Schweizer Autoren in Kurzkritik XXIII

8 Bücher, vorgestellt in der dreiundzwanzigsten Folge der «Schweizer Autoren
in Kurzkritik». Fortsetzung folgt.

1 Keine Globalisierung im Niederdorf

Martin Suter hat einen Roman geschrieben, der mehr sein will als spannende Unterhaltung. Stand im Zentrum von Suters letztem Buch «Der letzte Weynfeldt» das Privatleben eines schrulligen Zürcher Millionärs, so konfrontiert das vorliegende seine Leser mit der Globalisierung. Ein mittelloser tamilischer Koch kämpft gegen erpresserische Landsleute, ausländerfeindliche Schweizer und seine eigene hoffnungslose Situation in der hierarchischen Zürcher Gastronomie. Suter rückt neben den Tamilen noch weiteres randständiges, aber durchweg positiv geschildertes Personal in den Mittelpunkt: Serviceangestellte, Lesben und dunkelhäutige Prostituierte. Daneben machen die Schweizer, wie etwa ein Drahtzieher von Waffengeschäften oder ein Manager des Jahres, eher eine schlechte Figur. Eine sich um den vom Tamilen und seiner lesbischen Kollegin betriebenen erotischen Kochservice rankende Geschichte verwirbelt diese Figuren miteinander. Genremässige Erwartungen eines Happyend werden enttäuscht. Die lesbische Kollegin des tamilischen Kochs bleibt diesem gegenüber spröde, der in sie verliebte Koch nimmt schliesslich mit einer Landsfrau vorlieb, statt eines raffinierten Mords ist der Tod des Waffenschiebers nur die banale Folge seines eigenen ungesunden Lebenswandels. Man braucht keine einsamen Hotelabende, um an dieser trocken erzählten, flüssig durchlaufenden Story hängen zu bleiben.

Dem angepeilten anspruchsvolleren Ziel, Unterhaltung mit globalisierungskritischer Aufklärung zu verbinden, gerät jedoch die Überzeichnung der Personen in die Quere. Die vom Autor gewollte Botschaft ist klar. In unserer Mitte leben dunkelhäutige Wesen, und sie sind auch Menschen. Sogar bessere als wir. Sie kennen eine Menge uns unbekannter Gewürze. Sie wissen noch von der intakten Natur und den alten Weisheiten. Überseht sie nicht, wenn ihr auf dem Gang zur Toilette kurz in die Küche späht! Die konsumfreundlich einfach gezeichneten Figuren entkräften jedoch hinterrücks die gute Absicht. Der Koch: nur gläubige Traurigkeit, die lesbische Kollegin: nur unbekümmerte Lebenslust, die srilankische Landsfrau: nur beherzte Aufsteigerin, die äthiopische Prostituierte: nur vergnügte Stoikerin. Bleiben schon die Guten flach, so umso mehr die Bösen. Die verbohrten Vertreter der Tamil Tigers, die sex- und geldsüchtigen Männer, der gelangweilte Waffenschieber sind nur Rollenmuster. Einseitig auch die Optik: alle Frauen sind schön und gross, und der Koch ist grösser als für einen Tamilen üblich.

Dabei bietet das Buch durchaus Ansätze für einen globalisierungsbewussten Unterhaltungsroman. Der Koch verbindet seine ayurvedischen Gerichte mit der molekularen Küche. Alte Heilkunst trifft auf moderne Technik. Die zentralen Konflikte der Geschichte, wie Religion gegen Sex, Lebenskunst gegen Geld, Armut gegen Reichtum, sind durchaus aufgereiht, bleiben aber nur Gerüst für die Krimihandlung, während sie doch auch Motor sein könnten. Das soziale Klima ist gegenüber dem buddhistischen Millionärsdasein des «Letzten Weynfeldts» härter, aber für ein Massenpublikum immer noch konsumtauglich. Die Gestalten in einem globalisierungstauglichen Roman agierten wilder und erfindungsreicher. In ihm würde etwa der Koch die Prostituierte heiraten, die Prostituierte eine ayurvedische Bank gründen und beide einen srilankischen TV-Sender im Niederdorf betreiben, in dem die Tamil Tigers Christoph Blocher mit seinen Geschäften in China konfrontierten. Wenn solch ein Roman überhaupt noch so nett sein könnte wie der vorliegende.

vorgestellt von Anton Leist, Zürich

Martin Suter: «Der Koch». Zürich: Diogenes, 2010

2 Die erlesenen Perspektiven des Claus Helmut Drese

Das Theater ist in der Krise, heftiger und grundlegender, als man es noch vor zehn Jahren für möglich gehalten hätte. Längst ist sein Anspruch zerronnen in der fortwährenden Verwässerung des Kulturbegriffs, der von der «Unternehmens-» bis hin zur «Szenekultur» keinem, auch noch so marginalen, Lebensbereich vorenthalten wird. Die Mahnung, es handle sich im Theater um den Umgang mit Kunstwerken, gilt als heillos gestrig. Und längst sind die Texte, die in der Regel der Vergangenheit entstammen, zum Freiwild hemmungsloser Regisseure verkommen, denen ihr entgrenztes Assoziationsvermögen als letzte interpretatorische Instanz gilt, bejubelt von einer publizistischen und gesellschaftlichen Schickeria, der es auf den Bühnen nicht «interessant», «provozierend» und «verstörend»…

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