Schweizer Autoren in Kurzkritik XXV

14 Bücher, vorgestellt in der fünfundzwanzigsten Folge der «Schweizer Autoren
in Kurzkritik». Fortsetzung folgt.

1 Casting! Durchhalten!

Ja, da müssen Sie jetzt durch! Stellen Sie sich nicht so an! Eine Castingshow mehr oder weniger, das ist doch nicht zu viel verlangt. Ausserdem wird diesmal erfreulicherweise nicht gesungen, das ständige Brummen und Geträller war wirklich nicht mehr auszuhalten.

In Milena Mosers Roman «Möchtegern» geht es unrhythmisch um die Suche nach dem Schweizer Schreibstar. Ohne blöde brummende Bässe und hysterische Kehllaute, sonst ist jedoch alles gleich: eine Jury kommentiert, die Kandidaten präsentieren und prostituieren sich vor den Kameras, obwohl die Siegerin schon längst feststeht. Eine hübsche Wilde ist es, man hätte auf sie wetten können, mit ihrem aufregend schiefen Gesicht, dem offenherzigen Auftreten und den schrägen Ansichten.

Das könnte eine weitere Satire auf eine weitere Castingshow werden. Jury und Kandidaten werden mit lustigen, leicht zu belächelnden Charakteristika gezeigt, sie haben das Potential zu gelungenen Witzfiguren: eifernde und verstummte Literaten auf der einen Seite, auf der anderen heimliche Poeten, dutzendfach abgelehnte Frustschreiber, esoterische Sinnsucher, verklemmte Neurotiker, urige Bergdörfler mit Akkordeon. Sie alle sind orientierungslos, geltungssüchtig und Dilettanten. Daraus hätte eine lustige Truppe werden können, doch die Zürcherin Moser traut sich nicht, hart mit ihrem Personal umzuspringen. Dem Roman fehlt ein gesunder Sarkasmus, eine Lust am Vorführen, am Veralbern und Blossstellen. Stattdessen wird Allerweltshumor geboten, faltige Chansonsänger becircen, Hausfrauen mit Putzzwang bezaubern, Schwule bedanken sich für die Chance zum öffentlichen Coming-out, und alte Scheunen brennen bekanntlich am besten. Man könnte also sagen, es ziehe alles nett, unaufgeregt und betulich am Leser vorbei.

Man könnte aber auch sagen, statt die Möglichkeiten bissiger Ironie zu nutzen, kuschele sich Moser unter die Decke wohlwollender Geschwätzigkeit und lasse den Roman erst in einen Streichelzoo – ach, was seid ihr alle doch für ganz, ganz Liebe – und dann in eine bis dort nur nebenbei mitgeschleppte Krimihandlung münden. Deren Lösung wird hier natürlich nicht enthüllt, aber ein kleiner Tip sei erlaubt: die detailliert ausgebreiteten Biographien der Putzfrau und des Briefträgers stehen in keinerlei Bezug zur Romanhandlung. Zu keiner von den vielen.

vorgestellt von Michael Harde, Lehrer & Eifelbauer, Schalkenbach

Milena Moser: «Möchtegern». Zürich: Nagel & Kimche, 2010

2 Bin ich, ist der Tod nicht

Lässt sich das Sterben lernen? Wer mit der rationalen Auskunft von Epikur nicht zufrieden ist, wonach man den Tod nicht fürchten müsse, weil er uns nicht treffe («bin ich, ist er nicht, ist er, bin ich nicht»), sucht eine Antwort am besten in der konkreten Erfahrung mit Sterbenden. Das Büchlein des Arztes Christoph Held schildert in einer Reihe kurzer, prägnanter Erzählungen das Abgleiten in zunehmende Demenz. In den erzählten Geschichten endet dieser Prozess nicht nur bald mit dem körperlichen Tod; der manchmal schlagartige Verlust des Gedächtnisses bedeutet häufig auch eine weitgehende Auflösung der vormals sich ihrer Geschichte bewussten Person, und damit ein vor allem für die Angehörigen leidvolles, weil diffuses personales Sterben vor dem leichter diagnostizierbaren körperlichen Sterben.

Für Held liegt das Schwergewicht seiner Geschichten auf den aussergewöhnlichen Herausforderungen, die der Umgang mit dementen Menschen für das Personal des von ihm medizinisch geleiteten Pflegeheims bedeutet – und diese Pflege ist durchweg von einem hohen Einsatz und teilweise bewundernswerter Menschlichkeit geprägt. Diese sicher realistischen, aufgrund der beinahe familiären Kultur des Heims allerdings besonders günstigen Umstände der Pflege hilfloser Menschen könnten als eindrucksvoller Anschauungsunterricht in jeder Pflegefachschule dienen. Darüber hinaus könnten diese Geschichten jedoch mindestens einige Leser nicht nur als Vorausschau auf die mögliche zukünftige Hinfälligkeit ihrer nächsten Angehörigen interessieren, sondern auch als eine denkbare Lektion in eigener Sterbeerfahrung. Unter diesem Aspekt ist freilich weniger die Überforderungsproblematik der Pflegenden wichtig als der Einblick in die subjektive Befindlichkeit der immer hinfälliger werdenden Patienten.

Klare Auskunft von der Innensicht der Patienten geben zwei Geschichten. Eine Patientin entscheidet sich, noch im Besitz ihrer geistigen Kräfte, mit einer etwas störrischen Verzweiflung zum Suizid mit Unterstützung einer Sterbehilfeorganisation; ein jüngerer Patient erlebt den Fall in die Demenz mit grosser Angst. Weil Sterben letztlich einsam ist, lässt sich die subjektive Seite dieser und mehr noch der dementen Patienten nur erahnen. Der mit dem Sterben verbundene emotionale Prozess, sich vom eigenen Lebensdrang zu lösen, ist aber auch daran zu üben, wie es für andere ist, einen Verfall zu erleben, der auch der unsere sein könnte.

Helds Tonfall ist der ruhige, unaufdringliche eines Arztes, der die Eitelkeit der Medizin als eine körperbeherrschende Technik hinter sich gelassen, ihre modernen Einsichten in die unausweichliche Körperbiologie aber in eine ebenso staunende wie offene Sachlichkeit transformiert hat. Sein Gesamtblick auf die Patienten und ihre Pfleger ist insgesamt durchaus biologisch, das aber auf eine menschlich angemessene, gelassene Weise. Die beruhigende Wirkung seiner Erzählungen entsteht allein durch den sachlichen Blick auf eingefallene, gelblich verfärbte Bauchdecken und langsam vom Weggli tropfende Zwetschgenkonfitüre.

Seneca ist der Meinung, dass der Mut gegenüber dem Tod wachse, je näher man ihm komme, eine These, die ohne Belege nur schwer zu teilen ist. Am geduldig erzählenden Stil dieser Geschichten lässt sich ahnen, welche Leistung dabei erbracht werden muss. Dass es, nach Epikur und Seneca, beruhigend sein soll, dass unsere bewusste Existenz und der Tod sich gegenseitig ausschliessen, ist rational nicht zwingend. Aber dass wir die biologischen Gesetze unseres individuellen Lebens am Ende emotional akzeptieren könnten, kann man aus diesem Büchlein durchaus folgern.

vorgestellt von Anton Leist, Professor für Philosophie, Zürich

Christoph Held: «Wird heute ein guter Tag sein? Erzählungen aus dem Pflegeheim». Oberhofen am Thunersee: Zytglogge, 2010

3 Mit den Alpen gegen den Feind

Es gibt Bücher, die man mit Interesse liest und denen man im einzelnen oft zustimmen kann, die man aber in ihrer Tendenz nur bedingt billigen mag. So ging es mir bei der Lektüre von Dominik Schnetzers Dissertation «Bergbild und Geistige Landesverteidigung», die vom Zürcher Professor Jakob Tanner betreut und im Rahmen eines Forschungsprojekts des Nationalfonds verfasst worden ist. Der Verfasser geht von der bekannten Tatsache aus, dass die Alpen im Schweizer Bewusstsein einen geistigen Bezugsort darstellen, der identitätsstiftend wirkt und in dem wir uns selbst zu erkennen glauben. Schnetzer zeigt, wie sich zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg die «visuelle Inszenierung des Alpenraums» in den Darstellungen illustrierter Zeitungen vollzogen hat. In sorgfältiger, gut nachvollziehbarer Analyse wird die Wechselwirkung von Darstellung und Wahrnehmung der Alpen vor dem Hintergrund ihrer verkehrsgeschichtlichen und alpinistischen Erschliessung sichtbar gemacht und eine überzeugende «Typologie des Bergbildes» entwickelt. Im zweiten Teil seiner Arbeit bezieht der Autor den Film in seine Betrachtung ein. Er zeigt auf differenzierte Weise, wie das Bild der Alpen im Ton- und Spielfilm mit konservativen, heroisierenden und xenophoben Elementen angereichert und als Instrument der Volkserziehung eingesetzt wurde. Von der kritischen Interpretation ausgeprägt patriotischer Filme wie «Die Herrgottsgrenadiere» und «Füsilier Wipf» gelangt Schnetzer zu einer scharfen Kritik an der «Geistigen Landesverteidigung», der er vorwirft, die rückwärtsgewandte, antiliberale Botschaft, wie sie vom Alpenbild der Illustrierten und des Films ausgegangen sei, übernommen zu haben. So habe die «Geistige Landesverteidigung» mitgeholfen, die restriktive Flüchtlingspolitik der Schweiz und die Kooperation mit Nazideutschland zu ermöglichen.

Viele der Fragen, die Schnetzer in seinem grosszügig illustrierten Werk stellt, sind methodisch originell, und viele seiner Antworten sind einleuchtend. Ein Nachteil dieser Arbeit scheint mir jedoch darin zu liegen, dass der Autor die Bedrohungssituation, der sich unser Land spätestens nach 1933 ausgesetzt sah und die das Bild der Alpen wesentlich mitbestimmt haben dürfte, völlig ausser Acht lässt. So wird zu wenig bedacht, dass die «Geistige Landesverteidigung» sich nicht das Ziel setzte, Flüchtlinge zu retten oder Handelsbeziehungen zu unterbinden, sondern die schweizerische Bevölkerung im Widerstand gegen Faschismus und Nationalsozialismus zu einigen und dadurch die territoriale Integrität unseres Landes sicherzustellen. Dieses Ziel ist, wie schon der enorme Publikumserfolg «Füsilier Wipfs» zeigt, erreicht worden, und es ist schwer vorstellbar, welch anderes Symbol damals ebenso wirksam hätte eingesetzt werden können wie eben das unserer Alpen. Ob es dann richtig war, die «Geistige Landesverteidigung» im Kalten Krieg inhaltlich unverändert zu perpetuieren und dadurch die Isolation der Schweiz zu zementieren – das freilich ist eine andere Frage…

vorgestellt von Urs Bitterli, Prof. em. für Geschichte, Gränichen

Dominik Schnetzer: «Bergbild und Geistige Landesverteidigung». Zürich: Chronos, 2009

4 Hinein ins Bild

Bilder streben in die Fläche. Für einen Schriftsteller besteht so gesehen die Herausforderung bei der Bildbetrachtung darin, diese Flächigkeit sprachlich zu meistern. Ein Bild schreibend zu erkunden, kann freilich nicht heissen, es einfach nachzuerzählen. «Wichtig ist dabei weniger die Beschreibung der äusseren Gestalt als jenes Erleben und Empfinden, das sich im Gemalten öffnet und das nur der poetischen Anschauung zugänglich ist.» Dies schreibt Michel Mettler im Vorwort zu einer Reihe von Texten, in denen er in Bilder eintaucht, um sich an ihrem Grund selbst wieder zu begegnen. Er zielt dabei nicht auf kunsthistorische Analysen ab, sondern trachtet danach, die «deutungsbedürftige, sich immer wieder allem Verstehen entziehende ‹Wirklichkeit›» innerhalb eines Bildes für sich aufzuschlüsseln.

Als Vorlage dienen Meisterwerke der Malerei von Hieronymus Bosch bis Vincent van Gogh – also Gemälde, die in unterschiedlichen Formen der gegenständlichen Darstellung und somit dem Erzählen verpflichtet sind. In Gustave Courbets loderndem Selbstporträt als bestürzter Künstler erkennt Michel Mettler ein Ungestüm wieder, das von der Kunst alles einfordert. Und Hieronymus Boschs «Der Taschenspieler» verwandelt sich in eine kleine Gesellschaftskunde, worin Dummheit und Gier miteinander verschmelzen.

«Ich sehe ein Gesicht und darunter die nächste Maske auf der Lauer», notiert Mettler über Francis Bacons verstörendes Porträt Michel Leiris’. Wiedererkennbarkeit und Verformung halten sich darin auf riskante Weise in Schach, permanent bedroht, in Fratzenhaftigkeit abzurutschen. Wohl auch deshalb, bemerkt der Betrachter, sind Bacons Visionen «so bedrängend, so unausweichlich: weil ihre Monstrosität eng ans ‹Normale› grenzt.»

Michel Mettlers Betrachtungen variieren. Mal stecken sie den Bildraum präzise ab, um darin das zentrale Motiv einzugrenzen, mal greifen sie unweigerlich ins Erinnern aus, oder sie resümieren, wie im Falle von Heinrich Wölfli, aus dem Bild heraus einen biographischen Kosmos, in dem alles wahres Abbild und zugleich Neuerfindung ist. Seinen Betrachtungen gemeinsam ist die akkurate Auswahl der Bilder. Jede dieser eindrücklichen Vorlagen lohnt eine weitergehende Auseinandersetzung, wozu Michel Mettler höchst anregende Impulse gibt.

vorgestellt von Beat Mazenauer, Literaturnetzwerker, Luzern

Michel Mettler: «Der Blick aus dem Bild». Frankfurt a.M.: Insel, 2009

5 Lyrisches Geflitter trifft Bockmist

1981 debütierte Thomas Hürlimann mit dem Novellenband «Die Tessinerin», zugleich der erste Titel im Programm des damals neu gegründeten Ammann-Verlags. Bis heute sind bei Ammann zwanzig Bücher von Hürlimann erschienen, der damit zu den produktivsten und erfolgreichsten Autoren des Verlags gehört. Jetzt, zum Ende des Verlags, hat Ammann noch einmal achtzehn Geschichten aus fast dreissig Jahren in einem kleinen Bändchen versammelt. Für Leser eine willkommene Gelegenheit, einen der bedeutendsten Schweizer Erzähler neu- oder wiederzuentdecken.

Was in der Literaturgeschichte oft ein wenig herablassend als kleine Form bezeichnet wird, erweist sich bei Hürlimann als grosse Sprachkunst, aphoristisch verdichtete Geschichten und Reflexionen, die ebenso lebensklug wie sprachlich brillant sind. Auffällig an den in «Dämmerschoppen» versammelten Texten ist die Vielfalt der Stil- und Tonlagen. Ob spitzzüngige Satire, absurde Situationskomik oder philosophische Betrachtung, Hürlimann beherrscht souverän die verschiedenen Register und fühlt sich überall gleichermassen zu Hause. Dass der Autor seine Erfahrungen als Dozent am Leipziger Literaturinstitut oder als Gast eines Dichtertreffens in Konrad Adenauers ehemaliger Sommerresidenz am Comersee zu fulminanten Satiren auf den Literaturbetrieb verarbeitet, ist nicht weiter verwunderlich. Aufhorchen hingegen lässt die Glosse «Der Vestiaribruder», eine liebevolle Hommage an den Mönch des Klosters Einsiedeln, der für die täglich wechselnde Garderobe der in der Klosterkapelle verehrten Schwarzen Madonna zuständig ist. Der feinsinnige Text sei insbesondere jenen Kritikern ans Herz gelegt, die dem Autor routinemässig eine Verunglimpfung der Religion vorwerfen.

Glanzstück der vorliegenden Sammlung ist zweifellos die titelgebende Novelle «Dämmerschoppen», eine poetische Reflexion über Dichterruhm und Eitelkeit. Sie erzählt vom 70. Geburtstag Gottfried Kellers, der unter falschem Namen in einem Hotel am Vierwaldstättersee abgestiegen ist, um den ihm zu Ehren veranstalteten Festlichkeiten zu entgehen. Während der grosse Dichter die aufkommende Schwermut mit einer Flasche Wein auf der Hotelterrasse zu vertreiben versucht, ist man drinnen längst seiner wahren Identität gewahr geworden und rüstet sich zum grossen Empfang. Einzig der Kellner auf der Terrasse ahnt nichts von seinem berühmten Gast und äussert sich abfällig über die literarischen Verdienste des Zürcher Staatsschreibers, dessen Werk nüchtern betrachtet lyrisches Geflitter von gestern sei. Als dem Kellner sein Fauxpas bewusst wird, revanchiert er sich mit überschwenglichem Lob, für das der desillusionierte Jubilar nur die einzig passende Vokabel «Bockmist» übrig hat.

Indem die Erzählung auf heiter-melancholische Weise die Fragwürdigkeit und das fadenscheinige Lob der Dichterexistenz aufgreift, schlägt sie einen weiten Bogen zu Hürlimanns bitterbösen Satiren auf den Literaturbetrieb. Nur in einem Punkt müssen wir dem Autor entschieden widersprechen. Die in «Lehrjahre eines Unterdozenten» geäusserte Befürchtung, das Leipziger Literaturinstitut stelle nur kugelrunde Nullen ein, die es zu nichts gebracht hätten, trifft zumindest auf den Unterdozenten Hürlimann ganz gewiss nicht zu. Der gehört, genau wie sein schriftstellerischer Ahne Gottfried Keller, zu den ganz Grossen.

vorgestellt von Georg Deggerich, Übersetzer, Krefeld

Thomas Hürlimann: «Dämmerschoppen». Zürich: Ammann, 2009

6 Ein Schreibtisch im Flughafen

Eine Woche lang durfte der Schriftsteller Alain de Botton seinen Schreibtisch in den Terminal 5 des Londoner Flughafens Heathrow verlegen. Dessen Eigentümer Grupo Ferrovial, ein weltweit operierendes Unternehmen der Dienstleistungsindustrie, hatte den durch seine alltagsphilosophischen Bücher berühmten Autor als writer in residence engagiert. De Botton quartierte sich in einem neben dem Terminal liegenden Hotel ein und begab sich mit dem notwendigen Ernst an die Arbeit. Er schaute hinter die Kulissen des Flughafenbetriebs, beobachtete Sicherheitskräfte und Servicepersonal bei der Arbeit und sprach mit Passagieren, Stewardessen und Flughafenseelsorgern. Am Ende seines Aufenthalts war es ihm sogar vergönnt, den Vorstandsvorsitzenden von British Airways zu interviewen, um dabei herauszufinden, dass auch dieser, wie der Autor selbst, immer wieder staunen muss, wenn eine der riesigen Flugmaschinen seines Unternehmens vom Boden abhebt.

Alain de Bottons Kunst besteht darin, seine Beobachtungen alltäglicher Vorgänge und Verrichtungen in eine elegante, manchmal auch ironische Prosa zu giessen, die den Anschein erweckt, als reflektiere sie gleichzeitig mühelos die gesamte Kulturgeschichte der Menschheit. In der exklusiven Concorde Lounge kommt ihm das revolutionäre Potential der christlichen Heilslehre in den Sinn, und die Tatsache, dass man in Flugzeugen – in der Economyklasse leider immer seltener – Essen serviert bekommt, lässt ihn an jene Zeiten denken, da wir «zu Ehren der Kornernte Dankfeste feierten und Tiere opferten, um die Fruchtbarkeit der Erde auch für die Zukunft zu sichern». Damals werde es wohl auch gewesen sein, dass sich Arbeitskräfte noch einfacher hätten motivieren lassen, dank Griff zur Peitsche, während heutzutage Motivationsseminare und andere Privilegien eingeführt worden seien, um die Angestellten von Fluggesellschaften zur Freundlichkeit gegenüber den Passagieren zu bewegen. Allerdings erfährt der Leser im folgenden Abschnitt, dass eine solche Eigenschaft eher ein Produkt familiärer Erziehung als eines ausgeklügelten betrieblichen Motivationssystems sei, womit Eltern «als die wahre Personalabteilung des globalen Kapitalismus» zu gelten hätten.

Bei «Airport. Eine Woche in Heathrow» handelt es sich um eines jener Bücher, wie der Autor selbst im grössten Buchladen des Flughafens nach ihnen Ausschau hält, solche nämlich, «in denen eine freundliche Stimme Gefühle zum Ausdruck brachte, die der Leser längst kannte, aber noch nie recht verstanden hatte …».

vorgestellt von Joachim Feldmann, Lehrer & Redaktor, Recklinghausen

Alain de Botton: «Airport. Eine Woche in Heathrow». Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Frankfurt a.M.: S. Fischer, 2010

7 Warum Rudolf Roessler Eisenchlorid braucht…

Peter Kamber lässt in seinem historischen Dokumentarroman «Geheime Agentin» reale Personen in ihrem historischen Umfeld agieren; ihr Handeln und Sprechen soll dabei so wenig wie möglich von den historisch belegten Tatsachen abweichen. Abgestützt werden die fast tausendvierhundert Seiten Erzähltext durch einen im Internet publizierten Apparat, in dem die Datenlage offengelegt wird und zusätzliche Informationen vermittelt werden. Der Apparat umfasst noch einmal rund tausend Seiten, was den Umfang der Arbeiten und Vorarbeiten erahnen lässt.

Das erste Kapitel beginnt mit Rudolf Roesslers Rasur. Er war ein in Luzern lebender deutscher Emigrant, der die Verbindung zwischen dem Schweizer Nachrichtendienst und dem deutschen Widerstand herstellte und auch Beziehungen zu kommunistischen Spionageringen pflegte. Im Apparat erfahren wir nun nicht nur weitere biographische Daten zu Roessler, sondern lesen auch, dass er beim Rasieren das blutstillende Mittel Eisenchloridwatte verwendete. Als er 1953 wegen verbotenen Nachrichtendiensts erneut verhaftet wurde, hatte die Polizei den Verdacht, mit dem Eisenchloridmittel lasse sich auch Geheimtinte sichtbar machen. An diesem Beispiel zeigt sich ein Problem des Werks: Peter Kamber hat enorm viel gearbeitet und er weiss enorm viel über den Zweiten Weltkrieg und die Geheimdiensttätigkeit während dieser Zeit. Er hat nicht nur die wichtigsten Bücher gelesen, sondern er ist in die Akten (insbesondere des Bundesarchivs) gestiegen und belegt dies mit wissenschaftlicher Akribie. Doch leider kann er auf nichts verzichten, er möchte Totalität herstellen. Er überfrachtet seine Dialoge mit Informationen. Auch verfolgt er zu viele Erzählstränge. So erzählt er den Holocaust anhand von Einzelschicksalen, von der Wannseekonferenz bis zur Befreiung der KZ, er erzählt die Geschichte der Enigma-Verschlüsselungsmaschine und die Verschwörung des 20. Juli. Letzteres ist durch eine der Hauptlinien des Romans motiviert, das lange Zweifeln der westlichen Geheimdienste an der Existenz eines deutschen Widerstandes – und dessen tragisches Scheitern auch deshalb, weil keine Chancen auf einen Separatfrieden im Westen bestanden.

Auf der Positivseite ist zu verbuchen, dass sich der Roman mit seinem Brennpunkt Schweiz streckenweise ungeheuer spannend liest und auch Kenner der Weltkriegsgeschichte immer wieder mit Fakten und weniger bekannten Figuren verblüfft. Wer weiss schon Bescheid über Paul Meyer Schwertenbach, Hauptmann im Nachrichtendienst der Schweizer Armee, der kaltgestellt wurde, nachdem er ein Treffen zwischen General Guisan und dem Chef des SD-Auslandsnachrichtendienstes, Schellenberg, eingefädelt hatte? Oder über Arthur Nebe, Chef der Kriminalpolizei, an Kriegsverbrechen beteiligt und gleichzeitig Mitglied des Widerstandes?

Peter Kamber verfällt der Faszination der Uniformen, Hierarchien und Machtkämpfe nie. Durch Fakten und Berichte verdeutlicht er immer wieder den verbrecherischen Charakter des Naziregimes. Auch Selbstverständliches muss ab und zu wieder gesagt werden. Nicht im Vordergrund stehen dagegen die problematischen Aspekte der alliierten Kriegsführung: die Bombardierung von Zivilbevölkerung und historischen Stadtzentren und der totalitäre und misstrauische Charakter der verbündeten Sowjetunion, der zum Nachkriegsfiasko und der Spaltung Europas beitrug. Kamber lässt durchblicken, dass eine andere Lösung denkbar gewesen wäre, wenn nicht der Wechsel von der «sozialdemokratischen» Politik Roosevelts und seines Vizepräsidenten Henry A. Wallace zur Macht- und Realpolitik Trumans erfolgt wäre. Solche Spekulationen mögen müssig sein. Doch die Geschichte des Zweiten Weltkrieges ist reich an Wendepunkten und Zufällen.

vorgestellt von Christof Wamister, Journalist, Basel

Peter Kamber: «Geheime Agentin». Berlin: Basisdruck, 2010

ergänzende Materialien: www.geheimeagentin.de

8 …und Rainer Maria Rilke sich Geld leiht

«Begegnungen waren seine Lektüren stets», bemerkte Carl J. Burckhardt bei Gelegenheit über seinen Freund Hugo von Hofmannsthal. Das traf auch auf ihn zu, den gelehrten Diplomaten und homme de lettres aus Basel, das Idealbild eines Botschafters aus anderer Zeit. Aber auch was und wie Burckhardt schrieb, kann bis heute Begegnungen vermitteln, und zwar mit jenen, die er so einzigartig zu schildern verstand, im vorliegenden Falle Rilke und Hofmannsthal, die in Burckhardts Darstellung uns bei der Lektüre geradezu plastisch entgegentreten.

Wir sind dabei, wie Burckhardt in einem Pariser Friseursalon nahe der Madeleine Rilke begegnet und wie er diesem aus einer Verlegenheit hilft, weil der Dichter seine Brieftasche im Hotel hatte liegen lassen; sind dabei, als die beiden vor einem Blumengeschäft stehen, um gleich darauf in der Nähe des Odeon-Theaters ein Antiquariat zu betreten, über Ronsard und La Fontaine sprechen sowie über Johann Peter Hebel und dessen 1889 übersetzte «Poésies complètes». In diesem Hebel-Jahr liesse sich eigentlich keine schönere Würdigung dieses alemannischen Barden aus Basel denken als diese fünf Burckhardtschen Seiten Erinnerung an Rilkes Gespräch mit dem Pariser Buchhändler und einem Bibliothekar.

Wir werden auch Zaungast, als Burckhardt als Gesandtschaftsattaché in Wien Hofmannsthal begegnet, und zwar im Spätsommer 1918, als «das altehrwürdige Habsburgerreich in allen Fugen krachte» und Wien elend darbte; als er den Dichter in seinem Refugium vor der Zeit in Rodaun aufsucht und dieser ihm aus dem fünften Akt von Goethes «Egmont» vorliest.

Gut, auch wieder die von Burckhardt ausgewählten, an ihn gerichteten Briefstücke Hofmannsthals zu sehen und einfach so zu tun, als kennte man die inzwischen längst vorliegende Ausgabe dieses Briefwechsels noch nicht. «Der Contact mit Ihnen», so lesen wir in einem dieser Brieffragmente Hofmannsthals, «wie mit jeder bedeutenden neuen Figur (bedeutend auch durch ihren Hintergrund) macht mich vieles neu sehen. Das ist der Sinn der Contemporanität …».

Erstmals war dieses Bändchen in dieser Gestalt im Jahre 1943 erschienen und seither nicht mehr. Damals wollten diese Kulturimpressionen Leuchtzeichen in grausiger, in dunkelster Zeit sein. Heute erinnern sie daran, was bestimmte Kulturwerte einmal gewesen sind. Dem Verlag sei Dank für dieses funkelnde, weil sprachlich so geschliffene, den Leser heiter-melancholisch stimmende Fundstück.

vorgestellt von Rüdiger Görner, Professor für Literatur, London

Carl Jacob Burckhardt:

«Erinnerungen an Rilke und Hofmannsthal». Basel: Schwabe, 2009

9 Frauen mit Bärten leben riskant

Die Schaulust war gross. Millionen begehrten Einlass, denn auf den Jahrmärkten und Showbühnen des 19. Jahrhunderts wurde alles gezeigt, was kurios und tierisch war: Zwerge und Riesen, siamesische Zwillinge, Elefanten- und Löwenmenschen. Keine Monstrosität aber schlug die Zuschauer dermassen in Bann wie die «Affenfrauen»: weibliche Wesen mit animalischer Behaarung, die im übrigen befremdlich menschlich erschienen. Zu bewundern war etwa Josephine Fortune Clofullia, geboren 1831 in Genf. Als «the Bearded Lady of Geneva» wurde sie zum Superstar. Abgesehen von ihrem Bart soll sie äusserst feminin gewesen sein, und die drei gerichtlich bestellten Ärzte, die sie nach Betrugsvorwürfen untersuchten, hatten keine Mühe, sie einhellig zur Frau zu erklären. Daneben strahlte Julia Pastrana, eine 1834 geborene Mexikanerin, die nicht nur im Gesicht, sondern am ganzen Körper starken Haarwuchs aufwies und ein verformtes Gesicht besass, was ihr Primatenähnlichkeit verlieh. Diese Missbildung befeuerte auch die Phantasie der aufsteigenden Evolutionswissenschaft. Man rätselte, ob dem lieben Gott ein Fehler unterlaufen, ob Julia Pastrana ein Neutrum zwischen Mensch und Affe oder ob sie gar eine Strafe des Gewaltigen sei.

Ihr Besitzer, der Impresario Theodor Lent, hatte sie 1856 einem Kollegen abgekauft und führte nun seine Beute dem Publikum als «grösste Attraktion aller Zeiten» und «hässlichste Frau der Welt» vor. Als sie die Kasse nicht mehr schnell genug zu füllen vermochte, nahm er sie flugs zur Frau. Julia wurde schwanger und brachte einen kleinen Esau zur Welt, einen ebenfalls vollkommen behaarten Jungen. Damit standen die Chancen gut, Lents Geschäft neuen Schwung zu verleihen. Leider aber starben Mutter und Kind kurz nach der Geburt. Was tat Lent? Natürlich liess er seine Liebsten sinnvoll herrichten und ging nun auf Tournee mit den Mumien.

Von diesem tollen Stoff liess sich die siebzigjährige Margrit Schriber, die mit erfreulicher Stetigkeit ein Buch nach dem anderen vorlegt, in ihrem jüngsten Roman inspirieren. Sie erzählt die Geschichte aus der Perspektive des fiktiven Verdingkinds Rösli, das im Hafen von Southampton das Schiff nach Amerika verpasst und dann, als Burlesque-Tänzerin «Rosie la Belle», die Vorführung der Pastrana mit einer erotischen Tanznummer begleiten darf. Ihre Schönheit dient dazu, die Abnormität der Behaarten noch herauszuheben und den wohligen Schauer der Zuschauer zu vertiefen. Die beiden Frauen haben durch Europa zu tingeln; die Reise führt sie nach England, Deutschland und Russland. Nach dem Tod der «Affenfrau» kehrt Rosie verarmt in die Innerschweiz zurück, nach Morschach, wo sie in Schlangenlederpumps durch die Gassen stöckelt und den Dorfbewohnern mit ihren Geschichten auf die Nerven geht.

Margrit Schriber macht aus der süffigen historischen Vorlage einen Seelenroman. Die Schaubegierde richtet sich nach innen. Nicht Julias Behaarung, die man später mit der vererblichenKrankheit Hypertrichose erklären konnte, sondern ihre duldsame, verkaufte Seele steht im Zentrum. Von ihrem Agenten über den Tod hinaus zur Ware gemacht und auf das gewinnbringendste vergewaltigt, erfährt sie Mitleid von Rosie, die auch als «la Belle» selbst ein Kind des Jammers bleibt. Rosie zeichnet ein zartes Bild von Pastranas möglichen Gedanken und Gefühlen, das allerdings zum Teil, mehr als dem zwölf- bis vierzehnjährigen Mädchen, dem vorgeschobenen Erzähler, dem Armenvogt, oder der Autorin zu danken zu sein scheint.

Im Kern ist diese Erzählung von einer Frau, die auf groteske Weise auf ihr Äusseres festgelegt wird, nicht historisch. Es ist eine vielstimmige Geschichte über die Licht- und Schattenseiten menschlicher Neugier, über Gefühllosigkeit und Ausbeutung, über Träume und die Tristesse perspektivenloser Leben; ein Märchen, dessen zeitlose Moral in vielen wunderbar stimmigen Sätzen gefangen wird.

vorgestellt von Thomas Sprecher, Rechtsanwalt, Zürich

Margrit Schriber: «Die hässlichste Frau der Welt». München: Nagel & Kimche, 2009

10 Große hole Bäum voll Honig

War 1804 ein gutes Weinjahr in Ohio? Für die Adressaten der Briefe von Jean Jacques Dufour eine zentrale Frage, nicht nur, weil sie an dessen Leben persönlichen Anteil nahmen, sondern auch, weil sie ihre Entscheidung, nachzureisen, von dessen ökonomischem Durchbruch abhängig machten. Die Frage, ob es im neuen Hier besser oder schlimmer sei, ist Thema vieler der Auswanderer-berichte des 18. und 19. Jahrhunderts aus dem Gebiet der heutigen Vereinigten Staaten.

So jubelte Johann Baptist Bourquin im Jahre 1733: «Man kann von diesem Land wol sagen, daß es, wie ehemahls das gelobte Land Canaan, von Milch und Honig fließe; dann in den Wälderen findet man aller Orten große hole Bäum voll Honig.» Keinen Honig fand hingegen Traugott Hagenbuch, dessen Durst nach schnellem Geld in der Silbermine nicht gestillt wurde, sondern ihn in Todesangst versetzte: «Es ist ein athemraubendes Geschäft, mit dem brennenden Licht in der einen Hand da hinauf zu klimmen, und nicht geringe Beklemmung erregt der Gedanke an die zwanzig Mann, welche voran-eilend an den Sprossen über mir hängen, an die zehn, welche unter mir emporklettern: Stürzt Einer, so sind wir alle verloren.»

Was den einen das gelobte Land, ist den anderen ein «verwirrtes Babel» (so Esther Werndli 1736). Der Versuch, allgemeingültige Regeln wie «Wer will ziehen in die neue Welt, | Der muß haben einen Säckel mit Gelt; | Und dazu einen guten Magen, | daß er kann die Schiffs-Kost ertragen.» (Verfasser unbekannt) aufzustellen, ist nichts anderes als ein Zeugnis für das Bewusstsein, nur eine von vielen Realitäten erfassen zu können – eine Tatsache, die für Nachzügler unter Umständen verheerend sein konnte.

Auch wenn die hier zitierte Regel bisweilen noch heute zutreffend sein mag, so ist es dennoch für uns heutige Leser nicht so sehr das Was als das Wie, nicht ein spezifisches Interesse am Weinbau, sondern vielmehr eines an dessen Beschreibung, das uns zum Lesen dieses Panoptikums differenzierter Wirklichkeiten bewegt. Deren Widersprüchlichkeit lässt deutlich werden, wie vielfältig die Reaktionen der Auswanderer auf die gesellschaftlichen Veränderungen ihrer Zeit und das Neue der noch fremden Heimat waren. Die bis auf wenige Änderungen der Darstellung und Anordnung unveränderte Neuausgabe des 1977 im Walter-Verlag von Leo Schelbert und Hedwig Rappolt erschienenen kleinen Universums an Auswandererberichten, vereinigt achtzig, von «weitgehend namenlosen Leute[n]» verfasste Dokumente, die sich lesen wie ein Abenteuerroman inszenierter Realitäten.

vorgestellt von Claudia Keller, Germanistikstudentin, Zürich

Leo Schelbert & Hedwig Rappolt (Hrsg.): «Alles ist ganz anders hier». Überarbeitete Neuausgabe. Zürich: Limmat, 2009

galerie Andreas Marti

aus der Serie «Indistinct Path», Tusche auf Papier, 42 x 59,4 cm, 2008 (Foto: Jon Etter)

11 Und immer lacht die thrakische Magd

In den seligen Zeiten, in denen der Sternenhimmel die Landkarte der gangbaren und zu gehenden Wege war und die Wege vom Licht der Sterne erhellt wurden, damals war, wie Georg Lukács in seiner «Theorie des Romans» hymnisch schwärmt, die Welt weit und doch wie das eigene Haus, Ich und Welt getrennt und doch niemals einander fremd.

Nur hat, seltsamerweise, auch damals schon, wie Sokrates berichtet, die thrakische Magd über Thales von Milet gelacht, weil der bei der Beobachtung des Sternenhimmels in einen Brunnen gefallen war, statt darauf zu achten, wohin er seine Füsse setzte. Warum diese Reaktion nicht borniert, sondern «geistreich und witzig» zu nennen sei, erschliesst sich keineswegs auf Anhieb. Angeblich haben solche seligen Zeiten ja keine Philosophie gebraucht, zumindest nicht im Verständnis von Novalis, der sie als «Heimweh» begreifen wollte, «als Trieb, überall zu Hause zu sein».

Was hier vielleicht nur schemenhaft als Problem aufdämmert, das ist der ewige, ursprüngliche Riss, der sich durch unser Wesen, unsere Welt, unsere Geschichte zieht. Was im Mythos noch eins war, Religion und Magie in einer geschlossenen Weltdeutung vereint, das haben die Wissenschaften fortschreitend aufgelöst und nie wieder zusammenfügen können. Die berühmte Formel «Vom Mythos zum Logos» ist bis heute eine grundlose Hoffnung geblieben. «Der Logos gelangt nie dorthin, wo der Mythos von Anfang an war.»

Hier setzt der Literaturwissenschafter Peter von Matt mit seinem Vortrag über den «Verrat am Mythos» an, den er im Rahmen der Jacob-Burckhardt-Gespräche auf Castelen gehalten und jetzt im Basler Schwabe-Verlag veröffentlicht hat (der Verlag ist, in diesem Zusammenhang durchaus erwähnenswert, im Jahre 1488 gegründet worden).

Die Menschen wollen das Ganze deuten, was aber nur dem Mythos möglich ist. Wir mögen, meint von Matt, zwar die alten Mythen belächeln, können uns aber von ihnen ebensowenig wie von der Magie lösen. Von Matt beruft sich auf Jacob Burckhardt, der von einer anthropologischen Notwendigkeit spricht, «von einem ewigen und unzerstörbaren metaphysischen Bedürfnis der Menschennatur». Mythos und Religion repräsentiere, so Burckhardt, «die ganze übersinnliche Ergänzung des Menschen, das Alles, was er sich selber nicht geben kann». Und damit ist von Matt, unversehens und doch keineswegs überraschend, bei Habermas angekommen. Die säkulare Gesellschaft habe nämlich diese übersinnliche Ergänzung des Menschen mit Pauken und Trompeten verabschiedet, und jetzt empfindet die postsäkulare Gesellschaft «deren Fehlen als dramatisches Defizit». Das heisst: «Die Wissenschaft kann also den Mangel feststellen, ihn beheben kann sie nicht. Das kann nur der Mythos.» Nur er könne auf dieses unzerstörbare Bedürfnis antworten und dem Menschen geben, was er sich «nicht selber geben kann».

Hier nun bringt von Matt wiederum die Literatur ins Spiel. Sie halte es mit beiden Seiten, mit der Wissenschaft und dem Mythos. Allerdings aufgrund ihres Scheincharakters, wie man früher zu sagen pflegte, als die Theorie noch Renommee besass. Der Mythos, wird er wissenschaftlich betrachtet, zerfällt. «Andererseits», so resümiert von Matt, «nimmt sich der Spott über alle Trans-zendenz, der zur neueren Wissenschaftsgeschichte gehört, heute wieder etwas billiger aus.»

Ich fürchte, man kann sagen: er nimmt sich sogar voreilig aus. Aber auch diese Einsicht hilft uns nicht wirklich weiter. Im Gegenteil, wir sind wieder bei der thrakischen Magd, dem alten Hiatus, also wieder am Anfang angekommen. Trotzdem, das ist von Matt zu danken, die Rundreise hat sich gelohnt.

vorgestellt von Martin Lüdke, Literaturkritiker, Frankfurt a.M.

Peter von Matt: «Der unvergessene Verrat am Mythos». Basel: Schwabe, 2009

12 Tot? Ist ja gelacht!

Im Jahr 1989 starben nicht nur Samuel Beckett und Thomas Bernhard. Nur wenige Wochen nach dem Tod des von ihm als «Prosalehrer» verehrten österreichischen Autors nahm sich Hermann Burger das Leben. Bei allen Unterschieden – Bernhard etwa wurde lange Zeit als Beckett-Epigone ridikülisiert («Alpenbeckett und Unterganghofer») – ist ein Gemeinsames dieser drei Autoren in ihrer nachtschwarzen Komik zu sehen. Von der Geburt des Lachens aus dem Schmerz handelt auch Hermann Burgers nachgelassene Erzählung «Der Lachartist»; sie wurde rund ein halbes Jahr vor seinem Suizid begonnen, aber von ihm nicht mehr autorisiert.

Zu einem Zeitpunkt, da kaum noch Texte des zu Lebzeiten nicht nur in der Schweiz hochgeschätzten Autors lieferbar sind – glücklicherweise gibt es auch eine Neuedition von Burgers erstem Roman «Schilten» – ist die Edition dieser kleinen Erzählung höchst willkommen. Sie ist bestens geeignet, in Burgers Schreib- und Sprachwelt einzuführen. Das Artistische, das die Neuprägung «Lachartist» schon im Titel anzeigt, wird darin immer wieder auf die Welt des Circensischen oder des Zauberns zurückgeführt. Die Virtuosen sind dabei nicht nur den Gratwanderungen ihrer Virtuosität, sondern auch dem faszinierten Staunen und Starren der Menge ausgesetzt. Diese Unmittelbarkeit der Wirkung unterscheidet sie von der Virtuosität des Schriftstellers, der indes alle Register seiner Gelehrtheit zieht (Fremdwörter, Neologismen, Vertrautheit selbst mit den entlegensten Wissensgebieten), Satzungetüme errichtet und kühne Wechsel in der Erzählperspektive vollführt und, nicht zuletzt, ein schwindelerregendes Spiel mit Wiederholung, Wiederholungszwängen und Rekurrenzen errichtet. Das alles ist eine performative Übung zu dem Zweck, schreibend das hervorzubringen, wovon der Text spricht: Komik – und, damit die Übung keinesfalls zu leicht ausfalle, auch gleich eine Theorie des Komischen (Freuds Witztheorie ist darin enthalten samt einer gewagten Spekulation über die Österreicherwitze).

Burgers Sprachbesessenheit überlässt nichts dem Zufall; geradezu systematisch wird das semantische Feld des Lachens mit seinen Metaphern («sich totlachen») und lateinischen Künstlichkeiten (bis hin zum – schwankenden – Namen des Lachartisten: Riderius Gelan) abgesucht. Das Ende dieser todessehnsüchtigen Welt des Lachartisten erfolgt durch ein buchstäbliches Sichtotlachen, hervorgerufen durch ein raffiniertes Kunststück «aus der Domäne des Jonglierens». Und wo? – Natürlich in der amerikanischen Wüste, in Las Vegas. Statt mit einem Münzwurf eine Entscheidung herbeizuführen, bleibt die Münze… auf der Kante stehen. Komik ist ein Kipp-Phänomen und bringt den Lachartisten zu Tode. Der indes in Ich-Form von seinem Tod berichtet – ein letzter Kunstgriff auch des Textes.

Wie alle Artistik aus einer vielfältigen Verknüpfung seriellen Drills und anmutiger Leichtigkeit sich zusammensetzt, so ist auch Burgers Text gleichermassen forciert wie seiltänzerisch. Der Text lässt den Lachartisten Rache nehmen am Trauma der Geburt, an der kastrierenden, spermaabzapfenden Mutter, die ihren Sohn nur aus wissenschaftlichem Interesse nicht abgetrieben hat. Das tödliche Gelingen der Selbstauslöschung ist der Triumph des Sohnes als Artisten über solche Zumutungen des Lebens und des Familienromans: «So hatte ich denn also meine von Anfang an verfehlte Geburt definitiv rückgängig gemacht», lautet der letzte Satz der Erzählung. Und nicht nur der Redensart nach bleibt dem Lesenden das befreiende Lachen darob verwehrt.

Der Text erweist sich als ein zum Mutterkomplex Burgers («Die künstliche Mutter», 1982) gehörendes Experiment, das alle Elemente der Legende vom Künstler (als Christus, als Märtyrer, als Neurotiker etwa) unerbittlich an- und durchspielt.

vorgestellt von Karl Wagner, Professor für Germanistik, Zürich

Hermann Burger: «Der Lachartist». Aus dem Nachlass herausgegeben von Magnus Wieland und Simon Zumsteg. Zürich: Edition Voldemeer, 2009

13 / 14 Alles Gute zum Geburtstag: Johann Peter Hebel

Man kann sich durchaus Gedanken darüber machen, was es bringt, sich an die grossen Künstler der Vergangenheit vorwiegend dann zu erinnern, wenn runde Geburts- oder Todestage anstehen. Immerhin – wir werden aufmerksam, und sollte es ein Dichter sein, lesen wir vielleicht wieder einmal in seinen Werken. Dass diese rasch greifbar sind, sei es auch nur in «Best of»-Büchlein, dafür sorgen die Verlage. Ausgewählte Geschichten aus dem «Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes» (1811), die bekanntesten Prosatexte des vor 250 Jahren in Basel geborenen Johann Peter Hebel also, sind unlängst unter anderem bei Diogenes und Reclam erschienen. Sämtliche dieser Geschichten versammelt ein schöner DTV-Band.

Man hat die oft anmutig-leicht anhebenden Hebelschen Erzählungen als hausväterisch und bieder, als brav und rechtschaffen, als dezidiert unpolitisch und sogar als ein wenig possierlich abgetan. Alles falsch! Nicht einmal dem Hebel-Bewunderer Walter Benjamin, der ihn als Dichter des Uneigentlichen und Unergründlichen sah, möchte man schlankweg zustimmen. Nein, man wird Hebels Geschichten heute eher als – im Sinne Montaignes – ausserordentlich lebenskluge Texte lesen, als poetische Veranschaulichungen von Alltagsweisheit, die das mühevolle Erdendasein so angenehm wie nur eben möglich gestalten soll. «Man klagt häufig darüber, wie schwer und unmöglich es sei, mit manchen Menschen auszukommen», lautet der erste Satz der Geschichte «Das Mittagessen im Hof», in der ein Bedienter seinem oft «verdriesslichen» Herrn eine «gute Lehre» erteilt. «Das mag denn freilich auch wahr sein. Indessen sind viele von solchen Menschen nicht schlimm, sondern nur wunderlich …». Dieses «indessen» markiert die Richtung, die die Geschichte nehmen wird – wie immer bei Hebel hin zu Ausgleich, Versöhnung und besserer Einsicht. Oft scheint sich die Wendung zum Guten ganz einfach, ja quasi selbstverständlich zu entwickeln – auch wenn der Dichter sie erzähltechnisch ungemein geschickt herbeizuführen weiss. Ein andermal beschliesst eine didaktisch gemeinte Sentenz den Text, und wenn man dabei das «Merke!» mithört, so ist das ganz im Sinne des Verfassers. Geradezu berühmt ist das Ende von «Kannitverstan»: «… und wenn es ihm wieder einmal schwerfallen wollte, dass so viele Leute in der Welt so reich seien und er so arm, so dachte er nur an den Herrn Kannitverstan in Amsterdam, an sein grosses Haus, an sein reiches Schiff und an sein enges Grab.»

Hebels Protagonisten leben in einer nur scheinbar idyllischen Welt, oft im Lande Baden, dessen Beziehungen zu Basel übrigens seinerzeit weit enger waren als heute, und sie müssen meist allerlei erdulden in diesem irdischen Jammertal. Das tun sie, und oft sind sie sogar fröhlich dabei. Wer nun – zu Unrecht – bei Hebel wenig mehr als selbstgenügsame Beschaulichkeit vermutet, der schlage die Gaunerepisoden auf oder gleich die wahrhaft «greuliche Geschichte», die durch «einen gemeinen Metzgerhund» ans Tageslicht gebracht worden ist. Das ist ein Text, der die Urfassung des Grimmschen Märchens von «Hänsel und Gretel« an Brutalität weit übertrifft. «Etwas so Atemloses, Irrwitziges, Grausames findet man nicht in den Schreckenskabinetten E.T.A. Hoffmanns, nicht in Heinrich von Kleists Zaubergärten der zügellosen Leidenschaften», schreibt Bernhard Viel in seiner ebenfalls dieses Jahr erschienenen Biographie. «Bei Hebel findet man es, und umgekehrt findet man in dieser Geschichte so ziemlich den ganzen Hebel: den Aufklärer und gläubigen Moralisten im Dienst der Volksbildung.» Nicht ohne Grund wurde dieser Dichter von Ernst Bloch, Oskar Maria Graf oder Bertolt Brecht geradezu verehrt. In den neuen Auswahlbänden, am besten in dem wunderschönen, von Winfried Stephan zusammengestellten Diogenes-Taschenbuch, dessen Textgestalt der dreibändigen Werkausgabe von Otto Kleiber (1959) folgt, lernt man einen klugen, facettenreichen Dichter kennen, einen raffinierten und hintergründigen Poeten, der das Attribut des «Klassikers» noch nie gebraucht hat und auch so im 21. Jahrhundert mühelos seine Leser finden wird.

vorgestellt von Klaus Hübner, Germanist & Redaktor, München

Johann Peter Hebel: «Unverhofftes Wiedersehen und andere Geschichten aus dem Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes». Ausgewählt von Winfried Stephan. Zürich: Diogenes, 2009

Bernhard Viel: «Johann Peter Hebel oder Das Glück der Vergänglichkeit. Eine Biographie». München: C. H. Beck, 2010

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»