Schweizer Autoren in Kurzkritik XXVIII

13 Bücher, vorgestellt in der achtundzwanzigsten Folge der «Schweizer Autoren
in Kurzkritik». Fortsetzung folgt.

1 Francesco reist nach Brig

Ich bin ein blinder Passagier. Nicht, weil ich keine Fahrkarte hätte. Ich bin ein blinder Passagier, weil ich mich in den Zug gesetzt habe, der meinen Sohn auf seine erste grosse Reise bringt. Ich kann noch nicht loslassen und verstecke mich in einem anderen Wagen. In meine Laptoptragtasche habe ich ein schönes, grosses Buch gesteckt; es ist auch eine Art blinder Passagier. Öffnet man das Buch, macht es einen sehend. Die Photographien von Giorgio von Arb lassen mich in eine Welt einsteigen, die schwarzweiss meinen Puls verlangsamt, die mich dazu bringt, nicht mit dem Schulwissen auf die Bilder zu schauen.

Ich suche diese Punkte, von denen Roland Barthes sprach, die Punkte, die uns ins Stocken bringen. Sind es die «Basler Läckerli» auf dem Tisch von Pater Theo Theiler auf Photo 21, das gähnende Mädchen auf Photo 104 oder der hinter einem T-Shirt mit Totenköpfen verschwindende Lateinlehrer auf Photo 76? Die Photographien eröffnen eine Welt in der Welt, sie sprechen vom Bleiben und Vergehen. Ähnlich verhalten sich die Texte des Autors Erwin Koch. Sie lassen den Befragten Raum, und dieser Raum lässt sie erzählen. Werde Wort!

«Benediktiner ist man nicht global», sagt der Abt Daniel Schönbächler, «wir sind autonom.» Da denke ich an die Autonomie meines Sohnes. In Brig steige ich aus und reiche das Buch dem Kondukteur mit der Bitte, er solle es dem Jungen mit den dunkelblonden Locken im nächsten Wagen weitergeben. Er sei mein Sohn.

Tage später erhalte ich einen Anruf von Fabio und Maria, den Freunden, die meinen Sohn in Italien beherbergen, sie bedanken sich für das wunderbare Buch. Es sei wie eine Meditation.

vorgestellt von Francesco Micieli, Schriftsteller und Dozent, Bern

«Ein Buch über die Welt. Das Kloster Disentis». Mit Fotografien von Giorgio von Arb und Texten von Erwin Koch. Bern: Benteli, 2010

2 Gedehnte Gegenwart, globalisierte Kunst

«Gesichertes Wissen», wie es die Becksche Reihe darbieten will, ist im volatilen Bereich der Gegenwartskunst nicht zu haben. Der in Zürich lehrende Kunsthistoriker Philip Ursprung hat sich deshalb für einen Zugang entschieden, den er performativ nennt. Der Umstand, dass jede Geschichte der Kunst abhängig von einem subjektiven Standpunkt erzählt werden muss, soll zum Prinzip der Darstellung gemacht werden. Folgerichtig beginnt das Buch mit der Erinnerung des Autors an einen Abend in den 1970er Jahren, als sein Vater das Buch «Die Grenzen des Wachstums» nach Hause brachte, oder es werden Künstler ins Spiel gebracht, die Ursprung persönlich kennt, etwa Jeff Wall, Dan Graham, Ingrid Wildi oder Pipilotti Rist.

Das schmale, aber konzentrierte und anregende Bändchen ist damit weder eine Darstellung in der Art von «Die 50 bedeutendsten Künstler», die ein berechtigtes Bedürfnis nach Orientierungswissen auf oberflächliche Weise zu stillen versuchen würde. Noch ist es eine Überblicksdarstellung über Kunstrichtungen, die das Schwergewicht auf innerästhetische Probleme legen würde. Diese Aspekte werden zwar auch berührt – etwa wenn die Kunst der 1960er und 1970er Jahre unter dem Titel «Vom Objekt zum Prozess» dargestellt wird oder wenn für die 1980er Jahre von einem «Hunger nach Bildern» gesprochen wird. Die eigentliche Absicht geht tiefer. Es soll die seltsame Dehnung der Gegenwartskunst, die nun schon ein halbes Jahrhundert andauert, ihre longue durée, verständlich gemacht werden, und zwar jenseits ungenauer Begriffe wie Neo-Avantgarde oder Postmoderne.

Die «Kunst der Gegenwart», das ist die Kunst der Industrienationen zwischen 1960 und heute, und damit ist sie untrennbar mit der Globalisierung verbunden. Nicht, dass sie diese «ausdrücken» oder «abbilden» würde. Sie macht Veränderungen, die uns alle betreffen, spürbar, lange bevor sie begrifflich fassbar sind. So zeigen die seriellen Strukturen der Minimal Art ebenso neue Raum-Zeit-Erfahrungen wie die allgegenwärtige Figur des Loop. Oder es bringen…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»