Schweizer Literatur in Kurzkritik, Folge III

«Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat», so lautet der Titel des soeben auf deutsch erschienenen Buches des französischen Literaturprofessors und Psychoanalytikers Pierre Bayard. In Frankreich war das Buch ein Bestseller, nun erscheint es gleich in 13 weiteren Ländern – eine willkommene Apologie für alle Nichtleser, die dennoch die gepflegte Konversation über Bücher lieben. (Auch Bayards Buch selbst muss ja nicht aufgeschlagen werden, ist doch der Titel schon vielsagend genug.) All denen, die weiterhin und dennoch Bücher lesen wollen, sei die Folge III wie auch alle weiteren Fortsetzungen unserer «Schweizer Literatur in Kurzkritik» gewidmet. Doch auch den passionierten Nichtlesern, die nun, dank Bayard, von den letzten Resten schlechten Gewissen befreit, über Welt- und nicht ganz so grosse Literatur kennerhaft reden können, seien die Besprechungen ans Herz gelegt. Sie geben mit maximal 4’000 Anschlägen Inspirationen über den Titel hinaus, so dass das Nichtlesen des Buches möglicherweise noch inspirierender werden mag.

Es schreiben:

Hans-Rüdiger Schwab über Jean Starobinski: «Die Zauberinnen. Macht und Verführung in der Oper». München: Hanser, 2007

Marcus Jensen über Peter Weber: «Die melodielosen Jahre». Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2007.

Andreas Heckmann über Lukas Hartmann: «Die letzte Nacht der alten Zeit». München: Nagel & Kimche, 2007.

Michael Braun über Annette Mingels: «Romantiker. Geschichten von der Liebe». Köln: Dumont 2007.

Anett Lütteken über Regina Dieterle: «Lydia Escher. Theodor Fontane und die Zürcher Tragödie». Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2006.

Christoph Simon über Tanja Wirz: «Gipfelstürmerinnen». Baden: hier + jetzt, 2007.

Ute Kröger über Karin Andert (Hrsg.): «Monika Mann. Das fahrende Haus» Reinbek: Rowohlt 2007.

Beat Mazenauer über Hanna Johansen: «Der schwarze Schirm». München: Hanser 2007.

Patricia Klobusiczky über Petra Ivanov: «Kalte Schüsse». Herisau: Appenzeller Verlag, 2007.

Joachim Feldmann über Hanjörg Schneider: «Hunkeler und der Fall Livius«. Zürich: Ammann, 2007.

Christine E. Kohli über Heinz Bütler & Wolfgang Frei (Hrsg.): «Die Nacht ist heller als der Tag. Das kurze Leben des Malers Andreas Walser.» Bern: Benteli, 2007.

Beat Mazenauer über Perikles Monioudis: «Im Äther / In the Ether». Aachen: Rimbaud Verlag, 2007.

Duke Seidmann über Hansjörg Roth: «Barthel und sein Most. Rotwelsch für Anfänger». Frauenfeld: Huber, 2007.

Markus Bundi über Adrian Naef: «Die Rechenmachers». Eggingen: Edition Isele, 2006.

Klaus Hübner über Jochen Kelter: «Ein Vorort zur Welt. Leben mit Grenzen». Frauenfeld: Waldgut, 2007.

Jesko Reiling über Erich Sutter: «Irminger, Chirurgus. Roman einer Ärztefamilie (1769–99)». Zürich: Zytglogge 2007.

Marco Baschera über Felix Philipp Ingold: «Tagesform. Gedichte auf Zeit». Graz: Droschl, 2007.

Gérald Froidevaux über Service de Presse Suisse (Hrsg). «Viceversa Literatur 1. Jahrbuch der Literaturen der Schweiz». Zürich: Limmat Verlag, 2007. (Die französische bzw. italienische Ausgabe erscheint bei Editions d’En bas, Lausanne, bzw. Edizioni Casagrande, Bellinzona.)

Magie und Macht

Souveränität – worin sie besteht, ist rein abstrakt schwer zu definieren. Besser man hat ein anschauliches Beispiel vor Augen, auf das sich verweisen lässt. Eines wie das aktuelle Buch von Jean Starobinski etwa. Derlei nämlich kann nur geschrieben werden, wenn stupende Vielseitigkeit sich mit intimster Kennerschaft und der Lust paart, die eigene Faszination an einer Fragestellung auch anderen mitzuteilen. Dabei gelingt dem Autor ein doppeltes Kunststück. Rückzüge hinter die Palisaden irgendwelcher scientific communities finden nicht statt, von modischem Gerede und verschwurbelten Theoriebildungen hält er sich fern. Ebensowenig jedoch begibt er sich auf das Niveau des blossen Sachbuchs. Sein dichter, rasanter und zuweilen sprunghafter Erzählton nimmt dem Gegenstand nichts von dessen Anspruch. Entstanden ist so ein Text, der uns, gespickt mit Details und durchsetzt von zahlreichen Exkursen, nicht nur seines Reichtums an Aspekten wegen fordert. Leser, die sich darauf einlassen, tun dies allemal mit Gewinn – und (in Zeiten wie diesen nicht ganz nebensächlich!) sie mögen nebenbei lernen, welche Weltzugänge historische Bildung zu erschliessen vermag.

Der 1920 geborene Genfer Gelehrte ist einer der letzten universal ausgerichteten Denker, die dem Spezialistentum (das immer auch geistige Verzwergung bedeutet) selbstbewusst eine Nase drehen dürfen. Von Haus aus Mediziner, mit starken Affinitäten zur Psychoanalyse, könnte, ja sollte man ihn insbesondere als führenden Ideengeschichtler des französischen Geistes zwischen Montaigne und Baudelaire kennen. Dass keine Vernunft ohne Verführung besteht, weiss er natürlich, und diese hat stets mit dem Überschreiten einer Grenze zu tun. Eben darum geht es im neuen Buch Starobinskis. Ort der Handlung ist vor allem die Oper, mit Mozart als Zentralgestirn, um den er von Monteverdi bis Richard Strauss andere Respektabilitäten kreisen lässt. Was sie in ihrer darstellerisch grandios gemeisterten äusseren Vielfalt und inneren Vielschichtigkeit verbindet, steckt ein Grundlagenteil zu Beginn ab.

Hier wird deutlich, dass des Verfassers Augenmerk den Wandlungen «mythischer Einbildungskraft» in einer sich ent-zaubernden Welt gilt. In diesem Prozess besteht der besondere Erkenntniswert der Oper darin, dass die lebensgefährliche «Unterscheidung … zwischen dem richtigen Weg und der Verirrung» buchstäblich Gestalt angenommen hat – in jenen «Verführerinnen», den «Zauberinnen» zumal, welchen das Buch seinen Titel verdankt. Sie sind Trägerinnen von Magie und Macht, deren Herkunft sich ins Archaische verliert. Um sie spielt sich das Psycho-Drama zwischen «Erzeugnissen der Begierde» und der «Furcht vor Strafe» ab. Oft ist die Sinnlichkeit unter ihren Verheissungen das eigentlich Wunderbare.

Im Laufe der historischen Entwicklung geht nun der «Zauber im wörtlichen Sinn», die von Personen ausgeübte Gewalt, in den «Zauber im übertragenen Sinn» über, «die Ekstase, den Enthusiasmus und den Rausch der Gefühle»,

deren Träger eine Musik ist, die das dichterische Wort überhöhen soll. Starobinskis Beschreibung der Kontinuität «eines Bildersystems in der europäischen Kultur» nimmt die fortschreitende «Ästhetisierung des Religiösen» in den Blick, einen Transformationsprozess, in dem Kunst schliesslich das Erbe vormaliger theologischer Autoritäten antritt. An dessen Ende ist «die Bezauberung recht eigentlich zur Angelegenheit des Künstlers geworden … zur Macht, die er sich aneignet, und zum Bild, das er von sich zeichnet.» Von hier ist es nur noch ein kleiner Schritt zur politischen Ästhetik der Verführung, in die das «Gefälle einer Epoche» tatsächlich ausläuft. Starobinski gelingt es, solche Zusammenhänge allein durch Konzentration auf den «Statuswandel der Kunst» nachvollziehbar zu machen.

vorgestellt von Hans-Rüdiger Schwab, Münster

Jean Starobinski: «Die Zauberinnen. Macht und Verführung in der Oper». München: Hanser, 2007.

Kraut und Rüben kreuz und quer

Auf dem Cover prangt das Wort «Roman» genauso gross wie der Autorenname, der Titel und der Verlagsname, also ganz und gar unverschämt. Im Hause Suhrkamp steht man der totalen Entwertung der Gattungs­bezeichnung «Roman» offenbar gleichgültig gegenüber; denn was dieses Buch…

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»