber erschienen.

Aktenlektüre zumal, doch wie erregend…

Dass es bei der offiziellen Schweiz wenig Freude hervorrief, wenn Karl Barth sich, nach seinem von den Nazis erzwungenen Weggang aus Deutschland, zu den Verhältnissen dort äusserte, war früh bekannt. Erstmals ist nun aber das ganze Räderwerk der Schikanen zu besichtigen, in das er durch Regierungsinstanzen und nachgeordnete Behörden geriet – jenes Ineinandergreifen von Kontrollen, Eingriffen, Verboten und Beschlagnahmungen, einschliesslich dadurch hervorgerufener Reaktionen bei Freunden wie Gegnern.

Die von Eberhard Busch, einem der besten Kenner des Barthschen Werks, aus Archivbeständen rekonstruierte und mit einem sachkundigen Kommentar versehene Dokumentation zeigt, wie hartnäckig, wie verdruckst und beflissen auch, hier jemand beaufsichtigt wurde, der aus dem verordneten Konsens ausscherte. Wiederkehrender Vorwurf der Schweizer Stellen war, dass Barth gegen Deutschland agitiere, durch seine Stellungnahmen folglich die Neutralitätsdoktrin verletze, die der Bundesrat durch den Erlass verschiedener Dekrete zur «Überwachung» von Presse, Schrifttum und privatem Verkehr schützen wollte. Anlass für diesen Verdacht bot der streitbare Theologe allerdings genügend. In Vorträgen und Schriften, Briefen und Rundfunkbotschaften verurteilte er den Nationalsozialismus scharf und bezichtigte das eigene Land, aufgrund seiner Wirtschaftsbeziehungen, Kredite und Waffenlieferungen dessen indirekter Kriegshelfer zu sein. Auch die Behandlung der Emigranten missfiel ihm.

Ein Gesinnungsethiker, der mögliche Folgen seines Tuns für andere nicht bedachte, war Barth keineswegs. Bestimmte Prinzipien jedoch sah er als absolut an. Eine Idee von der besonderen Aufgabe der Schweizer Neutralität zählte dazu, die eben nicht bedeuten konnte, dem Zeitgeschehen «unbeteiligt» zuzusehen, sondern beispielhaft zivilisatorische Standards, ein «Stück europäischer Ordnung, … aufrechtzuerhalten». Während das Konzept des Bundesrats Friedenssicherung durch Wohlverhalten zu erreichen suchte, war Barth davon überzeugt, dass die Freiheit bereits gefährdet war, wenn man sich einschüchtern liess. Zwingli zitierend, brachte einer seiner Unterstützer im geistlichen Amt es auf den Punkt: «Nit förchten ist der Harnesch!»

Mit alledem zur «Stärkung der schweizerischen Widerstandsbereitschaft» beizutragen, war Barths Ziel. Im Kern ging es ihm dabei stets um die Bestimmung des «Orts…, von dem aus wir Christen uns heute christlich entscheiden können». Indem er dagegen verstiess, dass die «Herren» vom Bundesrat «auf ihren vollmächtigen Wegen von unsereiner nicht in Frage gestellt werden wollen», hinterliess Barth ein beeindruckendes Zeugnis intellektueller Tugenden. Über den historischen Kontext hinaus ist es für die Relativierung der Ansprüche oder Abläufe der Macht, auf welchen Ebenen auch immer, unvermindert bedeutsam.

vorgestellt von Hans-Rüdiger Schwab, Münster

Eberhard Busch (Hrsg.): «Die Akte Karl Barth. Zensur und Überwachung im Namen der Schweizer Neutralität 1938–1945». Zürich: TVZ, 2008

…auch Kurt Marti war von Karl Barth fasziniert

Kann man an Erinnerungen erkranken oder erinnerungssüchtig werden? Kurt Martis Wortprägung «Memoritis» legt zumindest nahe, dass er eine pathologische Variante der Memoria kennt. Kleine Episoden legt er vor, über fünfzig sind es, auf zwanzig Jahre verteilt, Erzählminiaturen eigentlich, bald theologisch, bald erotisch aufgeladen, bunte Erinnerungsblätter in grau-brauner Zeit, Nachrichten aus einem unversehrten Land von einem Studenten, der nach 1945 ins zertrümmerte Deutschland fährt, wie Max Frisch, könnte man sagen; Fritz Dürrenmatt, der Sonderling, war eine Zeitlang in seiner Berner Schulklasse. Ein sympathisches Buch, eigentlich, geschrieben, um die eigene «Memoritis» zu kurieren. Die erste Person singular darf nur knapp zweieinviertel Seiten «Vorbemerkungen» beanspruchen. Dann distanziert sie sich von sich selbst und nennt sich altertümelnd «Jüngling», dann einfach «er» oder «der Student». Hier kokettiert einer doch etwas irritierend mit dem Prinzip Selbstdistanzierung. (Beständig fragt sich der Leser: Warum nur? So allenthüllend sind diese Memoiren denn nun auch nicht, dass ein etwas mutigeres Ich sie nicht ertrüge.) Am Ende der Erinnerungen tritt der Berner Jüngling von einst in den evangelisch-reformierten Kirchendienst ein, als «Diener am göttlichen Wort», auch wenn er gerade noch Josephine Baker im Berner Kursaal gehört hat. Aber der reformierte Protestantismus gestattet ja dergleichen…

Wenig in diesem Band verrät den späteren Lyriker, einen der bedeutendsten der schweizerischen Gegenwartsliteratur. Eindrücklich Kurt Martis, des «Studenten», Schilderung von Karl Barth: «Seine häufig weit ausholenden, weit dahinschwingenden, einen Sachverhalt einkreisenden Sätze, nicht immer leicht lesbar, offenbarten im mündlichen Vortrag erst recht ihre Musikalität und gleichsam barocke Sinnlichkeit. Dass seine hellblauen Augen oft kurz vom Typoskriptblatt aufsahen und über die vorgerutschte Brille hinweg Blickkontakt mit der Hörerschaft herstellten, verriet zudem, wie dialogisch sein magistraler Diskurs angelegt war.» Stellen wie diese erinnern beispielsweise an Nicolaus Sombarts insgesamt freilich ambitionierteren studentischen Reminiszenzen an Heidelberg (Rendezvous mit dem Weltgeist. 1945–1951). Auch die Art, wie Marti subtil Stimmungsbilder aus dem Bern der Zwischenkriegsjahre zeichnet, die Anfälligkeit bestimmter Eidgenossen für faschistisches Gedankenungut andeutet, die dann aber rechtzeitig umschlug in Widerstand, alles das lohnt die Lektüre dieses sonst eher unauffälligen Bandes. Leicht wird er es nicht haben, sich in der Flut der Memoirenliteratur zu behaupten, schwerer zumindest als Martis Gedichtbände.

vorgestellt von Rüdiger Görner, London

Kurt Marti: «Ein Topf voll Zeit 1928–1948». Zürich/München: Nagel & Kimche, 2008

Ein Häufchen akkurat katalogisierten Elends

Gestern war alles besser. Das kann der besonnene, streng rationale Paläontologiedozent Emile Ryffel bestätigen, denn beruflich löffelte er sich mit feiner Akribie durch die Sedimentschichten vorzeitlicher Vulkaneruptionen, privat lebte er noch am Vortag den Stammhirntraum aller Akademiker: eine aparte Kulturschaffende – die Ebenbürtige – als feste Partnerin und eine knackige Studentin – das Kätzchen – für die freien Abende…

Heute ist alles schrecklich. In seinem feinfühligen Roman «Im Park» stösst der Aargauer Christian Haller seine Hauptperson rabiat aus dem Paradies: Ryffels Lebensgefährtin Lia erleidet im Hier und Jetzt eine Hirnblutung. Viel zu früh, viel zu unerwartet, erfährt der Leser, wenn er mit Ryffel die Wohnung betritt, in der es Lia beim Lesen eines Krimis niederwarf. Schrittweise entfaltet sich das Leben, wie es war und nie mehr sein wird. In klarer, knapper Sprache, einprägsam auf das Nötigste reduziert, muss Ryffel eine neue Haltung für ein neues Leben suchen, als erwachsener Mann zwischen den Extremen seiner zerstörten Existenz, zwischen Pflichtbewusstsein und sexueller Lust mit seiner jungen Klara, zwischen gewachsener Verpflichtung und dem Wunsch eines Vierzigjährigen nach draufgängerischer Unbekümmertheit…

Morgen wird alles anders werden. Emile Ryffel muss erfahren, dass er nirgends mehr richtig dazugehören kann, dass er derjenige ist, der auf der Strecke bleiben wird. Für die verstörte Lia ist er der selbstverständliche Händchenhalter und Gesundbeter, um den sie sich nicht auch noch kümmern kann im Kampf um ihre verlorene Körpermitte, mit einer «linken Hälfte, die an ihr hing, gelähmt und wie ein nasser Sack». Auf der anderen Seite die Geliebte, sein Hoffnungsschimmer und seine grösste Sünde. Sie wird weiterziehen, andere jüngere, ebenbürtigere Männer kennen lernen…

Es ist die ungerechte, aber gleichzeitig spannende Konzentration auf das Leiden des einsamen, zur wissenschaftlichen Abgeklärtheit verdammten Ryffel, die dem Buch seine beeindruckende Stringenz gibt. Ryffel wird nicht schreien oder wüten, nicht einmal unbedacht handeln, er wird tagein tagaus von der Wohnung durch den Park zur Klinik und wieder zurückgehen und wird für den Rest seines Lebens ein Häufchen akkurat katalogisierten Elends sein.

vorgestellt von Michael Harde, Schalkenbach

Christian Haller: «Im Park». München: Luchterhand, 2008

Wir spielen immer – wer es weiss, ist klug

Kurz vor seinem Tod legte der Schauspieler, Übersetzer und Theaterregisseur Pinkas Braun im Frühjahr des vergangenen Jahres seine Autobiographie vor. Als Kind jüdischer Emigranten 1923 in Zürich geboren, besuchte er die Pflichtschule und brach eine Kaufmannslehre ab, um Schauspieler zu werden.

Doch ist das Pinkas Braun? Ist es wirklich der Künstler selbst, der in seiner Autobiographie über sich schreibt, oder ist er ein anderer? Entwirft er mit dem Schreiben eine Figur, eine Rolle? Pinkas Braun reflektiert diese Probleme in seinem Buch: «Er? Jener dreizehnjährige Junge war natürlich ich. Er – ich: klingt wie Erich. Laut Lexikon, der ‹allein Mächtige›.» Und so wird deutlich, aus welchen Zeiten seines Lebens sich Braun in den Er-Ich-Passagen des Buches nähert: jener scheinbar ungetrübten Vergangenheit der Kindheit und Jugend, aus der er mit Fabulierlust berichtet. Doch dann kommen auch Zweifel auf. War das wirklich so, damals, als er in die Schule, zum Fussball oder in die Lehre ging? «Sobald Erich spricht, verklären sich meine Erinnerungen, und obwohl er nicht lügt, suggeriert er mir eine glückliche Kindheit.» Mancher Teil seiner Kindheit und Jugend war verdunkelt von den Anfeindungen, denen Juden auch in der Schweiz während der NS-Zeit ausgesetzt waren. Und dann schleicht sich das «Ich» ein, berichtet aus einer kritischeren Perspektive. In diesen Passagen wird deutlich, wie die Verfolgung der europäischen Juden von der Schweiz aus wahrgenommen wurde, von Braun, seiner jüdischen Familie und den jüdischen Arbeitskollegen in der Konfektionsfabrik Max Kahl, in der er zur Lehre ging.

Vielleicht ist es auch diese schwierige Zeit und die Sicherheit, die das Überstreifen einer Rolle zuweilen bietet, die Pinkas Braun dazu verleiten, das Theaterspiel im Alltag fortzuführen. Zum öffentlichen Thora-Lesen auf der eigenen Bar-Mizwa etwa schreibt er: «Es war sein erster erfolgreicher öffentlicher Auftritt. Nur sein Vater durchschaute ihn. Er wusste, dass Erich die hebräischen Texte mechanisch auswendig gelernt und kein Wort von dem verstanden hatte, was er so überzeugend zelebrierte … Er nahm ihn nach der Gratulationscour beiseite, schaute ihn seufzend und zugleich lachend an und sagte: ‹Ich danke dir. Ab heute brauchst du keinen Religionsunterricht mehr, du bist ein hoffnungsloser Fall.›»

vorgestellt von Markus Köhle, Wien

Pinkas Braun: «Vorspiel. Eine Jugend – ein Bühnenleben». Zürich/München: Nagel & Kimche, 2008

Keller, Keller, Keller

Was hat Gottfried Keller mit Aischylos oder Sophokles zu tun? Die Frage könnte auch Keller-Fachleute in Verlegenheit bringen, denn Keller hat sich – abgesehen von ein paar Theaterfragmenten – nicht als Dramatiker hervorgetan. Antwort darauf weiss das von Martin Müller verfasste Personenlexikon zu Kellers Leben und Werk. Denn im Vorwort von «Der schweizerische Bildungsfreund, ein republikanisches Lesebuch» (1876) erklärt Keller, weshalb er Auszüge aus antiken Tragödien, von Sophokles und Aischylos, in die Anthologie aufgenommen habe, «damit manch stiller Jüngling in den Volkshütten einen geistigen Gewinn ziehe».

In über tausend Artikeln stellt der Autor die literarisch und biographisch wichtigen Personen Kellers vor: Freunde, Förderer und Feinde, Verleger und Rezensenten, Literaten und Künstler, nicht zu vergessen die Hauptfiguren seiner Werke sowie die von Keller verehrten Frauen. Doch Keller war nicht nur Verehrer, er wurde auch verehrt. Eine Clotilde Scholl, Hausfrau und Mutter von acht Kindern, schickte ihm einen bewundernden Brief, weil sie dank der täglichen Lektüre von Kellers Werken Ablenkung von ihren Beschwerden finde. Auch Kellers literarische Vorbilder sind aufgeführt: Shakespeare, Goethe und Schiller sind auf je vier bis sechs Seiten mit ihren zahlreichen Werken und deren Wirkung auf Keller verzeichnet. Schiller hat er vor allem «als Kämpfer für den Fortschritt, als freiheitlichen Denker und als eine Art moralische Instanz» geachtet. Zur Erleichterung der Suche sind im Register des Lexikons die Personen nach thematischen Gesichtspunkten aufgeführt. Unter «Feinde, Kontrahenten und sonstwie missliebige Personen» beispielsweise kommen Zeitgenossen vor, die Keller in seiner ganzen bärbeissigen Art zeigen, wenn er gegen Politiker, Theologen oder Publizisten vom Leder zieht.

Der Keller-Fachmann und frühere Lektor des Artemis Verlages, Martin Müller, hat für seine respektheischende Arbeit sämtliche gedruckten Texte Kellers beigezogen, auch Aufsätze, Tagebücher und über 1’200 Briefe. Für Wissenschafter und fortgeschrittene Kellerliebhaber ist das Buch eine unerschöpfliche Fundgrube – und vergnügliche Lektüre obendrein, weil der Autor in seine Artikel viele anschauliche Zitate einzuflechten weiss.

vorgestellt von Rainer Diederichs, Zürich

Martin Müller: «Gottfried Keller. Personenlexikon zu seinem Leben und Werk». Zürich: Chronos, 2007

Schweizerreise durch Höhen und Flachland

Im Sommer 1983 gründeten Renate Nagel und Judith Kimche in Zürich einen Verlag, der sich bald zu einer der feineren Adressen für Schweizer Literatur entwickelte. Später wurde er an den Münchner Hanser Verlag verkauft, und seit 1999 leitet Dirk Vaihinger die Geschicke des Hauses. Eine gediegene Anthologie, herausgegeben vom Verlagsleiter, durfte zum 25jährigen Geburtstag nicht fehlen, und da Nagel & Kimche seit je mit herausragender Prosa aus allen Landesteilen zu tun hat, versammelt die «Schweizerreise» 25 Erzählungen aus (aufgerundet) 25 Kantonen, die in den letzten (abgerundet) 25 Jahren entstanden sind. Der Kanton, schreibt Vaihinger in seiner Nachbemerkung, sei «das Bauelement der Schweiz», und wenn man die Beiträge nach den Heimat- oder Wohnkantonen ihrer Verfasser auswähle, entstehe ein Abbild der Binnendifferenzen des Landes. Ausserdem ergebe sich «ein poetisches Mosaik, eine narrative Landeskarte, ein Spiegel der literarischen Arbeit in der Schweiz». Ein apartes Projekt mit hohem Anspruch: reisen wir los!

Schon nach den Texten von Klaus Merz, Helen Meier und Adelheid Duvanel ist klar, was man von vornherein vermuten konnte: die Prosastücke könnten unterschiedlicher kaum sein, und die Kantone spielen darin eine untergeordnete Rolle. Oder doch nicht? Bei Lukas Bärfuss ist es anders, bei Marie-Claire Dewarrat auch. Dem Verlegenheitsbeitrag von Yvette Z’Graggen folgen zwei der besten Geschichten des Bandes, «Zeit der Sanduhren« von Emil Zopfi, eine kunstvoll gebrochen erzählte Erinnerung an eine Klettertour über dem Walensee, und «Die dunkle Seite des Mondes» von Silvio Huonder, eine eindrucksvolle Prosaskizze, die die Ereignislosigkeit einer Jugend in der Provinz um das Jahr 1970 herum brillant einfängt. Mit Freude liest man die Beiträge von Leo Tuor, Alexandre Voisard und Erwin Koch. Für Neuenburg spricht Anne-Lise Grobéty, für St. Gallen ist Vaihinger leider nichts Besseres eingefallen als fünf Seiten aus Peter Webers «Wettermacher» von 1993. Dafür entschädigt die Prosa von Isolde Schaad, Gertrud Leutenegger, Giovanni Orelli und Peter Stamm – und natürlich Peter Bichsels solothurnische Operette «Der Busant». Auch die Texte von Dominik Brun, Martin Stadler, Jacques Chessex und Maurice Chappaz lassen sich lesen. Sehr lustig: Thomas Hürlimanns Schilderung der Schweizerreisen seiner Kindheit. Düster geht es zu in der höchst kunstvollen Geschichte von Ruth Schweikert, und Charles Lewinsky bringt endlich auch die Vielsprachigkeit des Landes und dessen nicht unproblematisches Verhältnis zum restlichen Europa zur Sprache.

Trotz Lewinsky: die interkulturelle Dimension heutiger Schweizer Literatur kommt auffällig zu kurz. Warum sind Prosakünstler wie Ilma Rakusa, Dante Andrea Franzetti, Zsuzsanna Gahse, Francesco Micieli oder Irena Brežná nicht vertreten?Zugegeben, das Einfachste beim Stirnrunzeln über Anthologien ist immer die verwunderte Nachfrage, warum der oder die nicht darin vorkommt. Doch richtig repräsentativ wäre so eine Schweizerreise erst, wenn ein wenig öfter über Grenzen geschaut worden wäre – vom Kanton aus, warum denn nicht? So aber bleibt das Buch eine heterogene, in der Zusammenstellung keinesfalls zwingende Sammlung von nicht ganz frischen, aber meistens gut lesbaren Erzählungen.

vorgestellt von Klaus Hübner, München

Dirk Vaihinger (Hg.): «Die Schweizerreise. Erzählungen aus den Kantonen». Zürich / München: Nagel & Kimche 2008

Fans im Fokus

2008 war nicht nur das Jahr der Fussball-EM, es war auch das Jubiläumsjahr der Schweizer Nationalmannschaft. 100 Jahre zuvor bestritt sie ihr erstes Spiel, gegen Frankreich. Und verlor sie dieses noch, so fuhr sie schon im zweiten Spiel, gegen Deutschland, den ersten Sieg ein. Dies und die weitere Geschichte der Mannschaft untersucht der Bildband von Werner Bosshard und Beat Jung anhand von Illustrierten von 1908 bis in die 1970er-Jahre hinein. Obwohl der Textteil stets auch die Gegenwart mitdeutet, hat bei den Fotos diese «zeitliche Beschränkung einen Grund: Spätestens in den 1970er-Jahren löste das Fernsehen die illustrierten Zeitschriften als Hauptmedium für Bilder ab.»

Nicht wie üblich um Spieler, Trainer und ihre Erfolge dreht sich dieses Fussball-Buch, sondern um die Fans. Daher ist es auch ein Buch über jene, die die Fussballfans ablichteten oder über sie berichteten. Denn neben Fähnchen, Kuhglocken, Ratschen und anderen Utensilien, sind Zeitungsartikel die wenigen Spuren der schweizerischen Fans, auch wenn in ihrem Zentrum dann doch wieder die Akteure auf dem Rasen stehen.

Durch die vielen Erfolge des frühen schweizerischen Fussballs, gegen Mannschaften wie Frankreich, Italien, Holland, England oder Portugal, wurde er zu einem der ersten massenkulturellen Ereignisse des Landes, und manche Spiele zählten bis zu 60’000 Zuschauer. Dieser Geschichte widmet sich das erste Kapitel, in dem sich Überlegungen zur Massenkultur finden, die vor allem auf Elias Canetti aufbauen. Leider kratzen sie dabei oft nur an der Oberfläche. Wenn etwa die Körpervermessungen der Organisatoren der WM 1954, die danach fragten, wieviel Platz ein Zuschauer höchstens brauche, mit Canettis Satz «die Masse liebt Dichte» erklärt wird, führt das am Zitat und am Thema vorbei, da die Enge von den Zuschauern nicht freiwillig gewählt war.

Der zweite Teil widmet sich den Fotos von Fans und somit Pressefotografen wie Lothar Jeck, Walter Scheiwiller oder Milou Steiner. Von den Zuschauern liess sich damals leichter ein ästhetisches Bild erstellen als vom laufenden Fussballer auf dem Feld. Hier wird dann auch erwähnt, wie sich die Fotografie durch die Erfindung kleinerer Apparate demokratisierte, der Fan als Produzent den Profi ablöste. Doch wäre vielleicht auch die Deutung interessant gewesen, dass das möglicherweise mit ein Grund war, weshalb das Pressefoto ab den 1970er Jahren an Bedeutung verlor: da es neben dem selbstgeschossenen Bild nicht mehr das einzige Erinnerungsstück und insofern keine Besonderheit mehr war.

vorgestellt von Urs Malte Borsdorf, Wien

Werner Bosshard, Beat Jung: «Die Zuschauer der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft. Zürich: Limmat, 2008

Ein-Satz-Bilder, Ein-Bild-Sätze

Der Zürcher Autor Peter K. Wehrli, so die Legende dieses Buchs, soll vor vierzig Jahren auf einer Reise den Fotoapparat veragessen haben, was ihn animierte und zwang, mit der Sprache zu fotografieren. Er machte Ein-Sätze-Bilder mit Titelwort. Darin liegt der Clou: ein Bild, ein Satz; ein Satz, ein Bild. Alle zusammen bilden ein Buch, und noch mehr Bilder ein grösseres Buch. Work in progress. Auf neuen Reisen hat Wehrli immer fortkomponiert, seine Wahrnehmungs- und Konstruktionsschule verfeinert und seine unvergleichliche Langsatzsammlung wiederholt erweitert. Der Eindruck ist das eine; seine Gestaltung und virtuose Insprachesetzung das andere. Niemand kann dabei Wehrli etwas vor- und niemand ihm etwas nachmachen. Man kann den «Katalog von allem», wie die aktuelle, neugegliederte Fassung von fast 1’700 formstrengen, nie ins Manieristische entgleisenden, verschmitzt ironischen Relativsätzen heisst, von vorne lesen, aber auch von hinten her oder querbeet, und sich dabei in einer höchst persönlich poetisierten Topographie von Welt zu Welt tragen lassen, von Brasilien nach Bülach und Beirut. Man sieht in Worten, was man übersehen hat und hätte, und lernt und lächelt, dass es eine Lust hat. Etwas Surreales haben in diesem komischen Kosmos die alphabetischen Register, das «Titel-» und das «Personenverzeichnis», die eine Ordnung schaffen, nach der niemand verlangt. Vielleicht unterrichtet uns beim nächsten Neubeginn ein Verzeichnis auch über das Vorkommen von Brillen, Zahnlücken, Relativpronomen oder Schuhputzern.

vorgestellt von Thomas Sprecher, Zürich

Peter K. Wehrli: «Katalog von allem. Vom Anfang bis zum Neubeginn». Zürich: Ammann 2008

Zwischen den Sprachen und Literaturen

Die Polyphonie der vier Landessprachen und Literaturen steht im Zentrum auch der zweiten Ausgabe von «Viceversa Literatur» – des «Jahrbuchs der Literaturen der Schweiz». Wie schon letztes Jahr, erscheint «Viceversa» in einer deutschen, italienischen und französischen Ausgabe, neben «Viceversa Literatur» auch als «Viceversa Littérature» und «Viceversa Letteratura». Jede Ausgabe ist bemüht, in ihrer Sprache vor allem auf die Literatur der jeweils drei andern Landessprachen hinzuweisen. So findet sich über die drei Bände hinweg eine bunte Verflechtung bekannter Namen wie Adolf Muschg, Philippe Jaccottet, Jean-Luc Benoziglio, Agota Kristof, mit einer Reihe noch eher unbekannter Schweizer Autoren, wie Madeleine Santschi, Alberto Nessi, Dragica Rajčić und Mariella Mehr. Ihre Werke werden zuerst in einem kurzen Essay vorgestellt, auf welchen jeweils ein Gespräch über Aspekte ihres Lebens und ihres Schreibens folgt. Die Autorenporträts werden abgerundet durch die Übersetzung eines Auszugs aus einem ihrer Texte.

Darauf folgt ein der literarischen Übersetzung gewidmeter Teil, beginnend mit einem Gespräch mit dem vor allem in Frankreich bekannten Theaterautor Valère Novarina und seinem deutschen Übersetzer Leopold von Verschuer. Thema ist der schwierige Grenzgang, zu dem die Übersetzung von so ausufernden Texten, wie etwa denjenigen Novarinas, gezwungen wird. In einem zweiten Gespräch wird Christoph Ferber vorgestellt, der vor allem Texte aus der italienischen Literatur ins Deutsche übersetzt hat.

Der Themenschwerpunkt befasst sich mit Geschichte und Gegenwart der Literaturkritik in der Schweiz, in dem auch namhafte Vertreter dieser Sparte, wie etwa Roman Bucheli von der Neuen Zürcher Zeitung, zu Wort kommen. Grundtenor dieser Texte ist eine generelle Klage über das drohende Verschwinden einer qualifizierten Literaturkritik in den Tageszeitungen, von dem jedoch nicht nur die Schweizer Literatur betroffen ist.

Im darauffolgenden Teil, der dem Literaturjahr 2007 gewidmet ist, wird jeweils aus der Perspektive einer der vier Landessprachen ein Fazit aus den im vorangegangenen Jahr in der Schweiz erschienenen literarischen Texten gezogen. Die Präsentation wird ergänzt durch eine stattliche Anzahl von Kurzbeschreibungen zu Büchern in den jeweiligen Sprachen. Und zu guter Letzt findet man Kurzbesprechungen zu den wichtigsten Literaturzeitschriften der Schweiz, sowie ein Medienecho zu Übersetzungen von Texten Schweizer Autoren in eine der vier Landessprachen.

Abschliessend darf man dem viersprachigen Redaktionsteam herzlich gratulieren zu dieser sehr gelungenen zweiten Auflage von «Viceversa», das nicht nur für Spezialisten der Schweizer Literatur zu einem unentbehrlichen Instrument geworden ist, sondern das auch für gewöhnliche Leser eine wichtige Orientierungshilfe darstellen kann. Neben dieser praktischen Seite vermag «Viceversa» auch die Freude am Lesen zu wecken und zu vertiefen durch eine ganze Reihe interessanter Beiträge, die das Besondere der literarischen Sprache hervorheben. Dass dies im Konzert der vier Landessprachen möglich ist, grenzt schon beinahe an ein Wunder.

vorgestellt von Marco Baschera, Zürich

Service de Presse Suisse (Hrsg.): «Viceversa Literatur. Jahrbuch der Literaturen der Schweiz ». Zürich: Limmat, 2008. (Die französische bzw. italienische Ausgabe erscheint bei Editions d’En bas, Lausanne, bzw. Edizioni Casagrande, Bellinzona; www.culturactif.ch)

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»