Schriftstellerei als Beruf

Von der Unfreiheit freier Autoren

Vor Monatsfrist hat der Schriftsteller Peter Stamm in einem Gastkommentar für die NZZ (01.02.2013) einmal mehr das alte Lied vom darbenden, mithin unterstützungsbedürftigen Ausnahmemenschen angestimmt, der seine «Leistung für die Gesellschaft» subventioniert und honoriert sehen möchte. Dass das längst überholte Berufsbild des freien Autors, der als Egofirma sein Genie vermarktet, noch heute allen Ernstes verteidigt, sogar propagiert wird, ist in negativem Verständnis bemerkenswert, und man fragt sich… ich frage mich, in welchem Séparée des Literaturbetriebs Peter Stamm sein Geschäft betreibt. Der «freie» Schriftsteller mag seiner biedermeierlichen Wunschvorstellung entsprechen, ist aber im Kontext der heutigen Dienstleistungsgesellschaft nichts als ein anachronistisches Robotbild. Denn wirklich frei kann nur sein, wer nicht vom Schreiben leben muss, wer nicht vom Markt, aber auch nicht vom Staat oder von (noch so grosszügigen und diskreten) Sponsoren abhängig ist. Der wirklich freie Autor – frei ohne Anführungsstriche – ist der selbstversorgende, selbständig sich organisierende, auf eigenes Risiko und mit eigener Verantwortung arbeitende Autor. Ein souveräner Unternehmer, der weder auf Kredite und Vorschüsse noch auf Subventionen und einen gesicherten Mindestlohn zur Abgeltung von Telefon- oder Zahnarztrechnungen spekuliert, geschweige denn, dass er solche Unterstützung à fonds perdu anmahnt, wie Stamm es tut.

Das weit eher zeitgemässe, wenn auch keineswegs ganz neue Geschäftsmodell, das die Befreiung des Schriftstellers von derartigen Abhängigkeiten und dem damit verbundenen Erwartungsdruck bewirken kann, beruht auf dem wechselseitigen, synergetisch optimierten Einsatz von Standbein und Spielbein. Das Modell – der Schreibende hat es während Jahrzehnten mit Gewinn erprobt – bietet gleich mehrere Vorteile. Das Standbein kann eigenständig bestimmt und nach Belieben genutzt werden. Es braucht damit keineswegs (wie in meinem Fall) ein volles Berufspensum zu sein – eine 50-Prozent-, eine 75-Prozent-Stelle mag genügen.

Eine Anstellung welcher Art auch immer – ob als Bauzeichner oder Reiseführer, als Krankenpflegerin oder Dolmetscherin – hat den doppelten Vorzug, dem praktizierenden Autor nicht allein zur finanziellen Grundsicherung (und ausserdem zur Kranken- und Altersvorsorge) zu verhelfen, sondern auch zu einem aktiven Realitätsbezug, der über den Schreibtischrand weit hinausreicht. Einen derartigen Realitätsbezug sollte sich jeder Autor, jede Autorin aus eigenem Antrieb auferlegen, um – der Forderung Peter Stamms entsprechend – «sehr viel Wissen über unsere Geschichte, unser Leben und das Leben anderer Kulturen» sowie «über das Menschsein» allgemein erwerben und literarisch vermitteln zu können. Es ist, in dieser Optik, nicht einzusehen, weshalb der «freie» Schriftsteller ein zu 100 Prozent am Schreibtisch tätiger Autor sein sollte. Jeder Schreibende weiss, dass produktive literarische Arbeit nicht am Laufband und nicht nach Vorgabe von Bürozeiten bewerkstelligt wird, dass literarisches Schreiben normalerweise durch lange Latenzzeiten und oft massive Schreibblockaden eingeschränkt ist und also ohnehin nicht als Vollzeitbeschäftigung ausgeübt werden kann. Auch von daher ist die Verbindung von freier Schriftstellerei und zusätzlichem beruflichem Engagement eher eine Chance denn eine Zumutung, und mehr als das – es ist eine schlichte Notwendigkeit.

Der Literat, der in der Dachkammer auf Inspiration, Stipendien und staatliche Fürsorge wartet, ist ein unzeitgemässes, ebenso naives wie anmassendes Zerrbild. Eine «freie» Existenzform und Arbeitsweise vermag heute, ich wiederhole es gern, nur jener Schriftsteller durchzusetzen, der sich ein verlässliches ausserliterarisches Standbein zulegt und mit dem künstlerischen Spielbein in eigener Choreographie zu tanzen versteht.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»