Schweizer Aussenwirtschaftsstrategie auf drei Pfeilern

Das Potenzial der hiesigen Aussenhandelsbeziehungen ist längst nicht ausgeschöpft. Eine Intervention zur Stärkung der Prosperität.

Schweizer Aussenwirtschaftsstrategie auf drei Pfeilern
Protektionismus «Made in Switzerland»: das «Schoggigesetz» verhindert fairen Handel – mit Exportsubventionen und Schutzzöllen. Auf Druck der WTO und ihrer neuen Mitgliedsländer (u.a. Brasilien) hat die Schweiz bis 2021 Zeit, dies zu ändern. Bild: Kakaobohnenernte im Süden Bahias, photographiert von Andre Vieira / Polaris / laif.

Der Aussenhandel ist für die Prosperität der Schweiz von fundamentaler Wichtigkeit. Bereits zu den Anfangszeiten des modernen Bundesstaats drängte die relativ geringe Grösse des Binnenmarktes viele Schweizer Industriebetriebe dazu, neue Märkte zu erschliessen. Die Verflechtungen steigerten sich zusehends, besonders stark in den letzten Jahren. Seit 1990 hat sich das jährliche Handelsvolumen der Schweiz mehr als verdoppelt, 2015 lag es bei 370 Milliarden Franken. Die Exportquote für Waren und Dienstleistungen erreichte im selben Jahr 70 Prozent. Heute werden von einem Franken 70 Rappen mit dem Ausland verdient. Dies entspricht einer markanten Zunahme im Vergleich zum Jahr 2000. Damals sprach man im Rahmen der Abstimmung zu den Bilateralen I von jedem zweiten Franken, der mit dem Ausland generiert werde. Ein weiteres Indiz für die gestiegene Verflechtung mit dem Ausland ist die Aussenhandelsquote, die sich seit 1980 mehr als verdoppelt hat und nun 125 Prozent des BIP beträgt. Während das reale BIP pro Kopf seit 1980 um etwa einen Drittel gewachsen ist, hat sich der Aussenhandel pro Kopf fast verdreifacht.

Ein wichtiges Mass für die Schätzung der Wohlstandseffekte des Aussenhandels eines Landes ist das reale Austauschverhältnis von Export- und Importgütern, die sogenannten «Terms of Trade». Verglichen mit 1980 können heute für die gleiche Menge an Exportgütern rund ein Drittel mehr Importgüter gekauft werden. Dies ist einerseits durch den Wechselkurs, andererseits durch den Fokus von Schweizer Unternehmen auf hochwertige, wertschöpfungsintensive Exportgüter bedingt, während günstige Vorleistungen und Waren importiert werden.

Die stetigen Überschüsse in der Leistungsbilanz resultieren darin, dass Schweizer Investoren zu den grössten Geldgebern weltweit gehören. Der Kleinstaat Schweiz rangiert mit jährlichen Direktinvestitionen von 39 Milliarden Dollar auf dem achten Platz weltweit. Betrachtet man den Bestand der Direktinvestitionen, hielt sich die Schweiz in den letzten 25 Jahren immer in den Top-9. Gemessen an der Bevölkerung wird sie dabei nur von Irland übertroffen.

Insgesamt ist die Schweiz also ein hochglobalisiertes Land, aber gerade in den wirtschaftlichen Beziehungen besteht noch erhebliches Optimierungspotenzial. Dies wird bei der Betrachtung des Globalisierungsindex der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) ersichtlich: Im übergreifenden Ranking liegt sie auf dem fünften Rang. Angeführt wird die Rangliste von den Niederlanden. Im sozialen Teilranking steht die Schweiz auf dem guten dritten Rang und im politischen immerhin auf dem zehnten. Bei der ökonomischen Globalisierung hingegen fällt sie auf den 27. Rang zurück, obwohl die oben erwähnten Handels-, Investitions- und Einkommensströme in Relation zum BIP zu den welthöchsten gehören. Wie ist das zu erklären? Mit der im Vergleich zu anderen Ländern hohen Dichte an Handelsbeschränkungen, konkret: mit hohen Importbarrieren aufgrund von Normen, Zertifikaten, Zöllen, aber auch Exportsubventionen. Besonders der einheimische Agrarsektor unterliegt ungenügend dem Wettbewerb. Beispiel «Schoggigesetz»: auf dessen Basis bezahlt der Bund der exportierenden Nahrungsmittelindustrie Kompensationen von jährlich knapp 100 Millionen Franken, um den über Weltmarktniveau liegenden Preis für den Bezug von Schweizer Rohstoffen wie Milch und Getreide auszugleichen. Ohne Zölle und Beschränkungen auf den Import von Agrargütern würde diese «Notwendigkeit» nicht bestehen. Weil die WTO ihren Mitgliedsländern Exportsubventionen verbietet, muss die Schweiz ihr Gesetz bis spätestens 2021 anpassen.

 

Herausforderndes Umfeld

Noch rasanter als der Schweizer Aussenhandel entwickelte sich der Welthandel insgesamt. Seit 1990 hat sich dieser verfünffacht und das globale BIP ist um 60 Prozent gewachsen. Dadurch wurde der Lebensstandard von Millionen Menschen erhöht. In letzter Zeit ist jedoch ein negativer Trend auszumachen: So brach der Welthandel 2015 um 13 Prozent ein und die Zahl der protektionistischen Massnahmen übertraf jene der Handelsliberalisierungen um den Faktor drei. Die handelsrelevanten Entwicklungen bewegen sich mittlerweile in drei Spannungsfeldern:

  1. Die internationale Entwicklung ist zunehmend geprägt von Strömungen im Landesinnern von wichtigen Handelspartnern der Schweiz, die gegen eine weitere aussenwirtschaftspolitische Öffnung opponieren oder das bisher Erreichte gar…
Der Freihandel und seine Feinde

Der internationale Handel hat unsere Gesellschaften reich gemacht. Der internationale Handel hat unsere Gesellschaften offener gemacht. Der internationale Handel hat unsere Leben einfacher und sogar komfortabler gemacht. Das alles ist in der Wissenschaft weitgehend unbestritten, dennoch ist der Handel – und insbesondere der freie Handel – gesellschaftlich in Verruf geraten. Nicht mehr nur auf den […]