Schweizer Literatur in Kurzkritik X

Sommerzeit, Urlaubszeit. Dass selbst dicke und grosse Bücher eine Reise nicht
beschwerlich machen, davon erzählt der erste Text in der zehnten Folge der «Schweizer Literatur in Kurzkritik». 12 Empfehlungen für lange Reisen. Fortsetzung folgt.

Im Flugzeug mit Fotos vom Grabserberg

«Nur in den Träumen, in der Dichtung, im Spiel beugen wir uns zuweilen über das, was wir gewesen sind, bevor wir das wurden, was wir vielleicht sind» (aus «Himmel und Hölle» von Julio Cortazar)

Es ist nicht einfach, mit einem so schönen und dicken Fotoband zu reisen. Einerseits weil der Sitznachbar ständig ins Buch schaut und die wunderbaren Fotos von Giorgio von Arb betrachtet, anderseits, weil ich das Gefühl habe, es sei nicht angebracht, die «Leute vom Grabserberg» auf eine Reise mitzunehmen, auf die sie gar nicht wollen. Vielleicht fliege ich sogar über diese Gegend, denke ich mir, während ich die Bilder ansehe. Von Arbs Fotos wollen nicht Dokument einer Wirklichkeit sein; sie sind inszeniert, sie sind die Stillegung einer Inszenierung. Dadurch zeigen sie nicht nur die Menschen, sondern auch eine Sicht dieser Menschen auf sich selber. Sogar die Tiere scheinen da mitzuspielen: wie etwa die Kuh von First Peter, die Katze bei Chläuser oder das Schaf in Mutlerentsch.

Ich bin auf dem Weg zum European Writers Congress in Stockholm. Der Lausanner Künstler neben mir kämpft mit der Flugangst und fragt mich, ob ich aus der Gegend vom Grabserberg stamme. Meine habe ein ähnliches Schwarzweiss, antworte ich ihm, das Emmentaler Schwarzweiss. Ich habe es geschafft, ihm ein Lächeln abzuringen. Wie seine Mutter heisse, will ich wissen, um ihn länger an der Angst zu hindern. Dorothée, sagt er und schaut mich erstaunt an. Ich öffne das Buch auf Seit 426 und finde tatsächlich den Namen. «Torti» würde man ihr am Grabserberg sagen, «Torti» wie «Torte». Mögen Sie Torten? Mögen Sie Dialekte? Der Airbus macht einen Schwenk, das Buch fällt fast auf seinen Schoss. Zu den Fotos von Giorgio von Arb kommen die interessanten und gutgeschriebenen Texte von Hans Stricker und Robert Kruker hinzu. Sie laden die Bilder mit wichtigen Informationen zu Land, Leuten und Sprache auf.

Im Aarlanda-Express, der vom Flughafen nach Stockholm führt, öffne ich das Buch nochmals, und wieder bin ich von diesen Aufnahmen und von den stillgelegten Geschichten gepackt. Was war vorher? Was ist nachher? Ich tauche in eine Schweiz ein, die es so noch gibt und auch nicht mehr gibt, in einen Augenblick, der vom Auslöser der Kamera des Fotografen bestimmt wird.

Draussen wartet ein sympathischer Junge mit einem Schild, auf dem mein Name steht und sagt «hei hei». Ich möchte ihm das Buch schenken, möchte es aber auch sehr gerne für mich behalten.

vorgestellt von Francesco Micieli, Luzern

Giorgio von Arb, Robert Kruker & Hans Sticker: «Leute am Grabserberg, Zwanzig Jahre danach». Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2007.

In Afrika mit Max

In Laos begegnete ich einmal zwei jungen Schweden, die sagten, sie wollten auf ihrer Reise durch Südostasien leben wie die Einheimischen. Sie lernten kochen wie Laoten, kleideten sich wie Laoten, nur Bier tranken sie wie Schweden, und so waren sie auch schon ziemlich besoffen, als sie sich in Luang Prabang auf ein selbergebasteltes Floss setzten, um sich vom Mekong in ihr neues Leben treiben zu lassen. Ich winkte ihnen wehmütig nach, bis sie hinter der ersten Flussbiegung verschwunden waren. Sollten sie entdeckt haben, was ich noch suchte: das Abenteuer vom Verlorengehen in einer fremden Welt?

In David Signers Roman «Keine Chance in Mori» ist es Max, der auf einer Reise verlorengeht, der davon träumt, alles hinter sich zu lassen und deshalb in Afrika untertaucht. Und Serge, sein Freund, muss ihn im Auftrag von Max’ Vater wieder finden. Dabei gerät die Suche für Serge zum existenziellen Trip. Nicht nur, weil Max’ Vater Dr. Cronenberg als Verwaltungsratspräsident des Zürcher Schauspielhauses amtet und für Theaterregisseur Serge die Aufführung seines Premierenstücks…

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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