Lukas Leuzinger, zvg.

Schutz des Klimas und des Geschäfts

Über Wettbewerbsverzerrung im Namen des Klimas.

 

«Entweder leben wir CO2-frei oder gar nicht.» Nein, die Aussage stammt nicht von Extinction Rebellion, ­sondern von der Privatbank Lombard Odier, einem der Sponsoren der ­Klimakonferenz, die jüngst in Glasgow stattfand. Vorbei sind die Zeiten, als Ölkonzerne Forscher dafür bezahlten, Zweifel an der Klimaerwärmung zu säen. Heute wetteifert Big Business mit Klimaaktivisten darum, wer ambitioniertere Ideen zur Rettung des Planeten präsentiert. Das Nahrungsmittelunternehmen Nestlé verspricht, bis 2050 netto null Emissionen zu generieren; Konkurrent Unilever ­bietet 2039. Auf seiner Web­site fordert der britische Konzern von der Politik schärfere Massnahmen gegen den Klimawandel. Derweil haben sich 450 globale Finanzfirmen zusammengeschlossen mit dem Versprechen, «wissenschaftsbasierte Richtlinien» zu entwickeln, um Mitte des Jahrhunderts CO2-neutral zu wirtschaften.

Woher kommt der Sinneswandel? Zum einen versprechen sich viele Unternehmen sicherlich ein vorteilhafteres Image bei einer zunehmend umweltbewussteren Kundschaft. Zum anderen ­dürfte es auch um Taktik gehen: Die Staaten ziehen die Regulierungsschrauben an und erlassen neue Verbote, Sanktionen und Sorgfaltspflichten. Unternehmen versuchen sich dabei so zu ­positionieren, dass sie durch diese Regulierungen möglichst ­wenig geschädigt werden oder sogar profitieren können. Ein ­entscheidender Faktor für das Ja zur Schweizer Energiestrategie 2050 in der Volksabstimmung 2017 war, dass mit dem Ausstieg aus der Atomkraft auch neue ­Subventionen beschlossen wurden, etwa für energetische ­Gebäudesanierungen oder Wasserkraftwerke – ein lukratives Geschäft für viele Firmen.

Neue Regulierungen sind ausserdem ein komparativer Vorteil für Big Business: Zwar verursachen sie bürokratischen Aufwand, doch können Grossfirmen diesen einfacher bewältigen als ein Mittelstandsunternehmen. Wenn Grosskonzerne für strengere Klimaschutzgesetze lobbyieren, werben sie somit für eine ­Wettbewerbsverzerrung zu ihren Gunsten – ein geschickter Schachzug.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»