Schuldig durch Anklage

Mit ihrer Begriffspolitik konnte die politische Korrektheit im Westen eine Machtbasis erobern. Wie werden wir die Ideologie wieder los?

 

Zwei Fragen schälen sich bei jedem Streit über politische Korrektheit heraus: Wann hat das begonnen? Und: Was bedeutet Political Correctness (PC) heute? Erstaunlich viele Vertreter der Identitätslinken, der intersektionalen Feministen und sonstige Gouvernanten bestehen heute darauf, die Wendung «politische Korrektheit» sei ein Kampfbegriff ihrer Gegner. Ganz falsch liegen sie damit nicht. Kaum ein Verfechter der progressiven Sache nimmt PC heute noch in affirmativer oder auch nur neutraler Bedeutung in den Mund. PC auch PC zu nennen, ist mittlerweile Sache ihrer Gegner. Das spricht für den Wandel der Ideologie seit ihren Anfängen, genauer, für eine ideologische Mutation.

Die Anfänge

Zum ersten Mal taucht der Begriff im modernen Sinn 1970 in «The Black Woman: An Anthology» in einem Text von Toni Cade Bambara auf. Dort heisst es: «Ein Mann kann nicht politisch korrekt und ein (männlicher) Chauvinist sein.» Die Aussage klingt intellektuell erstaunlich schlicht. Aber an diesen Wurzeln zeigt sich die ursprüngliche Ausrichtung: Marginalisierte Gruppen wie Farbige, Schwule, Transsexuelle, Behinderte – damals auch noch generell als marginalisiert gesehen: Frauen – sollten vom Rand in die Gesellschaft hineinrücken; eine neue Sprache sollte sie befreien. Die Frage, wozu sie eigentlich befreit werden sollten, bildete schon damals den grossen blinden Fleck der Bewegung. Zu Bürgern? Oder zu Kollektiven mit einer Sonderidentität? Genau hier verläuft die geistige Bruchlinie zwischen den alten Befreiungsbewegungen und dem, was aus PC wurde. Martin Luther King ging es nicht darum, Sonderrechte für Farbige zu schaffen. Er wollte, dass die Hautfarbe nicht mehr darüber bestimmen sollte, welche Möglichkeiten jemand in der Gesellschaft offenstehen. Aus Sicht eines modernen Identitätspolitikers machte er also praktisch alles falsch.

Zur Identität kam noch ein zweites wichtiges Konzept, im Rückblick wichtiger als Bambaras Text. In den Nullerjahren entwickelte der Wissenschafter Derald Wing Sue das Konzept der «Mikroaggression». Er und sein farbiger Professorenkollege hatten als Passagiere in einem kleinen Flugzeug ihre Plätze eingenommen, als eine (weisse) Flugbegleiterin sie bat, wieder aufzustehen und sich auf die andere Gangseite zu setzen, um das Gewicht in der Maschine besser auszutarieren. «Es schien vernünftig, das Gewicht im Flugzeug auszubalancieren», schrieb Sue später. Ihm ging es um die für andere unsichtbaren Folgen für ihn und seinen Kollegen: «Ich konnte fühlen, wie mein Blutdruck stieg, das Herz schneller schlug und mein Gesicht vor Wut anlief.» Denn die Stewardess hatte ihn, den Sohn asiatischer Einwanderer, und den farbigen Kollegen gebeten aufzustehen, aber keinen der weissen Passagiere. Vielleicht spielte ihr Unterbewusstsein eine Rolle, vielleicht wollte sie auch kurz vor dem Start keine komplizierte Quotenberechnung für die Passagiere anstellen, die auf die andere Seite sollten. Für Sue spielte das keine Rolle. Nach dem Konzept der Mikroaggression kommt es nicht darauf an, ob das Gegenüber tatsächlich Ressentiments hegt oder sich überhaupt etwas bei der Handlung oder einem Wort denkt. Es kommt auch nicht darauf an, dass ein Mikroaggressionsopfer einen objektiven Schaden erleidet. Über die Kategorien Aggression, Diskriminierung und Schaden bestimmt das Opfer allein. Die Korrektheitsvertreter folgen dem Diktum von Carl Schmitt, der bekanntlich viel von Machtpolitik verstand: «Sichere dir den Posten des Anklägers.»

«Da gerade die fortwährende Anklage Macht und Ressourcen sichert,

darf sie nie nachlassen.»

Wer zu den PC-Wurzeln zurückgeht, der sieht, wie mehrere Linien zusammenlaufen. Es gehört noch die postkoloniale Ideologie eines Frantz Fanon dazu, der Dekonstruktivismus, und antikapitalistische Versatzstücke der Traditionslinken. Nur liberale oder sogar libertäre Ideen lassen sich praktisch nicht finden. Identität wird zum eigentlichen Kapital von Gruppen. Hautfarbe, Geschlecht und sexuelle Ausrichtung dienen als Mittel der Abgrenzung und Aufwertung, vor allem aber als Anklage gegen die Mehrheitsgesellschaft, was um so leichter fällt, wenn, siehe oben, jeder jederzeit eine Anklage erheben kann, gegen die es aus PC-Sicht keine legitime Verteidigung geben darf.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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