Schweizer Autoren in Kurzkritik XVI

13 Bücher, vorgestellt in der sechzehnten Folge der «Schweizer Autoren in Kurzkritik». Fortsetzung folgt.

1 Wer nun krault den alten Hund?

Gern wird es Alex Capus nicht hören, aber wider besseres Wissen (Coverfoto!) stelle ich ihn mir als einen alten weisshaarigen Mann vor, auf den Stufen eines ebenso alten, farbenfrohen und windschiefen Schaustellerkarrens am Rande des Jahrmarkts. Er blickt in das Purpur der untergehenden Sonne, krault einen noch älteren Hund neben sich und beginnt zu erzählen, wenn die Schar der Kinder ruhig im Halbkreis sitzt. Er redet von Zeiten, als es auf der Welt noch Mohren gab und Mulatten im Morgenland und Männer und Frauen, die mit nur einer neuen Idee schon Revolutionäre oder Entdecker waren, Absinth tranken und Abenteuer erlebten.

In Wirklichkeit jedoch, so erzählt Capus in seinem aktuellen Buch «Himmelstürmer», sinniert er im Café seines Heimatortes Olten über Geschichten einstiger Schweizer Persönlichkeiten. Dabei verlässt sich Capus, wie schon im Vorgängerbändchen «Patrioten», weniger aufs Hundekraulen sondern viel mehr aufs Quellenstudium. Der Stil der gesammelten Biographien ist dennoch nicht verstaubt-gewichtig, als laste die Tonnage ganzer Bibliotheken auf dem Erzähler. Im Gegenteil, auch dieses Werk ist ein echter Capus: beschwingt, leichtfüssig und immer nur so ernst, dass sich der Leser nic ht durch totes «Bildungsgut» quält, sondern lebendige Geschichten miterlebt. Zwar haben sich in die «Himmelsstürmer» auch einige Erdkröten (Gattenmörderin Marie Roux vom Genfersee) und Bruchpiloten (Luftschiffhavarist S.J. Pauli aus Bern) eingeschlichen; aber der Bilderbogen von Madame Tussaud – alias

Marie Grosholtz, ebenfalls aus Bern – bis zum Raketenbauer Fritz Zwicky aus Glarus ist so rund und bunt und gelungen und ungezwungen, dass er wie eine fröhliche, dennoch zeitgenaue Kostümparade durch das neunzehnte und die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts schunkelt. Vermutlich hat Capus sogar den Fehler absichtlich eingebaut, die Ermitage in Moskau anzusiedeln statt in Sankt Petersburg, um seinen Lesern die kleine diebische Freude an der Verbesserung zu gönnen; denn er will auf Augenhöhe unterhalten, nicht von obenherab belehren. Wer nun aber glaubt, es sei alles eitel Sonnenschein, übersieht die zentrale Frage: Wer krault den alten Hund?

vorgestellt von Michael Harde, Schalkenbach

Alex Capus: «Himmelsstürmer. Zwölf Porträts». München: Albrecht Knaus, 2008

2 Ein Modernitätsmüder

Hält der Zug der Moderne seine Spur oder drohen ihm jene «Entgleisungen», vor denen Jürgen Habermas warnt? Schon als er gerade volle Fahrt aufzunehmen begann, meldeten sich Skepsis und Kritik. Der 1818 in Basel geborene Jacob Burckhardt ist dafür ein ganz besonderer Zeuge. Mit noch nicht 28 Jahren outete sich der spätere Kulturhistoriker (und Geschichtsphilosoph wider Willen) einem Freund gegenüber als «modernitätsmüde». Er signalisiert damit seine Distanz zu jenem zwanghaften Beschleunigungswahn, der alle Bereiche des Lebens erfasst. Die Moderne ist für ihn unter anderem durch destruktives Macht- und Gelddenken gekennzeichnet, durch einen «erbarmungslosen Optimismus», nicht zuletzt auch durch ihre eigene Verabsolutierung. Der Einzelne jedenfalls komme buchstäblich unter die rastlos «laufenden Räder». Ausbildung von Individualität sei daher die Aufgabe. Allenthalben plädiert Burckhardt, dem jede Homogensierung zuwider ist, für Vielfalt, für das Friedlich-Gegensätzliche, die «discordia concors».

Ein grundlegendes Gebrechen der Moderne sieht er zumal in der Vernachlässigung der historischen Bildung, darin, dass man «die geistigen Zustände und Wandlungen der früheren Weltepochen als ein hohes Förderniss unseres eigenen geistigen Bewusstseins zu behandeln» geringschätzt. Hier verläuft für Burckhardt die Grenzlinie zur «Barbarei», und man könnte sie im «wirren Treiben des Tages» heute, wo tatsächlich «harte Zweckmässigkeit … der herrschende Typus des Lebens» geworden ist, noch deutlicher ziehen als er dies zu seiner Zeit tat. Konservativ ist diese Einstellung nur bedingt.

Es ist ein Vorzug von Kurt Meyers Biographie, dass sie dieses mit dem spannungsvollen Begriff der Moderne bezeichnete Zentrum letztlich nie aus den Augen verliert, das bei der Aufbereitung des in jeder Hinsicht opulenten Werks leicht verschwimmen könnte, das Burckhardt hinterlassen hat. Zugleich…

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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