Schweizer Autoren in Kurzkritik XXIV

12 Bücher, vorgestellt in der vierundzwanzigsten Folge der «Schweizer Autoren
in Kurzkritik». Fortsetzung folgt.

1 Francesco reist nach Lugano

Um ein Treffen für den diesjährigen Weltbuchtag vorzubereiten, fahre ich ins Tessin; als Begleiter habe ich das neue Werk von Kurt Aebli «Der Unvorbereitete» gewählt. Das Buch hat eine wunderschöne Farbe. Ich hätte gerne einmal ein solches Buch gehabt. Ein Buch, das ich geschrieben hätte. Die Farbe tröstet mich; denn ich muss vier Stunden im Zug durch die regnerische Schweiz fahren. Wenn die Sonne scheint, kann man sich kaum vorstellen, wie die Schweiz regnen kann. Die Farbe wärmt meine Augen. «Das Herz verliert sich, kennt sich nicht, bleibt sich selbst das Dunkelste…» und von der Landschaft sind nur Regenstriche zu sehen. Da tut es gut, sich in Sätze zu verlieren. Bei Aebli zählen die Sätze, die Wörter, die Buchstaben. Die Geschichte ist Transportmittel. Gregor, sein Held, hätte eine solche Reise gar nicht unternommen: vier Stunden hin, vier zurück für eine Sitzung von zwei Stunden. «Alles, was sich nicht nutzlos ans Leben verschwendet, um darin nutzlos zu reüssieren, ist nutzloser Stolz.» Gregors Element «ist eben von jeher das Nichtstun, mit anderen Worten, äusserste Zurückhaltung, was sichtbare Teilnahme oder gar Einmischung in irgendwelche Angelegenheit seines Umfelds angeht.» Aebli scheint hier «naïf» zu reflektieren. Da steckt verkappte Gewitztheit drin. Seine Texte zeigen die feinen Risse auf den Bildern der Gewöhnlichkeit, sie zeigen die leise Zerstörung des Daseins. Als «Unvorbereiteter» komme ich in Lugano an, dafür um eine Farbe und eine neue Freundschaft reicher.

vorgestellt von Francesco Micieli, Schriftsteller & Dozent, Bern

Kurt Aebli: «Der Unvorbereitete». Basel / Weil am Rhein: Urs Engeler Editor, 2009

2 / 3 Die zwei Leisten des Vallotton

Schuster, bleib bei deinem Leisten, heisst es. Aber keiner hält sich dran. Sänger schauspielern, Schauspieler widmen sich den Sangeskünsten – vermutlich, weil hier die besseren Mädchen abzugreifen sind; andere, wie Herr Schwarzenegger, gehen gar in die Politik. Wer sprechen kann, wird wohl auch singen können. Wer nicht denken kann, kann immerhin politisieren. Kein Biologe käme allerdings auf die Idee, einen Atomkern spalten zu wollen, und jeder Physiker würde sich hüten, an den Genen herumzubasteln. Aber Künstler sind halt anders, fühlen sich zu vielem berufen. Immerhin hat Picasso sich zurückgehalten und keine Gedichte oder Romane geschrieben.

Doch es gibt tatsächlich ein paar wirkliche Doppelbegabungen. Einer dieser zweifach Gesegneten ist Félix Vallotton. Diesem Schweizer mit französischer Staatsbürgerschaft, der 1865 in Lausanne geboren wurde, aber schon 1882 nach Paris übersiedelte und dort bis zu seinem Tod 1925 lebte, sind gleich zwei Publikationen zu verdanken, die Ende vergangenen Jahres erschienen sind: ein Roman aus der Feder des Schriftstellers Vallotton und ein Sammelband mit Aufsätzen über den Maler und Graphiker Vallotton.

Zuerst zum Roman. Vallotton hat – neben einigen Schauspielen, Kritiken und Essays – insgesamt drei Romane verfasst. Der vorliegende, «Die Seufzer des Cyprien Morus», war chronologisch der erste, an dem Vallotton sich etwa um die Jahrhundertwende als Autor versuchte, ist aber als letzter ins Deutsche übertragen worden, vermutlich weil er der schwächste der drei ist. «Das mörderische Leben», sein zweiter Roman, um 1907/08 geschrieben, wurde 1985 durch die Aufnahme in die Bibliothek Suhrkamp geadelt, und «Corbehaut», 1920 als letzter entstanden, erschien 1973 in der Manesse-Bibliothek der Weltliteratur. Die beiden späteren Romane zeigen, dass Vallotton sein Zweithandwerk beherrscht. Es sind spröde, ein bisschen boshaft erzählte Geschichten mit herben, uncharmanten Figuren, Nichtsnutzen, Künstlern, Schriftstellern, voll morbiden Reizes, die anderen Klassikern der Moderne, von Hauptberuflern verfasst, in nichts nachstehen. Sie spielen mit Elementen der Genreliteratur, des Kriminal- und Schauerromans auf eine neue, überraschende Weise und plazieren das Grauen äusserst geschickt hinter die bürgerlichen Fassaden, die sie beschreiben.

«Die Seufzer des Cyprien Morus» dagegen wirken leider noch wie eine Fingerübung. Es ist so…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»