Schwache Gesten der Kunst

Wie kann man Kunst machen, die nicht dem Wandel unterliegt – zeitlose Kunst, Kunst für alle Zeiten? Die Antwort darauf ist die künstlerische Avantgarde. Sie hat die Kunst gerettet. Und wurde dadurch selbst zum Mainstream.

Schwache Gesten der Kunst

Wir wissen heute, dass alles Kunst sein kann. Oder vielmehr wissen wir, dass alles in ein Kunstwerk verwandelt werden kann. Für einen Betrachter ist es unmöglich, allein aufgrund seiner visuellen Erfahrung zwischen einem Kunstwerk und einem «blossen Ding» zu unterscheiden. Um ein bestimmtes Objekt als Kunstwerk oder als Teil eines Kunstwerks identifizieren zu können, muss der Betrachter wissen, dass dieses Objekt von einem Künstler im Kontext seiner künstlerischen Praxis verwendet wird.

Aber wer ist ein Künstler? Und wie lässt sich ein Künstler von einem Nichtkünstler unterscheiden – wenn eine solche Unterscheidung überhaupt möglich ist? Diese Frage scheint mir interessanter zu sein als diejenige nach der Unterscheidung zwischen einem Kunstwerk und einem «blossen Ding».

Mittlerweile überblicken wir eine lange Tradition der institutionellen Kritik. In den vergangenen Dekaden ist die Rolle der Sammler, Kuratoren, Vorstände, Museumsdirektoren, Galeristen, Kunstkritiker usw. von Künstlern ausführlich analysiert und kritisiert worden. Aber wie steht es mit dem Künstler selbst? Der zeitgenössische Künstler ist ganz offensichtlich ebenfalls eine institutionelle Figur. Und die zeitgenössischen Künstler sind meistens bereit anzuerkennen, dass ihre Kritik der Kunstinstitutionen eine Kritik von innen ist. So scheint es, dass der Künstler heute einfach als Beruf gesehen wird, der innerhalb des allgemeinen Rahmens der Kunstwelt, die wie jede andere bürokratische Organisa-tion, wie jedes andere kapitalistische Unternehmen auf dem Prinzip der Arbeitsteilung beruht, eine bestimmte Rolle erfüllt. Man kann auch sagen, dass seine Rolle zum Teil darin besteht, die Kunstwelt zu kritisieren mit dem Ziel, sie offener, gebildeter und weniger exklusiv zu machen – und dadurch ebenso effizienter und profitabler. Diese Antwort scheint plausibel zu sein – überzeugt aber letztlich nicht.

 «Jeder ist ein Künstler»

Erinnern wir uns an den Grundsatz von Joseph Beuys: «Jeder ist ein Künstler.» Dieser Grundsatz hat eine lange Tradition, die bis zum frühen Marxismus und der russischen Avantgarde zurückreicht und daher heute – wie auch bereits zu Beuys’ Zeiten – fast immer als utopisch bezeichnet wird. Er wird nämlich als Ausdruck einer utopischen Hoffnung verstanden, der zufolge die Menschheit, die gegenwärtig vor allem aus Nichtkünstlern besteht, in der Zukunft eine Menschheit von Künstlern sein wird. Nun kann man wohl annehmen, dass eine solche Hoffnung irgendwie unrealistisch ist. Aber ich würde niemals sagen, dass sie utopisch ist, insofern die Figur des Künstlers so definiert wird, wie sie hier soeben definiert wurde. Die Vision einer Welt, die vollständig in eine Kunstwelt verwandelt wird und in der jeder Mensch Kunstwerke produzieren und darum kämpfen muss, sie bei dieser oder jener Biennale auszustellen, ist keineswegs eine utopische Vision. Es handelt sich vielmehr um eine dystopische Vision – um einen reinen Albtraum.

Nun lässt sich sagen – und es wurde in der Tat oft gesagt –, dass Beuys eine romantische, utopische Auffassung von der Figur und der Rolle des Künstlers hatte. Genauso oft wird gesagt, dass die utopische Vision passé sei. Aber diese Diagnose scheint mir nicht sehr überzeugend zu sein. Die Tradi-tion, in der unsere zeitgenössische Kunstwelt – inklusive unserer aktuellen Kunstinstitutionen – funktioniert, entstand nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese Tradition basiert auf den Praktiken der historischen Avantgarden – und ihrer Erneuerung und Kodifizierung in den 1950er und 1960er Jahren. Nun, man hat nicht den Eindruck, dass diese Tradition sich seit damals stark gewandelt hätte. Im Gegenteil, sie hat sich im Lauf der Zeit mehr und mehr gefestigt. Neue Generationen von Künstlern finden ihren Zugang zum Kunstsystem hauptsächlich über ein Netzwerk von Kunstschulen und Ausbildungseinrichtungen, die sich in den vergangenen Dekaden zunehmend globa-lisiert haben. Diese globalisierte und ziemlich uniformierte Kunsterziehung basiert auf dem gleichen Avantgarde-Kanon, der auch die anderen zeitgenössischen Kunstinstitutionen dominiert – der sicherlich nicht nur die Produktion der Avantgarden einschliesst, sondern auch…

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