Schweizer Autoren in Kurzkritik XXVI

14 Bücher, vorgestellt in der sechsundzwanzigsten Folge der «Schweizer Autoren in Kurzkritik». Fortsetzung folgt.

1 Francesco reist nach Verbania

Eigenartig, es gibt Bücher, die wollen nicht zu dir, und wenn sie mal bei dir sind, wollen sie nicht bleiben. Für meine Kleinstbesprechung hatte ich das Buch «Die nackten Inseln» von David Signer bestellt. Bis das Buch zu mir kam, hatte es schon eine kleine Odyssee hinter sich. Von einem Bürotisch zum anderen, von einem Briefkasten zum nächsten. Als ich es erfreut in meinen Koffer packte, weil ich ein Reisender in Sachen Kleinstbesprechungen für die «Schweizer Monatshefte» bin, ahnte ich nicht, was sich ereignen würde. Zuerst aber soll den Monatsheften ein Dank für ihre Unterstützung der Schweizer Literatur (Deutschschweizer wäre angebrachter) ausgesprochen werden. Im Zug nach Verbania – ich sollte dort Freunde besuchen – wollte ich mit der Lektüre beginnen. Das Umschlagbild schien sich zu bewegen… oder besser, die barbusige Frau, deren Gesicht etwas Maskenhaftes hat. Leicht irritiert las ich die Buchrückseite: «Virtuos auf mehreren Ebenen… NZZ», hiess es da. Ich wollte das Umschlagbild unbedingt vermeiden und machte mich ans Inhaltsverzeichnis. Als ich zu den letzten Titeln der Kapitel kam: «Hier kann man gut untertauchen», «Sie ist sicher dort, wo man sich gut verstecken kann», «Der Preis», «Die Nacht der geteilten Leidenschaft», «Der Privatstrand», «Das Ende», und ich auf Seite 13 mit Lesen beginnen wollte: «Was zum Teufel heisst gorjigen?», klopfte mir jemand auf die Schultern und sagte «Ei, che diavolo! Non ti fai più sentire!» Rico, ein Schauspieler, mit dem ich vor Jahren im ProTheater Solothurn gespielt hatte, stand vor mir und wollte in den Speisewagen. «Kommst du mit?» Und schon zog er mich durch die Gänge. Nach einem pendolinomässigen Essen und einem Bier kehrten wir zurück. Ich wollte weiterlesen. Das Buch war nicht mehr da. Auch nicht im Koffer. Ich schaute unter die Sitze, ich schaute auf den Ablagen, ich schaute die Mitfahrenden genau an. Nichts zu machen. «Die Erfahrung lehrt doch wirklich, dass ein Buch nicht verschwindet», sagt Wittgenstein. Bitte melden, wenn Sie eine andere Erfahrung gemacht haben.

vorgestellt von Francesco Micieli, Schriftsteller & Dozent, Bern

David Signer: «Die nackten Inseln». Zürich: Salis, 2010

2 Vita brevis, libri perennes

Jede Liebhaberei trägt für Aussenstehende den Stempel einer gewissen Skurrilität. Dass der Umgang mit Büchern aber geradeswegs zum Wahnsinn führe, wie Erasmus von Rotterdam andeutete, ficht wahre Bücherfreunde nicht an. Sie beschäftigen sich mit alten Graphiken, Handschriften, seltenen Frühdrucken, Inkunabeln, Holzschnittbüchern, Kupferstichwerken, Faksimiledrucken, Logbüchern, Kladden oder Flugblättern und beweisen aller Welt, dass das Büchersammeln eine überaus spannende Passion ist, selbst wo es zum leicht Manischen neigt. Die nationale Elite, rund 470 bekennende Hardcorebibliophile, versammelt sich in der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft. Nirgendwo kann man inspirierter über buchpflegerische Finessen diskutieren, sich über bibliophobes Teufelswerk der grässlichsten Art ereifern, über Eselsohren, Fettflecken, Schimmelbefall, Tintenfrass und gewelltes Pergament.

Die 1921 ins Leben gerufene Gesellschaft gibt die international renommierte Zeitschrift «Librarium» heraus, die seit 1958 dreimal im Jahr erscheint und nun also im 53. Jahr steht. Das Titelblatt atmet die Zeitlosigkeit des Grabsteins, und auch das sonstige Erscheinungsbild weist nur zurückhaltend darauf hin, dass man nicht mehr das Jahr 1921 schreibt. Auch thematisch hält sich «Librarium» von der Tagesaktualität verzeihlicherweise fern. Zweispaltig gibt es Einblick in die verschiedensten und farbigsten Bereiche des Bücherwesens und zeigt auf jeder Seite, dass das Buch nicht nur Geisteswerk ist und intellektuelles Medium, sondern auch sinnliches Vergnügen schenkt. Als historisches Objekt repräsentiert es die Aura versunkener Epochen und dokumentiert buchkünstlerische Leistungen der Vergangenheit und Gegenwart in stupender Vielfalt.

Die aktuelle Ausgabe 1/2010 vom April enthält einen Beitrag von Jean-Pierrre Meylan über den Plan einer «Weltbibliothek» des Literaturnobelpreisträgers Romain Rolland und seines Schweizer Verlegers und Mäzens Emil Roninger. Sabine Knopf berichtet über Einflüsse des…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»