Schweizer Autoren in Kurzkritik XXIX

8 Bücher, vorgestellt in der neunundzwanzigsten Folge der «Schweizer Autoren
in Kurzkritik». Fortsetzung folgt.

1 Schwarzes Buch in allen Farben

Ein Buch in Schwarz. Nein nicht in Schwarz, sondern in Pfirsichkernschwarz, in Traubenkernschwarz , in Kirschkernschwarz, in Flammruss. So schaut einen das Buch an. Ein schwarzes Buch über Farben. Eigentlich suspekt. Doch schon habe ich es in der Hand, schlage es auf: Bologneser Kreide, Carraramarmor, Rügener Kreide, Champagner Kreide. Irritiert und fasziniert lege ich das Buch auf den Tisch und beginne zu schauen und zu lesen. Nach zwei Stunden bemerke ich die Zeit und bin verloren.

Farbpigmente – Farbstoffe – Farbgeschichten. Ein Buch, das mir etwas über Vermeers Mädchen mit dem Perlenohrring erzählt und über die Stukkatur der Klosterkirche Einsiedeln. Aber auch über Bleiweiss und Indigo, Karminrot und Ultramarin. Über Farbpigmente und Mineralfarben, über organische Farben und über Pflanzenfarben. Der Farbforscher Stefan Muntwyler und das «wandelnde Lexikon» für Farbpigmente Georg Kremer entwickelten zusammen mit weiteren Autoren dieses wunderschöne, sinnliche Buch über die Farbwelt.

Sie müssen sich bei diesem Buch nicht grün ärgern. Auch bringt Sie nichts zur Weissglut. Vielmehr wird der graue Alltag bunt. Sie können lesen, wie das Wort Farbe etymologisch mit dem Wort Forelle verwandt ist. Dass es im Englischen die schönen Wörter colour und paint und dye gibt, im Deutschen jedoch nur ein Wort – Farbe. Sie können endlich einmal die Unterschiede zwischen Farbmittel und Bindemittel erfahren, zwischen Füllstoffen und Malstoffen. Und was das Musterbuch der Glarner Tüechli mit der «Madonna der Demut» von Benedetto di Bindo zu tun hat.

Dieses Buch lehrt Sie das genaue Schauen und Staunen: Russischgrün finden Sie neben Cyprischer Blauegrüner Erde, Ultramarinblau extra dunkel neben Ultramarinblau dunkel und Ultramarinblau hell. 317 einzelne Farben strahlen Sie an. Als Farbmuster, als Steine, als gemahlenes und gebrochenes Material und Steinmehl. Sie können die Farben bewundern, die Sie schon immer sehen wollten: Indische Dattel und Neapelgelb, Spinellschwarz und Schüttgelb.

Dieses Buch ist auch ein Kompendium des Wissens. Was sind natürliche und was synthetische Mineralfarben? Was natürliche Tier- und Pflanzenfarben und was synthetische organische Farben? Alles ist klar bezeichnet, systematisch angeordnet, gross und detailliert bebildert. Und für wen ist nun dieses Buch, ausser für einen selbst?

Für Geographen: aus Brasilien kommt Sodalith; im Departement Vaucluse gibt es den letzten Ockerproduzenten; am Albulapass wird das Steinmehl Alba Albula gefunden. Für Kunsthistoriker: die Farben, die Vermeer 1665/1666 für «Das Mädchen mit dem Perlenohrring» verwendet; die Farben, mit denen Claude Monet 1869 seine «Badende in La Grenoullière» malt. Für Historiker: der Siegeszug der Kolonialware Indigo. Für Chemiker: die chemische Formel von Diketopyrrolopyrrol DPP und Ferrari-Rot. Für Geniesser: das Karminrot für Lippenstifte und Campari. Für Sprachanalytiker: die melodischen Farbbezeichnungen Saftgrün, Beinschwarz, Miloriblau oder Neapelgelb, Farben zum Träumen. Für Köche: Was wird aus Walnussschalen gewonnen? Für Nichtköche: Nach welcher Rezeptur wird Schüttgelb Schützenberger hergestellt?

Und dann ist dieses Buch etwas für alle Büchermenschen. Ein wunderbar ordentlich gedrucktes Buch. In 14 Farben. Mit einer klaren und lesbaren und funktionierenden Typographie, gestaltet von Hans Peter Schneider. Sauber, präzise gebunden. Ein Buch mit Register und Glossar. Eine Wohltat fürs Auge und ein Fest für die Sinne. Apropos Fest: kaufen!

vorgestellt von Tatiana Wagenbach-Stephan, Buchherstellerin, Zürich

Gewerbemuseum Winterthur, Stefan Muntwyler & Hanspeter Schneider (Hrsg.):

2 Keine Fluchten mehr!

Die männliche Hauptfigur dieses Romans ist Mitte 50 und bekommt ein nachgerade klassisches existentielles Problem: «Wie überspringt man die Jahre, … wie kehrt man noch einmal zu dem zurück, der man war, zu der Frau, die man liebte? Und für die man sich doch nie ganz entschieden hat.» Der so redet, hat als Gesprächstherapeut in der onkologischen Abteilung des Spitals einer «Kantonshauptstadt … an der Aare» eigentlich bereits «zur Routine gefunden». Wie man weiss, kommt dem Psychologen in der Gegenwart die…

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»