Schweizer Literatur in Kurzkritik X

Sommerzeit, Urlaubszeit. Dass selbst dicke und grosse Bücher eine Reise nicht
beschwerlich machen, davon erzählt der erste Text in der zehnten Folge der «Schweizer Literatur in Kurzkritik». 12 Empfehlungen für lange Reisen. Fortsetzung folgt.

Im Flugzeug mit Fotos vom Grabserberg

«Nur in den Träumen, in der Dichtung, im Spiel beugen wir uns zuweilen über das, was wir gewesen sind, bevor wir das wurden, was wir vielleicht sind» (aus «Himmel und Hölle» von Julio Cortazar)

Es ist nicht einfach, mit einem so schönen und dicken Fotoband zu reisen. Einerseits weil der Sitznachbar ständig ins Buch schaut und die wunderbaren Fotos von Giorgio von Arb betrachtet, anderseits, weil ich das Gefühl habe, es sei nicht angebracht, die «Leute vom Grabserberg» auf eine Reise mitzunehmen, auf die sie gar nicht wollen. Vielleicht fliege ich sogar über diese Gegend, denke ich mir, während ich die Bilder ansehe. Von Arbs Fotos wollen nicht Dokument einer Wirklichkeit sein; sie sind inszeniert, sie sind die Stillegung einer Inszenierung. Dadurch zeigen sie nicht nur die Menschen, sondern auch eine Sicht dieser Menschen auf sich selber. Sogar die Tiere scheinen da mitzuspielen: wie etwa die Kuh von First Peter, die Katze bei Chläuser oder das Schaf in Mutlerentsch.

Ich bin auf dem Weg zum European Writers Congress in Stockholm. Der Lausanner Künstler neben mir kämpft mit der Flugangst und fragt mich, ob ich aus der Gegend vom Grabserberg stamme. Meine habe ein ähnliches Schwarzweiss, antworte ich ihm, das Emmentaler Schwarzweiss. Ich habe es geschafft, ihm ein Lächeln abzuringen. Wie seine Mutter heisse, will ich wissen, um ihn länger an der Angst zu hindern. Dorothée, sagt er und schaut mich erstaunt an. Ich öffne das Buch auf Seit 426 und finde tatsächlich den Namen. «Torti» würde man ihr am Grabserberg sagen, «Torti» wie «Torte». Mögen Sie Torten? Mögen Sie Dialekte? Der Airbus macht einen Schwenk, das Buch fällt fast auf seinen Schoss. Zu den Fotos von Giorgio von Arb kommen die interessanten und gutgeschriebenen Texte von Hans Stricker und Robert Kruker hinzu. Sie laden die Bilder mit wichtigen Informationen zu Land, Leuten und Sprache auf.

Im Aarlanda-Express, der vom Flughafen nach Stockholm führt, öffne ich das Buch nochmals, und wieder bin ich von diesen Aufnahmen und von den stillgelegten Geschichten gepackt. Was war vorher? Was ist nachher? Ich tauche in eine Schweiz ein, die es so noch gibt und auch nicht mehr gibt, in einen Augenblick, der vom Auslöser der Kamera des Fotografen bestimmt wird.

Draussen wartet ein sympathischer Junge mit einem Schild, auf dem mein Name steht und sagt «hei hei». Ich möchte ihm das Buch schenken, möchte es aber auch sehr gerne für mich behalten.

vorgestellt von Francesco Micieli, Luzern

Giorgio von Arb, Robert Kruker & Hans Sticker: «Leute am Grabserberg, Zwanzig Jahre danach». Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2007.

In Afrika mit Max

In Laos begegnete ich einmal zwei jungen Schweden, die sagten, sie wollten auf ihrer Reise durch Südostasien leben wie die Einheimischen. Sie lernten kochen wie Laoten, kleideten sich wie Laoten, nur Bier tranken sie wie Schweden, und so waren sie auch schon ziemlich besoffen, als sie sich in Luang Prabang auf ein selbergebasteltes Floss setzten, um sich vom Mekong in ihr neues Leben treiben zu lassen. Ich winkte ihnen wehmütig nach, bis sie hinter der ersten Flussbiegung verschwunden waren. Sollten sie entdeckt haben, was ich noch suchte: das Abenteuer vom Verlorengehen in einer fremden Welt?

In David Signers Roman «Keine Chance in Mori» ist es Max, der auf einer Reise verlorengeht, der davon träumt, alles hinter sich zu lassen und deshalb in Afrika untertaucht. Und Serge, sein Freund, muss ihn im Auftrag von Max’ Vater wieder finden. Dabei gerät die Suche für Serge zum existenziellen Trip. Nicht nur, weil Max’ Vater Dr. Cronenberg als Verwaltungsratspräsident des Zürcher Schauspielhauses amtet und für Theaterregisseur Serge die Aufführung seines Premierenstücks vom Erfolg seiner Mission abhängt, sondern auch, weil ein jedes Rätsel, das Serge um Max’ Verschwinden löst, zu neuen Rätseln führt. Stück um Stück verliert Serge in Afrika alles: Geld, Sicherheit, Vorstellungen. Was wird er im Gegenzug finden? Max? Sich selbst? Die Liebe? Sein Ende?

Mit Feingespür für Ambivalenz und Atmosphäre verwebt Buchautor und «Weltwoche»-Journalist David Signer die Biographien seiner beiden Protagonisten und deren Abenteuer in Afrika zu einer Geschichte, die tief in die verwirrende Koexistenz eigener Wünsche und Wirklichkeiten führt. Und hinein in die fremde Welt eines Kontinents, von dessen Zauber sich Ethnologe Signer auf einer mehrjährigen Reise durch Afrika selber fast um den Verstand bringen liess. Wie schon in seinem wissenschaftlich geprägten Werk «Die Ökonomie der Hexerei oder Warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt», konfrontiert Signer die Leser auch in seinem Débutroman sanft und doch schonungslos mit der existenziellen Sinnlichkeit Afrikas, diesem scheinbar ewigen Tanz auf dem Scheidepunkt zwischen Traum und Alptraum. Dass dabei in Signers Buch auch ein Heiler eine wichtige Rolle spielt, versteht sich von selbst.

Geschickt lässt der Autor Phantasie und Realität verschwimmen, zieht den Leser immer weiter hinein in die Verschwommenheit eigener Träume und die Abgründe, die sich jenen auftun, die auf der Suche nach Freiheit sind. Janis Joplin hat längst besungen, worauf es dabei ankommt: «Freedom is just another word for nothing left to lose.» Aber sind wir bereit dafür? Ist es Max? Serge?

Die Schweden waren es nicht, übrigens. Am nächsten Tag bin ich ihnen wieder in Luang Prabang begegnet. Weit gekommen sind sie nicht. Bei der ersten Stromschnelle nach der Flussbiegung kenterte das Floss, und der Mekong trug nicht nur ihre Siebensachen, sondern auch ihre Lust auf Abenteuer davon. Als ich sie traf, buchten sie gerade ihren Rückflug nach Stockholm. Nach nur einer Woche Leben wie Laoten griffen sie zu den «Krücken im Bodenlosen», die jeder Reisende sicher auf sich zu tragen weiss: ihren Kreditkarten.

vorgestellt von Christof Moser, Zürich

David Signer: «Keine Chance in Mori». Zürich: Salis, 2007.

In Mundart quer durch die Evangelien

«Nach den vier Evangelien» gearbeitet zu sein, beansprucht Hansjörg Schneiders Dialektstück «Jesus und die drei Mareien», das bis zum 22. März während dreieinhalb Monaten in der Luzerner Mariahilf-Kirche zu sehen war. Der Untertitel verweist auf ein erstaunlich legeres Verhältnis des vor allem seiner Hunkeler-Krimis wegen beliebten Autors zur Eigentümlichkeit der Quellen. Gleich im ersten Satz des knappen «Vorworts» wird das Missverständnis noch deutlicher: «Die vier Evangelien sind glänzend geschriebene Reportagen…» Was die Wissenschaft seit Albert Schweitzers «Geschichte der Leben-Jesu-Forschung» über die Strukturen neutestamentlicher Überlieferung zutage gefördert hat, scheint nicht bis zu Schneider vorgedrungen zu sein. Statt dessen tut er so, als könne man heute noch den arglosen Historisten mimen, der Stellen aus den Synoptikern und Johannes umstandslos ineinander montiert, sie teilweise neu arrangiert und kräftigst mit eigenen Ausschmückungen versetzt.

Schneiders hermeneutische Lässigkeit hat nicht nur dramaturgische, sondern auch inhaltliche Konsequenzen. In unvorteilhafter Konfrontation mit Sokrates erscheint Jesus in dem durch einen Erzähler verknüpften Bilderbogen schlicht als jemand, der «doziert» und «behauptet», «Monologe» führt und «nicht zum Nachdenken» auffordert, «sondern zum Glauben». Gleichwohl gibt der Autor seinen Respekt zu Protokoll. «Jesus Christus» sei «auch dann noch eine grossartige Figur, wenn man ihn als gewöhnlichen Menschen betrachtet», und dies nachgerade in seinen Qualitäten als «Rebell» gegen verkrustete Ordnungen. Ein schrecklicher Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen. Eben weil Schneider es herzlich gut mit Jesus meint, bricht er ihn auf das Niveau des aufgeklärt Kompatiblen herunter. Eine Provokation ist das längst nicht mehr, eher bedient er damit munter den Massengeschmack.

Gegen eine mögliche Andersheit des Mannes aus Nazareth schottet der Autor sich ab. Folgerichtig bedarf Jesus der Ergänzung durch das Trio der (einem Kindergedicht entlehnten) Mareien. Die archaischen Muttergöttinnen fungieren zugleich als Sprachrohre heutiger Korrektheit. Das Erotische vernachlässige er, halten sie ihm vor, auch den Humor, überhaupt all das, was er haben sollte, um so zu sein, wie wir ihn uns wünschen. Zuviel Geist, zu wenig Natur, lautet die Diagnose, etwas zu weltfremd, will heissen: jenseits «vom richtige Läbe». Sein Bestehen auf gültigen Wahrheiten macht ihn zum «Fanatiker». Und auch an der Rede vom Heulen und Zähneklappern nehmen wir Anstoss. Kein Wunder, dass das Stück immer wieder ins allzu Eingängige, ja Banale abgleitet. Fast Szene um Szene könnte man auf Beispiele hin durchgehen, wie spirituelle Dimensionen getilgt werden. Auf ein «S´het öpper gredt» schrumpft die Logos-Theologie des Johannes-Prologs zusammen. In der Geburtsgeschichte muss Joseph als nölender Pflegevater wider Willen die Comedy-Figur geben. Hanebüchen wird das Verhältnis Jesu zur jüdischen Tradition traktiert. Was «bim Moses» steht, hält der 12jährige im Tempel kurzerhand für «alte Chabis».

Hier wäre auch einiges zum Gebrauch der von Drastik und Saloppheiten durchsetzten Mundart zu bemerken. Nicht nur in den Kritiken, die vom Veranstalter ins Netz gestellt wurden – und die diesen Namen ebensowenig verdienen wie zwei dem Buch als Anhang beigegebene hymnische Stimmen –, preist man allgemein eine elementare Kraft des Alltagsidioms. «Schweizerdeutsch ist so unverbraucht frisch und passt hervorragend zur einfachen Sprache der Evangelien», gibt Schneider selbst in einem Interview das Thema vor: «In dieser ganz anderen Tonart kommt die Frohe Botschaft ganz neu und lebendig daher.» Teilweise mag das ja so sein. Anderseits könnte damit vielleicht aber auch nur eine trügerische Vertrautheit erschlichen werden. «Nid nome a di dänke, sondern au a di andere.» Will man etwa von dieser Formulierung des Gebots zur Nächstenliebe ernsthaft behaupten, sie sei «unverbraucht frisch» und verleihe ihm mehr Authentizität oder Glaubwürdigkeit? Angesichts der Herausforderungen des Verstehens, vor die uns die Evangelien und ihre Auslegungsgeschichte stellen, ist das blosse Ausweichen in eine vermeintlich treffsichere Regionalsprache recht blauäugig.

Übrigens enthält das Stück durchaus beeindruckende Sequenzen. Dafür sind die Vorlagen eben doch zu stark – einschliesslich der Verse über die Vergänglichkeit des Menschen aus dem 144. Psalm, die als Epilog nachgestellt sind.

vorgestellt von Hans-Rüdiger Schwab, Münster

Hansjörg Schneider: «Jesus und die drei Mareien. Nach den vier Evangelien. Theaterstück in Schweizerdeutsch». Zürich: Ammann, 2007.

In Nöten mit der Liebe

Wer würde schon Einspruch erheben, wenn im Titel eines Buches, das «Liebesgeschichten» verspricht, von «Glück» die Rede ist? Denn wer würde das Hochstimmungspaar Liebe und Glück auseinanderdividieren wollen – wenigstens zu Beginn der Geschichten? Und wer schaut deshalb nicht zweimal auf den Titel des neuen «Liebesgeschichten»-Buches von Adolf Muschg, der da heisst: «Wenn es ein Glück ist»?

Wer Adolf Muschgs Werk kennt, weiss, dass das Liebesglück seinen Figuren kaum widerfährt. Zarte Wohlgefühle, lichte Momente oder jenes Geborgensein, das dem Urvertrauen entwächst – es sind Lebenselixiere, die ihnen nicht zugehören. Und wenn, dann wissen sie nicht, wohin damit. Was ihr Leben begleitet, ist das gesamte Arsenal menschlichen Elends. Adolf Muschg quält sein Personal mit Verrat und Verlassenwerden, mit Inzest, Behinderung, Krankheit und Tod durch Gewaltanwendung – eigener oder fremder. Nun hat der Autor eine Auswahl getroffen und 23 seiner «Liebesgeschichten», entstanden zwischen 1964 und 2002, in einem Band gesammelt. So, dass eine geballte Ladung an Schrecken nochmals nachzulesen ist – ein Stück Literatur sempre fortissimo.

«Diskant», eine Mutter-Sohn-Erzählung aus dem Jahr 1976, ist eine Ausnahme, nicht in der Thematik, aber im Ton. Sie schreitet ruhig fort, gelangt einstimmig von Satz zu Satz, lässt Raum zum Atemholen, so, dass man dem Sohn, der sich seiner altersstarrköpfigen Mutter zu erwehren sucht, auf den Fersen bleibt und Erfolg wünscht… Die Gegengeschichte «Bass» (1977) ist eine der vielen Wurzelgeschichten – eine Handlung mit vielen Verästelungen, deren Sprache man zwar bestaunt, die man sich aber entschlackter wünschte. So auch in der 1984 entstandenen Erzählung «Orka, der Geograf». August Killer, wie er eigentlich heisst – Orka ist sein Übername –, verstummt mehr und mehr: «Vielleicht war er ein wenig schützenswert. Aber davon sprach er nicht. Wenn die andern so etwas nicht spürten, dann ist ihnen auch nicht zu helfen, wenn man es ihnen sagt.» Orka schweigt und leidet, doch die Stille, die ihn umgibt, das Stammeln und Nichtmehrweiterkönnen, ist in der Erzählung abwesend. Die Leerstellen sind mit bewundernswerter rhetorischer Brillanz gefüllt, mit gelehrter Eloquenz – mit einem Willen, jeden Gedanken, jedes Wort unter Kontrolle zu haben.

«Da gibt es Stellen, die hast du unterschlagen», sagen die Enkel in einer Geschichte zu ihrem Grossvater. Vielleicht meinen sie die totenstillen Abgrundstellen, die entstehen, wenn es einem die Sprache verschlägt – kurz bevor der Schmerz hervorbricht. In seiner Frankfurter Poetikvorlesung sagte Adolf Muschg: «…denn schöne Sätze lassen sich natürlich als Panzerung verstehen…» Schönheit als Panzerung gegen die Leerstellen, da, wo sich das Eigentliche, das Existentielle ereignet?

Wem es die Sprache verschlägt – vor Glück oder vor Unglück, sagt keine schönen Sätze. Auch keine lauten. Der ist dort getroffen, wo die Kontrolle versagt. Wo alles erstmal ins pianissimo kippt.

vorgestellt von Silvia Hess, Ennetbaden

Adolf Muschg: «Wenn es ein Glück ist». Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2008.

In San Francisco mit Milena Moser

«Flowers in your hair» oder «Wie man in San Francisco glücklich wird » ist der neuste Band von Milena Moser. Nach drei Büchern, die von dieser Stadt beeinflusst worden sind – «Bananenfüsse» (2001), «Sofa, Yoga, Mord» (2001) und «Schlampenyoga» (2005) – ist dies nun eine sehr subjektive Aufarbeitung ihrer Amerikaerfahrung. Die Gattung ist schwer zu bestimmen und der Inhalt ist ein Mélange von Tagebuch, Reisejournal, historischen und touristischen Informationen, Kurzgeschichten mit vielen Klischees, die jedoch meist, durch die Reflexion der Autorin über kulturelle Differenzen, weiblich raisonnierend abgebaut werden. Die im Laufe der Amerikaaufenthalts zwischen 1998 und 2006 gesammelten Eindrücke sind genussreiche Unterhaltung sowohl für Amerikakenner wie auch für Neuankömmlinge. Die meisten Kapitel enden mit «Abstechern», einer Sammlung touristischer Informationen über kuriose Geschäfte, Krämerläden, wunderliche Motels, Cafés, Restaurants, ausgefallene Museen und Kirchen, Sehenswürdigkeiten oder Partyadressen einschliesslich der Telefonnummern und Webadressen.

«In acht Jahren hat sich jedes Vorurteil, das ich von Amerika hatte, bestätigt. Und gleichzeitig widerlegt. Wenn ich ein Fazit ziehen müsste, wäre es das: Amerika ist alles und das Gegenteil von allem. Amerika ist anders.» Spontane Äusserungen und eine hüpfende Narrative dominieren den typischen und didaktisch-vermittelnden Moser-Stil. Die Autorin beschreibt, fotografisch genau, ihre Lieblingsstrassen und -quartiere, bald als Beobachterin, bald als Akteurin im Pyjama , und es entstehen ansprechende Bilder der schwulen Stadt, der literarischen Stadt, von Schulen und einer Armenklinik, von Obdachlosen und Künstlern, von dem noch vorhandenen hippie spirit und von allem, was anders ist, von Amerika also und von den Amerikanern. Das Auswandern, das Fremde, von der Erfahrung der eigenen schweizerischen Sozialisation Abweichende hat sie befreit, verändert und global emanzipiert. Im Vergleich zu ihren männlichen Schweizer Kollegen, die ihre Erfahrungen einer tristen amerikanischen Realität literarisch verarbeiteten – wie etwa Jürg Federspiel in «Museum des Hasses. Tage in Manhattan» (1969), Max Frisch in «Montauk» (1975) und Hugo Loetscher in «Herbst der grossen Orange» (1982) – ist «Flowers in your hair» die Darstellung eines liebenswerten und menschlichen Amerika aus weiblicher Sicht. Komparatistisch lassen sich viele Gemeinsamkeiten mit Max Frischs subjektiven Flashbacks und Textmontagen in «Montauk» finden. Doch Milena Mosers Buch wird von der nichtantagonistischen Gesellschaftskritik einer Frau bestimmt. Ihre Texte fordern eine Umwertung in der Hierarchie der Wertmassstäbe für die Literatur.

vorgestellt von Margrit V. Zinggeler, Michigan

Milena Moser: «Flowers in your hair». München: Blessing, 2008.

In Ascona mit Peter und Ursula

Wollte man «Die Welt ist blau» von Victoria Wolff, der Präsentation des AvivA-Verlages folgend, als heiter-erfrischenden Sommerroman aus Ascona lesen und besprechen, so läge man nicht falsch – doch der eigentliche Wert des Buches, die Editionsleistung und die aussergewöhnlich bedachte Gestaltung blieben auf der Strecke.

«Also gut, in die Schweiz, ein einsilbiges Wort zwar, aber es lässt sich hören… Wo liegt eigentlich das Tessin?» – so willkürlich entscheiden Ursula Eisenlohr und Peter Mack, zwei junge, frischverliebte Menschen aus Süddeutschland darüber, wohin ihre erste gemeinsame Reise gehen soll. Während Peter schon überzeugt ist, in seiner Freundin die Frau fürs Leben gefunden zu haben, fühlt sie sich einer Art innerer Moral verpflichtet – vielleicht auch den Ratschlägen ihres Vaters und ihrer verheirateten Schwester, die Unverbindlichkeit und Eigenwillen aus Vernunftgründen vorschreiben: sie soll das Leben als Sport betreiben. Am glücklichen Ende der Geschichte schliessen Peter und Ursula einen Pakt der gegenseitigen Achtung persönlicher Grenzen und Werte, und §5 des Papiers enthält die Forderung: «Die Welt muss blau sein, auch wenn sie grau ist!» Sehr einfühlsam und klug sind die Gedanken der jungen Frau dargestellt, die manchmal aus Launen, manchmal aus plötzlicher Einsicht ihren Gefühlen folgt, sofern sie diese erkennen kann. Viel Witz und bisweilen köstliche Aperçus unterhalten den Leser, der zuschaut, wie beide Reisenden im Versuch, sich gegeneinander wohlüberlegt zu verhalten, anderen Personen, Nebenbeimenschen, begegnen und sich gegenseitig missverstehen.

Eines Abends aber wird die junge Frau plötzlich verhaftet und über Nacht eingesperrt. Erst später wird klar, dass Peter seiner Freundin eine Art Läuterung im Stile Jane Austens zumutet. Um ihr Interesse an einem Zauberkünstler zu ersticken, hat er diese Verhaftung selbst inszeniert. Im Bewusstsein der historischen Hintergründe bleibt dem Leser allerdings das Lachen im Halse stecken. Die Geschichte spielt 1933 in Ascona, das spätestens im Mai desselben Jahres, nach der Bücherverbrennung, zum Fluchtziel vieler Deutscher werden wird, denen zu Hause nächtliche Verhaftungen ganz anderer Art drohen.

Für die Schriftstellerin Victoria Wolff, damals noch verheiratete Wolf, war die Fahrt in die Schweiz keine Fahrt ins Blaue. Als Jüdin und reichsfeindliche Autorin lebte sie zu jenem Zeitpunkt bereits mit ihren Kindern in Ascona im Exil, während ihr Ehemann im heimatlichen Heilbronn verblieb. «Die Welt ist blau» erschien mit grossem Erfolg, zuerst 1933 als Vorabdruck in der Neuen Zürcher Zeitung . Später wurde Wolff wegen unerlaubter schriftstellerischer Tätigkeit aus der Schweiz ausgewiesen und gelangte über Nizza und Lissabon nach Los Angeles, wo sie 1992 in hohem Alter verstarb. Es ist das Verdienst des AvivA-Verlages und der Herausgeberin, Anke Heimberg, nach «Das weisse Abendkleid» nun ein zweites Werk (von sehr vielen weiteren) der Autorin herausgebracht zu haben. Wolff, die in Ascona mit Ignazio Silone, Erich Maria Remarque und in Kalifornien mit den Feuchtwangers und Manns befreundet war, hatte bereits in den dreissiger Jahren Berühmtheit als Journalistin und Schriftstellerin erlangt und blieb in den USA bis zu ihrem Tod als Autorin (auch von Hollywood-Drehbüchern) bekannt.

In einem Nachwort zeigt Heimberg die direkten Hintergründe des Aufenthalts in Ascona auf; manche in «Die Welt ist blau» vorkommende Personen, Orte und Ereignisse entstammen direkt der Szene im Tessin der damaligen Zeit. Historische Ansichten des Lago Maggiore verschönern den Band und bringen dem Leser zusätzliche Freude. Das aufmerksam gewählte Titelbild einer jungen Frau im Badeanzug – blau auf blau, die Person verschwimmt fast in ihrer Umwelt – erscheint wie die liebevolle Summe des Buches: der Wille zum verträumten Blau ginge auf Dauer auf Kosten der Differenziertheit.

vorgestellt von Sabine Kulenkampff, Erlangen

Victoria Wolff: «Die Welt ist blau. Ein Sommerroman aus Ascona». Berlin: AvivA, 2008.

Im Unklaren mit Grossmutters Vergangenheit

Die alte Dame ist ebenso eigensinnig wie willensstark. Lange hat sie sich bemüht, auch vor sich selbst die ersten Anzeichen einer sich ankündigenden Demenz zu verbergen. Erst als ihre Enkelin sich dazu durchringt, in drastischen Worten auf die abnehmende Hygiene im Haushalt hinzuweisen, beschliesst sie, in ein Heim umzuziehen. Ihr Zustand verschlimmert sich. Bald schon darf sie nicht mehr allein nach draussen, denn beinahe wäre sie von einem Auto überfahren worden. Statt in Zürich, hatte sie sich offenbar in London gewähnt und vor dem Überqueren der Strasse in die falsche Richtung geblickt.

Bertas ereignisreiches Leben geht dem Ende zu. Die Bilder in ihrem Kopf sind durcheinandergeraten. Eine Frage hat sie allerdings noch, und die betrifft das Verhältnis zu ihrer vor zehn Jahren an Krebs gestorbenen Tochter. Diese hatte nämlich in ihren letzten Lebensmonaten den Kontakt zu ihr regelrecht verweigert. Die Antwort erwartet sie von der Enkelin, doch die mag ihr die Wahrheit nicht zumuten, nämlich dass die Sterbende die Gegenwart ihrer Mutter nicht ertrug. «Berta raube ihr die letzte Kraft, sagte sie, und bat mich, meine Grossmutter in die Cafeteria des Spitals zu führen, wenn sie kam.»

Annette Hugs kleiner, intensiver Roman «Lady Berta» erzählt von drei Frauen, deren Verhältnis zueinander, nicht zuletzt aufgrund der Zeitumstände, in hohem Masse problematisch ist. Im Mittelpunkt steht das Leben der Grossmutter Berta, die während ihres Praktikums in einem grossbürgerlichen Zürcher Haushalt ungewollt schwanger wird. Mutter und Kind finden Unterschlupf auf dem Hof einer Tante. 1947 geht Berta als Au-pair-Mädchen nach London und lässt ihre achtjährige Tochter Louise bei den kinderlosen Bauersleuten zurück. Sie habe es kaum erwarten können, fortzugehen, erzählt sie später ihrer Enkelin, als diese mit achtzehn von zu Hause auszieht. Denselben Drang nach Unabhängigkeit hatte sie Louise nicht zugebilligt. London sei viel zu gefährlich, entgegnet sie der Tochter, die von ihrer Mutter eigentlich Unterstützung für ihre Englandpläne erwartet hätte. Kein Wunder, dass die sterbende Louise wiederum ihre Tochter warnt «vor dieser alten Frau, die nach ihrem Tod in mein Leben einfallen und sich darin ausbreiten werde».

Die Vermutung liegt nahe, dass Annette Hug, 1970 geboren und in der Nähe von Zürich aufgewachsen, einiges mit der Enkelin gemeinsam hat, die sich für jede der kurzen Antworten, die sie von Berta bekommt, zehn weitere Sätze ausdenken muss, um zu einer Geschichte zu kommen. Beeindruckend ist die nahezu distanzierte Erzählweise, mit der diese Drei-Generationen-Geschichte präsentiert wird. Dass eine unemotionale Schilderung, die sich klugerweise jeden Urteils enthält, dieser Geschichte angemessen ist, ergibt sich aus dem Inhalt. Schliesslich geht es nicht zuletzt darum, die Illusion nachhaltig zu zerstören, dass eigene Erfahrungen in besonderem Masse für die Wünsche und Bedürfnisse anderer zu sensibilisieren vermöchten – eine Absicht, der dieses bemerkenswerte Romandebüt seine Wirkung verdankt.

vorgestellt von Joachim Feldmann, Recklinghausen

Annette Hug: «Lady Berta». Zürich: Rotpunktverlag, 2008.

In den Ofen mit den Kleidern!

Erzählend erlebte Welt: welche Stoffe liegen auf der Strasse, welche harren der Erfindung, welche lassen sich nur lesend erfahren? Vierzehn Erzählungen von Silvio Huonder. Ich kenne nichts von seinen Hörspielen und Theaterstücken, nicht seine ersten beiden Romane, aber immerhin «Valentinsnacht», die Geschichte des Fedo Paulmann, der als Meteorologe das Wetter voraussagen kann, sein Leben jedoch nicht. Ich erinnere mich an diesen Roman als etwas Komisch-Trauriges, voller Szenen, die auf keine Bühne warten, aber lesend in Gedanken nachgespielt sein wollen.

Manche Erzähler verraten ihr Betriebsgeheimnis. Bei Silvio Huonder liest sich das in einer seiner Erzählungen so: «Das Unwahrscheinliche glaubwürdig zu erzählen.» Oder: «Nah dran ist vielleicht dasselbe wie weit weg.» Wie sieht das konkret aus? «Hürni hat etwas verloren. Er weiss nicht, was es ist, aber er beginnt zu suchen.» Oder in einer anderen Geschichte: «Antonio Bladessarini, Erster Posaunist der Sinfonietta di Roma, Gastsolist in der finnischen Philharmonie, stand im Orchesteranzug vor einem Verliner Abfalleimer und analysierte dessen Inhalt»! Warum? Weil er einen Zahn im ausgespuckten Kaugummi verloren hat. Und dann ist da «Tobi», die erste Geschichte des Bandes, die eigentlich am Schluss stehen sollte als letztmögliche Steigerung, als Aufweis von Huonders erzählerischem Vermögen. Es ist die Geschichte eines Jungen, der wieder einmal seine Mütze in der Schule vergessen hat, nach Hause geht zu seiner geschiedenen und verstörten Mutter, sieht, wie sie sich auszieht, Kleidungsstück um Kleidungsstück in den Ofen wirft, nackt und trancehaft die Wohnung verlässt und auf die Strasse geht, wobei der Junge davon überzeugt ist, dass nur er und seine Mützenvergesslichkeit schuld an diesem Verhalten der Mutter sei. Aber lesen Sie selbst, lesen Sie!

vorgestellt von Rüdiger Görner, London

Silvio Huonder: «Wieder ein Jahr, abends am See». München: Nagel & Kimche, 2008.

Im Paradies ohne Schlange

Beim Rätselraten darüber, wie der Mensch trotz dem Bewusstsein seiner eigenen, unausweichlichen Sterblichkeit munter weiterleben kann, stösst man nicht selten auf den Traum vom Paradies, einen Traum, der einem auch in «Das verborgene Haus» begegnet, in den Texten von Erika Burkart und Ernst Halter sowie den Fotografien von Alois Lang. Wer einigermassen mit dem Werk Erika Burkarts vertraut ist, weiss, dass es sich hier um das «Haus zum Kapf» handelt, das ehemalige Sommerhaus der Äbte des nahegelegenen Klosters Muri im Kanton Aargau, in dem sie aufwuchs und immer noch lebt. Ihr Vater Walter Burkart hatte es um 1920 gekauft, mit dem Erlös der damals sehr gesuchten Reiherfedern, die er von seinen Expeditionen als Jäger im riesigen Sumpfgebiet entlang der paraguayisch-brasilianischen Grenze mitgebracht hatte. Dass er unbedingt den «Kapf» kaufen wollte, obwohl er fast zur Ruine heruntergekommen war, hatte einen Grund: das Haus lag inmitten einer Moorlandschaft. Heute ist das Sumpfgebiet längst melioriert, aber damals muss es wie ein Gran Chaco im Kleinformat ausgesehen haben. Das Haus Kapf prägt auch dieses Buch als ein Ort des Traumes, wobei das Paradies allerdings mehr im Garten als im eigentlichen Haus zu suchen ist. Im Wechselspiel von Wort und Bild wird der langsame Lebensrhythmus des Gartens im Verlauf der Jahreszeiten geschildert. Dort, in Candides bester aller Welten, findet das musische Ehepaar seine Ruhe vor der hektischen Aussenwelt. «Das verborgene Haus» ist ein Buch zum Träumen, es bezaubert mit der einfühlsamen Naturpoesie Erika Burkarts, den magischen Bildern von Alois Lang und den Kurzgeschichten Ernst Halters über die jahrelange Fronarbeit im Garten. Seit Richard Katz’ «Übern Gartenhag» ist in der Literatur der Schweiz kein so schönes Gartenbuch mehr herausgegeben worden. Denjenigen aber, die eher das Prosawerk als die Poesie Erika Burkarts schätzen, ist dieses Buch nicht unbedingt zu empfehlen; dazu ist das Resultat doch zu liebenswürdig. So wie der Vater ausgeblendet bleibt und nicht mit einem einzigen Satz oder Bild auf die vielen Präparate von exotischen Tieren im Haus Kapf hingewiesen wird, so vermisst man die Tragik des an Alkohol kaputtgegangen Walter Burkart. Die Mischung von Traum und Tragik, in der für viele die wahre Kraft der Literatur Erika Burkarts liegt, lässt sich hier nicht finden. In diesem Paradies fehlt die Schlange.

vorgestellt von Jeroen Dewulf, Berkeley

Erika Burkart & Ernst Halter (Texte); Alois Lang (Fotos): «Das verborgene Haus. Zeit und Augenblick». Zürich: Ammann, 2008.

Im Basler Totengässli mit Wein

Der Name Stefan Brockhoff ist in der Schweizer Literatur weitgehend unbekannt geblieben. Bis vor kurzem erinnerte einzig Friedrich Glauser an ihn, indem er am 25. März 1937 mit Brockhoff über dessen «Zehn Gebote für den Kriminalroman» korrespondierte. Brockhoff hatte eine kurze Anleitung zum Kriminalroman verfasst und bei der Gelegenheit gleich für seine eigenen Werke Werbung gemacht. Glauser, der in seinem Brief den Wunsch formulierte, dass der Kriminalroman mehr sein sollte als ein «Zwitterding zwischen einem Kreuzworträtsel und einem Schachproblem», konnte nicht wissen, dass es diesen Krimiautor Stefan Brockhoff im Grunde gar nicht gab. Es ist den Herausgebern Paul Ott und Kurt Stadelmann zu verdanken, dass 70 Jahre später die eigentliche Identität hinter diesem Namen gelüftet wird. Bei Stefan Brockhoff handelte es sich um das kollektive Autorenpseudonym dreier homosexueller jüdischer Emigranten – Dieter Cunz, Oskar Koplowitz und Richard Plaut –, die Mitte der 1930er Jahre in Basel lebten und da zusammen vier Kriminalromane schrieben. Der beste von ihnen, «Musik im Totengässlein», ist nun in der Reihe «Schweizer Texte» neu erschienen.

Dieser «Detektiv-Roman» erzählt von mafiösen Verstrickungen im Basler Weinhandel und von tückischer Industriespionage, beides brisante politische Themen zu jener Zeit. Die städtische Topographie, allem voran das Totengässlein, spielt dabei eine zentrale Rolle in diesem atmosphärisch stimmigen Krimi, mit dem die drei Autoren einerseits präzise Kenntnisse bewiesen, zugleich aber auch kleinliche Fehler machten, etwa bei der allzu deutschen Namensgebung für eingesessene Basler Bürger oder bei der Mark als gängiger Währung. Trotz der einen oder anderen Unzulänglichkeit in der psychologischen Ausgestaltung liest sich der Krimi spannend und anschaulich.

Die vorliegende Ausgabe freilich ist vor allem auch wegen des klärenden Nachworts der beiden Herausgeber eine Trouvaille, die Krimifreunde interessieren muss. Nach ihrer Basler Zeit verloren sich die Spuren der drei Autoren in den USA.

vorgestellt von Beat Mazenauer, Luzern

Stefan Brockhoff: «Musik im Totengässlein», hrsg. von Paul Ott und Kurt Stadelmann. Zürich: Chronos, 2007.

Im Leben nach dem Mord

«Ich glaube, es handelt sich um eine einfache Geschichte.» Mit diesem Satz leitet Elisabeth, die Ich-Erzählerin in Mireille Zindels Roman «Irrgast», ihren Bericht ein. Auf einen solchen Beginn folgen unfehlbar Komplikationen – ein Mord. Elisabeth sieht eines Morgens, wie ihr Freund niedergestochen wird: «Da erinnere ich mich, dass ich ihn hatte umbringen wollen. Und ich begreife, dass es dazu für immer zu spät ist.»

An den Täter vermag sie sich nicht zu erinnern, nur an den Anblick von Rücken und Messer, den Geruch von Staub und trockenem Wind. Traumatisierung, meint ihr Psychologe, und dass sie viel Zeit und Ruhe brauche, um wieder an das zu gelangen, was sich viel tiefer in ihrem Gedächtnis verbirgt: das Bild des Täters. Und Zeit hat sie. Durch eine Erbschaft versorgt, gibt sie ihre Arbeit auf und schliesst sich in ihre Wohnung ein. Mal um Mal enttäuscht sie die Polizisten, die auf Informationen hoffen. Der tägliche Spaziergang ist ihre einzige Aktivität.

Am Anfang ist da Leere; doch ist sie nicht neu, denn schon als Elisabeth an jenem fatalen Morgen vor ihre Tür trat, wusste sie nichts mit ihrer Zeit anzufangen. Der Mord scheint der Leere dieses Lebens Sinn zu geben; mehr noch, bald wird das Leben bevölkert. Nicht nur Polizisten interessieren sich für sie, sondern auch Anna, die Elisabeth auf ihren Spaziergängen verfolgt und die sich, trotz anfänglicher Abwehr, in ihrem Tagesablauf zu etablieren weiss.

So entsteht ein kompliziertes Schema von Anziehung und Abstossung, von Aktivität und Passivität, und wird zuletzt auch die Realität mancher Ereignisse und sogar mancher Personen fragwürdig – eine «einfache Geschichte» ist dies nicht. Die Beschreibung ist stets dicht; nie behauptet Zindel einfach Gefühle, stets setzt sie diese in Handlungen oder Wahrnehmungen um. Der kurze Roman ist sprachlich karg, was für ihn spricht; denn es zeigt sich eine selten gewordene Disziplin der Darstellung. Diese Ökonomie der Mittel kann jedoch auch eine Gefahr bedeuten; besonders im ersten Drittel gibt es Passagen, in denen die Abfolge kurzer Sätze den erzählerischen Duktus zerhackt. Ist dies auch durch den Inhalt begründet, so droht hier doch ein Staccato, das die Dinge unverbundener erscheinen lässt als sie tatsächlich sind.

Insgesamt strukturieren wenige Bilderkreise Elisabeths Wahrnehmung und liegt ein Roman vor, der sowohl auf sprachlicher als auch auf metaphorischer Ebene überzeugt; man ist überrascht, hinten im Buch zu lesen, dass «Irrgast» Mireille Zindels erste literarische Publikation ist. Zindel vermeidet sowohl das postmoderne Ungefähr wie die falsche Eindeutigkeit. Ein «Irrgast» etwa ist, wie der Leser lernt, ein Vogel, der durch Stürme oder Desorientierung in Lebensräume gerät, in denen er sonst nicht vorkommt und in denen er vielleicht eine Zeitlang zu überleben vermag, ohne indessen sich paaren zu können. Möwen kommen immer wieder im Buch vor – wer aber der titelgebende «Irrgast» ist, das bleibt ein produktives Rätsel in einem Roman, der seine Leser weit über die bescheidenen 132 Seiten hinaus beschäftigt.

vorgestellt von Kai Köhler, Berlin

Mireille Zindel: «Irrgast». Zürich: Salis, 2008.

In der Musse mit Leichtigkeit

Allen Anstrengungen einer ökonomischen Lebensplanung zum Trotz, gehört das Warten zu einer der Grunderfahrungen menschlichen Daseins. Wir warten ständig: auf den nächsten Zug, das Essen im Restaurant, den Beginn des Sommers oder die Bekanntgabe der Prüfungsergebnisse. Selbst beim Anruf einer Service-Hotline empfängt uns statt der versprochenen schnellen Hilfe meist das vertraute Mantra: «Bitte warten Sie!» So vielfältig wie die Anlässe des Wartens sind die damit verbundenen Empfindungen. Es gibt das quälende und das bange Warten, aber auch die Zuversicht des Werdens und die Vorfreude auf kommende Ereignisse. Andrea Köhler hat sich in der bei Insel erscheinenden «Bibliothek der Lebenskunst» des Wartens angenommen, nicht mit der bleiernen Schwere eines philosophischen Essays, sondern in Form kurzer, leichtfüssiger Meditationen, die sich dem Thema auf höchst unterschiedlichen Wegen nähern.

Gleich zu Beginn verweist die Autorin auf die dem Warten innewohnende Ambivalenz. Warten ist niemals nur «vergeudete» oder «leere» Zeit, sondern gehört als Pause und Verzögerung zum natürlichen Rhythmus des Lebens. Wird dieser Puls von An- und Abwesenheit aufgehoben und einer chronischen Gleichzeitigkeit geopfert, gibt es auch kein Reifen und Werden mehr. Ein schlagendes Beispiel dafür ist der Reisende, der mit dem Flugzeug rund um den Globus jettet, den Weg von A nach B aber nur als ödes Dazwischen empfindet. Vom eigentlichen Sinn des Reisens, den Weg als Ziel zu erfahren, und der damit verbundenen Hoffnung, als ein anderer wiederzukommen, ist hier nichts mehr übrig.

Pausen und Übergangszeiten sind aber auch als Momente der Selbstvergewisserung wichtig. Wer immer nur von einer Höchstleistung zur nächsten eilt, verliert rasch den Blick für Sinn und Zweck seines Tuns. Nicht umsonst gibt es den Begriff der «Schaffenspause», die allen schöpferischen Leistungen vorangeht. «In der Latenz der Seelenflaute lauert die gute Idee», schreibt Andrea Köhler, und man kann getrost hinzusetzen, dass kein Willensakt und keine noch so grosse Anstrengung sie hervorlocken kann. Skeptisch zeigt sich die Autorin gegenüber dem verordneten Abschalten in Fitnessstudios und Wellness-Oasen, künstlichen Auszeiten, die hinterrücks doch wieder nur das Diktat eines streng reglementierten Zeitbudgets fortschreiben. Statt Ausspannen im Wohlfühlpaket macht Köhler sich für den fast vergessenen Begriff der Musse stark, das wirkliche Gegenstück zur umtriebigen Geschäftigkeit: «denn Musse ist kein Tun und kein Lassen, müssig kann man nur sein.» Zugleich scheint hier etwas von der Freiheit und Leichtigkeit auf, die sich einstellt, wenn nicht alle Zeit an Zwecke und Ziele vergeben ist.

Saumseliges Träumen, Selbstvergessenheit und Müssiggang mögen Gift für jede aufstrebende Volkswirtschaft sein, für den einzelnen sind sie Inseln der Freiheit im gleichförmigen Tagesgeschehen der Ökonomie. Lahme Tage nicht zu fürchten, sondern als geschenkte Zeit geniessen zu lernen, ist sicherlich eine der schwereren Übungen der Lebenskunst. Andrea Köhler hat dazu ein kluges, lesenswertes Buch geschrieben.

vorgestellt von Georg Deggerich, Krefeld

Andrea Köhler: «Lange Weile. Über das Warten». Frankfurt a.M.: Insel, 2007.

«Die Zeitschrift für unabhängige
und selbstverantwortliche Individuen!»
Werner Kieser, Unternehmer (1940-2021),
über den «Schweizer Monat»