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Schöpfungskrone und Pflanzenkunst

Der Mensch ist nur so einzigartig wie alle anderen Erdenwesen auch. Was als Einsicht harmlos klingt, ist genau besehen eine Zäsur in der Menschheitsgeschichte – und ein Ausgangspunkt für neue Kunstformen: Verschmelzen Menschen mit Petunien, sind wir im Zeitalter der Bio-Art.

Schöpfungskrone und Pflanzenkunst
Wolfgang Welsch, photographiert von Anne Schönharting/ Ostkreuz.

Herr Welsch, in Ihren Schriften machen Sie dem Menschen die Krone streitig, die seinen herausragenden Platz in der Schöpfung bezeichnet. Viele Zeitgenossen können angesichts solcher Aussagen wohl nur mit dem Kopf schütteln. Wie begründen Sie Ihren Vorstoss?

Die Begründung ist die Evolution. Ganz einfach. Das Gefasel von der «Krone der Schöpfung» habe ich immer als belastend empfunden – weil es ganz offenkundig falsch ist: Wir Menschen sind keine Sonderwesen, sondern Produkte der Evolution wie alle anderen Lebewesen auch. Beschaut man uns durch diese evolutionäre Brille, gibt es nichts, was eine Zentral- oder Alleinstellung rechtfertigen würde.

Dass der Mensch ein Evolutionsprodukt ist – ja sicher. Aber er kann doch, wenn wir uns die Zivilisation anschauen, durchaus als einzigartig bezeichnet werden?

Er ist genau so einzigartig wie jedes andere Wesen auf diesem Planeten. Er ist aber sicher nicht der Nabel der Welt – letztere käme ja auch ohne uns gut aus.

Den Anthropozentrismus, den Sie kritisieren, also die Vorstellung vom Menschen als Mitte der Welt, hat freilich lange Tradition. Mit Blick auf die Moderne sprechen Sie nun jedoch vom «anthropischen Prinzip». Was hat es damit auf sich?

Tatsächlich hat es in der Geschichte verschiedene Formen von Anthropozentrismus gegeben, wobei für die früheren charakteristisch war, dass sie die Zentralstellung des Menschen durch andere Instanzen veranlasst sahen: antik etwa durch die Geiststruktur des Kosmos oder christlich durch den von Gott an den Menschen ergangenen Auftrag, für die Erde zu sorgen. Im «an­thropischen Prinzip» der Moderne hingegen ist der Mensch allein von sich aus in die Mitte gestellt. Dieser moderne, mit der Aufklärung aufgekommene Anthropozentrismus ist sozusagen ein nackter, ein schlicht anthropisch begründeter…

…nun ja, dass der Mensch gerade in der Epoche der Aufklärung zum «Mass aller Dinge» – Protagoras – wurde, ist doch bloss verständlich, immerhin hatte er jahrhundertelang unter dem bevormundenden Scheffel Gottes gestanden.

Gewiss! Das anthropische Prinzip hat mit Emanzipation und Autonomie zu tun und das will auch niemand zurückdrehen: Die Befreiung von supranaturalen wie naturalen Wahnvorstellungen ist fortzusetzen. Aber den Menschen quasi als Selbstgeburt auf ganz und gar eigenen Beinen stehen zu sehen, das ist eine falsche und gefährliche Phantasie mit geradezu pathologischen Zügen. Das korrekte Bild ist das vom evolutionär erwachsenen und kulturell sich weiterentwickelnden Menschen.

Warum ist gerade das evolutionäre Menschenbild «korrekter» als das anthropische? Darwins Lehre war von Beginn an umstritten und sie ist es heute, in gewissen Kreisen, immer noch. Ist die Evolution nicht ihrerseits in Gefahr, zur Letztbegründung zu werden?

Das evolutionäre Menschenbild ist das angemessene für eine wissenschaftliche Welt. Es ist das beste, das wir haben. Möglich, dass es eines Tages überholt sein wird, gegenwärtig aber ist es allen sonst verfügbaren Auffassungen überlegen. Es ist ganz einfach imstande, die sonst kursierenden supranaturalen oder bloss an­thropischen Erklärungen zu widerlegen. Man sollte Erklärungspotenziale nutzen und auch ausreizen – dann mag man sehen, ob sie an Grenzen stossen, und allenfalls nach weiteren Erklärungen, nicht Letztbegründungen (!), Ausschau halten.

Inwiefern lassen sich denn die Erkenntnisse der Evolutionstheorie auf die menschliche Kultur übertragen? Richard Dawkins und Susan Blackmore etwa legen eine klare Analogie nahe: «Meme» sollen in der Kultur das sein, was Gene in der Natur sind. Was halten Sie davon?

Hinter solch direkten Übertragungen steht ein zu primitiver und einseitiger Naturalismus: die Annahme, dass naturwissenschaftliche Modelle den Generalschlüssel für alle kulturellen, sozialen und geistigen Phänomene darstellen. Zweiäugigkeit jedoch ist, im Unterschied zu derlei Engführungen, die Minimalbedingung zureichenden Verstehens. Die kulturelle Evolution der Menschen ist selbst aus der natürlichen Evolution hervorgegangen und basiert in vielem noch immer auf deren Errungenschaften. Aber in anderen Aspekten ist sie eigentypisch, und es macht keinen Sinn, sie in allem in die Kette der Natur zurücklegen zu wollen. Eine Reduktion von Kultur auf Natur wie auch eine von Natur auf Kultur – wie sie in den zeitgenössischen Kulturwissenschaften verschiedentlich versucht werden – verzerren die Verhältnisse gleicher­massen. Es lohnt sich, bei allen Phänomenen, auch bei künstlerischen, die biologische Erbschaft ins Auge zu fassen, aber sich ebenso deren spezifisch kulturelle Modifikation bewusst zu machen.

Welche Rolle spielten die Künste in der Geschichte der Mensch­bezogenheit? Waren sie Komplizen der Anthropisten, indem sie den Fokus auf den Menschen richteten, oder gibt es Beispiele aus der Kunstgeschichte, die als Abkehr vom Anthropozentrismus interpretiert werden können?

Es gibt beides. Ein frühes, aber für die Moderne prägendes Beispiel für Komplizenschaft ist die Ausbildung der Zentralperspektive in der Renaissance. Dabei bildet der Mensch geradezu exem­plarisch das Zentrum, denn der Fluchtpunkt, auf den die Linien der Gegenstände in einem perspektivisch konstruierten Bild zulaufen, ist nichts anderes als das Gegenbild des Augpunktes des Künstlers bzw. des Betrachters. Der betrachtende Blick des Menschen ist so das Herz der dargestellten Welt. Auf der anderen Seite gibt es insbesondere im 20. Jahrhundert etliche Versuche, die Enge der anthropischen Welt zu übersteigen und zu einer weiteren und grösseren Sicht der Welt zu gelangen: vom Suprematismus Kasimir Malewitschs über das Informel und den Abstrakten Expressionismus bis hin zu John Cage, Walter de Maria oder James Turrell. Gerade die Kunst versuchte immer wieder, den anthropischen Kokon zu durchstossen.

In der jüngsten Gegenwartskunst begegnen wir zahlreichen post- oder transhumanistischen Ansätzen. Der Bio-Artist Eduardo Kac beispielsweise hat vor einigen Jahren seine DNA in eine Petunie eingebracht und dieses transgene Pflanzenkunstwerk «Edunia» getauft. Ist das die Ästhetik der Zukunft?

Die Bio-Art geht von der grundlegenden biologischen Gemeinsamkeit des Menschen mit den anderen Lebewesen aus, macht diese Gemeinsamkeit ausdrücklich und experimentiert mit ihr – überraschend, provozierend, manchmal beglückend, manchmal verstörend. Dabei lebt auch die alte Verbindung von Kunst und Wissenschaft neu auf. Ich sehe darin eine zentrale Einsicht allen künftigen Denkens und halte die Bio-Art deshalb für eine – wenn auch nicht die einzige – ästhetische Richtung der Zukunft.

Im Gegensatz zu vielen Ihrer Philosophenkollegen pflegen Sie ein durchaus emphatisches Verhältnis zu den Künsten. Doch wenn sich die Grenzen zwischen Kunst und Leben, Kultur und Natur auflösen, was für einen Sinn hat der Begriff «Kunst» dann noch?

Die Auffassung, dass sich die Grenzen heute auflösen, teile ich nicht. Die Grenzen verschieben sich vielmehr, und freilich erscheint die Verschiebung einer altgewohnten Grenze immer als deren Auflösung. Daneben bilden sich aber auch neue Unterscheidungen. «Edunia» ist gewiss sowohl ein Kunstwerk als auch eine reale Pflanze, die Chancen hat, sich weiter auszubreiten. Dabei löst sich aber eben nicht nur eine alte Grenze auf, sondern es entsteht auch ein neuer Typus von Werken, die Leben nicht nur zum Thema haben, sondern selber Lebewesen sind – und die sich darin wiederum von anderen neuen Werken, etwa der digitalen Kunst, unterscheiden.

Radikale Vertreter des Transhumanismus sind überzeugt, Menschen und Technik würden bald miteinander verschmelzen und eine neue, höhere Spezies bilden. Beunruhigt Sie dieser Trend zum «human enhancement» denn nicht?

Ganz und gar nicht. Schon in der protokulturellen Periode, vor Hunderttausenden von Jahren, als sie sich den aufrechten Gang, eine stark veränderte Sexualität und ein Gehirn ohnegleichen zulegten, haben die Menschen an ihrer Selbstveränderung und Selbstverbesserung gearbeitet. Der anschliessende kulturelle Weg hat diese Anstrengungen dann fortgesetzt, und zu den Bemühungen, einen pluripotenten Menschen zu gestalten, hat immer auch das Vertrautsein mit technischen Innovationen gehört.

Zweifelsohne hat die Gestaltbarkeit von Menschen und ihrer Umgebung heute aber eine neue Dimension: Es geht die Rede vom «Anthropozän» um, von der jüngsten geologischen Epoche, in welcher der Mensch zum alles entscheidenden Faktor wurde – gerade auch in der Evolution.

Evolutionär betrachtet steht die Menschheit heute tatsächlich an einer gewichtigen Schwelle: Erstmals in ihrer Geschichte sind die Menschen als Ergebnis ihrer kulturellen Evolution in der Lage, in ihr Genom einzugreifen und dieses gezielt zu verändern. Dieser Vision eines genetisch veränderten Menschen gebe ich die grösseren Chancen als der Vision von einem technologisch aufgerüsteten Menschen.

Damit rühren Sie an ein, gerade in Deutschland, sehr heikles Tabu: Was entgegnen Sie Kritikern, die monieren, nun seien Züchtungsphantasien Tür und Tor geöffnet? Stehen wir, wie Francis Fukuyama warnt, mit den Möglichkeiten der Genmanipulation vor der Entstehung einer «Gen-Aristokratie»?

Sehen wir erst einmal der unbestreitbaren Tatsache ins Auge, dass Eugenik ein Prinzip der Evolution ist: Es kommt zu genetischer Optimierung, weil diese sich für das Überleben auszahlt. Insofern ist Eugenik keineswegs eo ipso etwas Schlechtes. Und die Menschen folgen seit langem bei ihren sexuellen Wahlen eugenischen Gesichtspunkten. Wenn zum Beispiel Frauen sich ihr zweites oder drittes Kind über einen Seitensprung holen, dann wählen sie dafür, bewusst oder unbewusst, den Kerl mit den besten Genen. An solch «privater» Eugenik ist nichts beunruhigend. Erst wenn individuumsexterne Instanzen, der Staat, die Firma oder die Krankenkasse, auf Gendiagnostik und Eugenik setzen, ändert sich die Problemlage – und dann revoltieren wir zu Recht. Fukuyamas Warnung vor einer Gen-Aristokratie ist plausibel, aber sein Vorschlag, der Gefahr durch staatliche Kontrolle zu begegnen, geht fehl. Man würde so nur den – potenziellen – Bock zum Gärtner machen.

Ihre Kritik am «anthropischen Prinzip» dürfte für viele Zeitgenossen eine grosse Ernüchterung sein, was das Menschen-, Kultur- und Kunstverständnis betrifft. Wir sind nicht mehr die «Krone der Schöpfung», gut. Es stellt sich aber die Frage: Wie lebt es sich für Sie persönlich nach dieser Ernüchterung?

Meine Stimmung ist ganz und gar nicht die einer Ernüchterung. Im Gegenteil: wenn wir uns von der Evolution her verstehen, so ist dies alles andere als «erniedrigend». Denn erstens sind die Potenziale der Evolution nicht rückwärts-, sondern vorwärtsgerichtet. Sie binden uns nicht an eine graue Vorzeit zurück, sondern ermöglichen uns, in die Zukunft zu gehen. Und zweitens zeigt sich, dass wir Menschen uns – in der protokulturellen Periode und der anschliessenden kulturellen Evolution – selbst in gewissem Masse zu den relativ besonderen Wesen gemacht haben, die wir heute sind. Ein Wesen aber, das aus bescheidenen Anfängen durch eigenes Tun so besonders geworden ist, muss man doch wohl mehr bewundern als eines, das nur aufgrund einer fremden Gabe und ohne eigenes Zutun eine Besonderheit aufweist. Die evolutionäre Betrachtung fügt uns und unserem Selbstbewusstsein keine Kränkung zu. Sie bietet, im Gegenteil, Anlass zu einem gewissen Stolz.

Schriften zum Thema von Wolfgang Welsch:

Immer nur der Mensch? Entwürfe zu einer anderen Anthropologie. Berlin: Akademie, 2011.

Blickwechsel – Neue Wege der Ästhetik. Stuttgart: Reclam, 2012.

Mensch und Welt – Eine evolutionäre Perspektive der Philosophie: München: C.H. Beck, 2012.

Homo mundanus – Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, 2012.

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