Schweizer Autoren in Kurzkritik XXIX

14 Bücher, vorgestellt in der dreissigsten Folge der «Schweizer Autoren
in Kurzkritik».

1 Schweizergeschichte – definitiv?

Die letzte Schweizergeschichte, der man das Attribut umfassend zuerkennen darf, erschien 1986 und war eine Gemeinschaftsleistung mehrerer Autoren unter dem Titel «Geschichte der Schweiz und der Schweizer». Es war noch die Zeit des Kalten Krieges, und die Polarisierung von Rechts und Links suchte sich auch des Geschichtsbildes zu bemächtigen. Besonders die Schlusskapitel zur Zeitgeschichte nach 1914 waren es, die damals Kritik herausforderten und zugleich frühe Anzeichen eines Generationenkonflikts bei der Wahrnehmung unserer jüngsten Vergangenheit erkennen liessen.

Die dieses Jahr erschienene Gesamtdarstellung «Die Geschichte der Schweiz» von Thomas Maissen hat nicht mehr mit dem Widerstreit kontroverser Beurteilung zu rechnen. Das liegt zum Teil an den veränderten Zeitumständen und daran, dass sich die Debatte um den Bergier-Bericht beruhigt hat. Es liegt aber auch an den Qualitäten der vorliegenden Arbeit. Problembewusst, aber unpolemisch, gestützt auf eine solide Kenntnis des heutigen Wissensstandes und doch nicht detailversessen, abwägend im Urteil und sorgfältig differenzierend in seiner Sprache, hat Maissen ein Werk geschaffen, das dem Bedürfnis nach zuverlässiger Information zu entsprechen vermag. Der bilderstürmende Gestus der Mythenverächter findet sich hier ebensowenig wie das militante Pathos der Mythenbeschwörer. Zur Gründungsgeschichte wird nüchtern ausgeführt, dass es den Gegensatz zwischen frühdemokratischen, freiheitsdurstigen Kommunen und tyrannischen adligen Vögten so nicht gab. Zugleich aber vergisst Maissen nicht, die geschichtsbildende Kraft der Mythen zu würdigen, wie sie von den Chronisten und Humanisten überliefert wurden.

Der Autor legt das Hauptgewicht seiner Darstellung auf die Konfliktsituationen, denen die Schweiz in ihrer Geschichte aussenpolitisch, aber vor allem innenpolitisch ausgesetzt war. Oft, wenn auch nicht immer, hat das Land seine Probleme selber zu lösen vermocht; zuweilen hatte es schlichtweg Glück. Maissen vermag im Geschiebe des geschichtlichen Wandels immer wieder Kontinuitäten sichtbar zu machen. Und immer wieder löst die Lektüre beim Leser Staunen aus – Staunen darüber, dass es dieses vielgestaltige und heterogene Land überhaupt noch gibt, das sich mit dem Begriff der «Willensnation» nur unzulänglich definieren lässt.

Thomas Maissens Buch ist keine Einführung und bewegt sich auf einer anspruchsvollen Reflexionsebene, ohne in schwerverständlichen Fachjargon zu verfallen. Es ist auch kein Handbuch, das Daten der Ereignisgeschichte aufführt und durch ein Register erschliesst. Das Buch verzichtet zu Recht auf Anmerkungen, enthält gutausgewählte Illustrationen und zwei Karten sowie eine, freilich recht knappe, kommentierte Bibliographie. Thomas Maissens Werk könnte sehr wohl auf Jahre hinaus die massgebende Darstellung der Geschichte unseres Landes sein. Könnte – denn es sind, wie man hört, weitere «Schweizergeschichten» im Entstehen begriffen, die sich an Maissens Darstellung werden messen müssen.

vorgestellt von Urs Bitterli, Prof. em. für Geschichte, Gränichen

Thomas Maissen: «Geschichte der Schweiz». Baden: Hier + Jetzt, 2010

2 Streuli am Broadway

Man mag seinen Augen kaum trauen, doch am Westufer des Zürichsees, bei Horgen, stehen riesige Redwoods, typisch kalifornische Mammutbäume – die hat der Emil mitgebracht. Damals waren sie natürlich noch kleiner. Sie wissen schon, der Emil von der Seidenmanufaktur Streuli. War ja vier Jahre in Manhattan, Kaufmannsgehilfe beim Seidenimporteur Aschmann in der Vesey Street, Nähe Broadway. Hat sich in die Stadt New York schlichtweg verliebt. War da noch jünger, aber auch schon pummelig und sehr spendabel beim Geldausgeben, das er nicht selbst verdient hatte. Noch immer keine Erinnerung? Emil Streuli: unpatriotischer Weinkenner («konnte aus seinen starksauren Eigenschaften schliessen, dass selber Wein vom Zürichsee stammte»), guter Klavierspieler und Möchtegernentrepreneur, der mit seiner Firma Gas Generating auf die Nase fiel… – fällt der Groschen? Es sind natürlich doch schon 150 Jahre her. Aber vieles hat sich nicht verändert. Damals wie heute war es verpönt, auf der Jersey-Seite des Hudson zu leben, waren die Strassen von Manhattan hoffnungslos verstopft – wenn auch mit Droschken –, so dass der New Yorker fast alle Wege…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»