Schweizer Literatur in Kurzkritik VIII

Reisen und lange Auslandaufenthalte der Schweizer haben die Literatur um viele Bücher reicher gemacht. Der «Schweizer Literaturgeschichte», die nach
Meinung unseres Rezensenten misslungen ist, scheint das nicht geholfen zu haben.
8 Bücher, vorgestellt in der achten Folge der «Schweizer Literatur in Kurzkritik». Fortsetzung folgt.

Schweizer Literaturgeschichte, missglückt

Mag sein, dass der Berner Germanist Peter Rusterholz recht hat und wirklich dringender Bedarf besteht an einer «Geschichte der Literatur aus der Schweiz, die sich nicht auf das 20. Jahrhundert beschränkt, sondern Literatur in historischer Entwicklung darstellt». Wahr ist, dass es an einer aktuellen Gesamtdarstellung fehlt, «die Texte nicht nur in rein literaturgeschichtlicher Perspektive sieht, sondern im Kontext der Geschichte der Kulturen, der Geschichte und Politik der Schweiz». Am Vorwort zu der neuen «Schweizer Literaturgeschichte», die Peter Rusterholz zusammen mit Andreas Solbach herausgegeben hat, mag manche Akzentsetzung überraschen – direkt widersprechen wird man ihm gewiss nicht. Nur: was diesem Vorwort folgt, löst den dort formulierten Anspruch nicht annähernd ein. Milder formuliert: diese «Schweizer Literaturgeschichte», deren giftgrünes Cover ein sein Pfeifchen schmauchender Dürrenmatt ziert, lässt viele Wünsche offen. Nein – man muss es doch noch ein bisschen deutlicher sagen: sie lässt ganz einfach zu viele Wünsche offen.

Der Kern des Übels liegt in der Gesamtkonzeption. Es geht nicht an, die von Doris Jakubec dargestellte «Literatur der französischen Schweiz» auf 40, die von Antonio Stäuble skizzierte «Literatur in [!] der italienischen Schweiz» auf acht und die merkwürdigerweise in zwei Kapiteln (Ricarda Liver, Clà Riatsch) erläuterte rätoromanische Literatur auf 20 Seiten abzuhandeln und alle zusammen an die 430 Seiten anzuhängen, die der deutschsprachigen Literatur des Landes vorbehalten sind. Hier stimmen die Proportionen nicht. Und auch innerhalb der ersten 430 Seiten stimmen sie nicht. Bei aller Liebe zu den beiden in ihrer (auch internationalen) literarischen Bedeutung gar nicht zu überschätzenden Dioskuren: 23 Seiten zu Max Frisch und sogar 31 zu Friedrich Dürrenmatt, insgesamt also 54 (noch dazu auf weite Strecken wenig inspirierte) Seiten – das ist im Kontext dieses Buches einfach zuviel des Guten. Das 20. Jahrhundert, das hier mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs einsetzt und Robert Walser, einen der grössten Schweizer Literaten jener Epoche, in die Zeit davor abschiebt, ist generell überrepräsentiert – auf Kosten der von Claudia Brinker kenntnisreich, wenn auch sehr konventionell dargestellten Literatur von den Anfängen bis 1700, vor allem aber auf Kosten der wegweisenden Werke des bei Rémy Charbon bis 1830 reichenden 18. und auf Kosten des bei Dominik Müller bis 1914 andauernden 19. Jahrhunderts, das vor allem durch das Œuvre von Gotthelf, Keller und Meyer Entscheidendes zur weltweiten Reputation der Literatur der deutschsprachigen Schweiz beigetragen hat. Soll man es begrüssen, wenn durch solche schiefen Gewichtungen Platz bleibt für Exkurse, etwa die sehr anregenden Bemerkungen Stefan Bodo Würffels zur Exilliteratur des 20. Jahrhunderts, oder die von Fred Zaugg vermittelten interessanten Einblicke in den «neuen Schweizer Film»? Um aus Elsbeth Pulvers Überblick über die Jahre von 1970 bis 2000 einigen Gewinn zu ziehen, muss man nicht mit jedem ihrer oft apodiktischen Urteile einverstanden sein. Und über Beatrice von Matts materialreichen und klugen Anmerkungen zum «Aufbruch der Frauen (1970–2000)», die Regula Fuchs durch einige Seiten über die Frauensituation nach 2000 bereichert, könnte man fast die grundlegende Frage vergessen, was ein solches Kapitel in einem solchen Buch eigentlich zu suchen hat. Man findet – naturgemäss, ist man versucht zu sagen – viel Wissenswertes und auch für die Fachwelt Interessantes in diesem mit nicht weniger als 195 Fotos und Abbildungen ausgestatteten, mit gelungenen Einzelporträts, bedenkenswerten Textinterpretationen und überraschenden Urteilen aufwartenden, in seiner Gesamtanlage allerdings auf merkwürdige Weise missglückten Kompendium, in dem übergreifende literarische Entwicklungslinien nur selten sichtbar- und politisch-soziale Kontextualisierungen kaum einmal plausibel gemacht werden.

Vom Lektorat müsste man überhaupt nicht reden – wenn es denn mit gebührender Sorgfalt und in ausreichendem Masse stattgefunden hätte. Das aber ist im Metzler Verlag, der 2007 seinen 325. Geburtstag begehen konnte und über Jahrzehnte hinweg höchst angesehen war, schon seit einigen…

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