Schreien, um gehört zu werden

Anschauungsunterricht, dass viele Männer auch im Jahr 2016 Sexismus noch für salonfähig halten, gab es in den letzten Wochen zuhauf. Unter den Twitter-Schlagwörtern #notokay bzw. hierzulande unter #Schweizeraufschrei erzählten Frauen von ihren Erfahrungen männlicher Übergriffe. Ich habe mich daran bisher nicht beteiligt, auch wenn mir bewusst geworden ist, dass ich auch schon Erfahrungen gemacht habe, die mir unangenehm waren: Die Bemerkung meines Chefs, man spüre meine Präsenz am Duft meines Parfums im Gang, war seltsam. Aber harmlos im Vergleich zu dem Typen, der mir in der Diskothek zwischen die Beine griff – und: auch Schlimmeres habe ich erlebt. Als Jus-Studentin merkte ich in der Strafrechtsvorlesung rasch, dass die Strafe für sexuelle Übergriffe gering und die Beweisführung für solche Delikte aussichtslos ist – und verbannte diese Erinnerungen aus meinem Gedächtnis.

Solche Episoden erzählt man sonst eigentlich nur leise, oder gar nicht. Wahrscheinlich hat mich das Schlagwort Aufschrei deshalb zuerst abgeschreckt. Das Thema wurde zwar medial breit diskutiert, es blieb aber Frauensache – auch auf den meisten Redaktionen. Viele Männer bleiben der Diskussion mit der Aussage fern, man wisse ja kaum noch, wie man eine Frau ansprechen dürfe, und erklären sich für überfordert. Oder noch schlimmer: sie sind überzeugt, Frauen seien aufgrund ihres Verhaltens selbst schuld.

Jetzt, da die Aufschrei-Debatte verebbt ist: hat sie etwas bewirkt? Ich bin mir nicht sicher. Schreien hilft vielleicht, um gehört zu werden – nicht aber, um auch verstanden zu sein. Diejenigen Männer, die am meisten zu lernen hätten, haben den Aufschrei wahrscheinlich sowieso kaum mitbekommen. Eine kollektive weibliche Empörung hilft womöglich, einander den Rücken zu stärken. Doch was auch ich bisher versäumt habe, ist vielleicht, dem betreffenden Mann klar und deutlich zu sagen: «Das geht jetzt zu weit.» Erlebnisse öffentlich zu schildern, selbst wenn sie anonym sind, braucht Mut. Männer aber direkt auf ihr Verhalten anzusprechen – noch viel mehr.