Schöne, nicht mehr so neue Unsicherheit

Kaum eine Debatte, kaum eine Politikerrede, in der sie nicht als Wurzel allen Übels identifiziert wird: die ökonomische Unsicherheit. Wäre sie flächendeckend beseitigt, ginge es uns allen besser: Banker vergäben wieder Kredite an die «Realwirtschaft», Industrielle tätigten endlich wieder verschleppte Investitionen und Konsumenten kauften endlich wieder Autos. Klingt alles einleuchtend, ist aber tatsächlich: Wohlstandsgeschwätz. Unsicherheit […]

Kaum eine Debatte, kaum eine Politikerrede, in der sie nicht als Wurzel allen Übels identifiziert wird: die ökonomische Unsicherheit. Wäre sie flächendeckend beseitigt, ginge es uns allen besser: Banker vergäben wieder Kredite an die «Realwirtschaft», Industrielle tätigten endlich wieder verschleppte Investitionen und Konsumenten kauften endlich wieder Autos. Klingt alles einleuchtend, ist aber tatsächlich: Wohlstandsgeschwätz.

Unsicherheit ist eine Triebkraft, die mich schon lange beschäftigt. Insbesondere ihre vermeintliche Abwesenheit. Als Geschichtsstudent erfuhr ich, wie sich selbst die klügsten Zeitgenossen in Vergangenheit vor grossen Umbrüchen in falscher Sicherheit wogen. Hervorragend informierte Investoren gingen 1914 davon aus, dass ruhige Zeiten auf sie zukämen – und nicht zwei katastrophale Weltkriege. Kurz danach erfuhren sie, was uns die jüngste Finanzkrise (und alle damit angestossenen weiteren Krisen) wieder vor Augen führte: Unsicherheit ist des Menschen ständiger Begleiter. Ob wir das wollen oder nicht.

«Schöne, neue Unsicherheit» lautete denn auch der Titel des ersten Textes, den ich vor rund sechs Jahren in den «Schweizer Monatsheften» publizierte. Mein damaliges Argument: das allumfassende Sicherheitsnetz des Schweizer Wohlfahrtsstaats stellt ein uneinlösbares Versprechen dar. Und: stattdessen ist die Unsicherheit als positive Grösse zu begrüssen. Dabei war damals wie heute klar, dass es ein Mindestmass an Absicherung braucht. Es ist zynisch, hart arbeitende, aber jahrelang dafür nicht bezahlte Krankenschwestern in Griechenland dazu aufzufordern, ökonomische Unsicherheit als Triebkraft zu begrüssen. Schweizer Haushalte aber geben jeden Monat durchschnittlich rund 1800 Franken (2013) für Versicherung und Vorsorge aus – inklusive Zwangsabgaben für AHV, IV und ALV. An sie richtete sich die Erklärung, dass ökonomische Sicherheit auch zu falschen Gewissheiten führt und deshalb einer tragischen Lähmung Vorschub leistet.

Deshalb, als Schlusspunkt meiner Arbeit in diesem Verlagshaus, eine Wiederholung der damaligen Predigt – sie sei mir erlaubt: Unsicherheit ist eine Konstante freiheitlicher Gesellschaften – und es ist ebenso gefährlich, sie falsch einzuschätzen wie sie mittels kollektiver Sicherheitssysteme aus der Gleichung des Lebens beseitigen zu wollen. Wer Unsicherheit hingegen aktiv in den eigenen Lebensentwurf einbindet, schützt die eigene Psyche, wird also resilienter und weniger anfällig für externe Schocks. Die Probe aufs Exempel will ich in Amerika angehen. Sie hören wieder von mir! Inzwischen wünsche ich Ihnen weiterhin viel Freude am «Monat» – bis dahin wieder ohne Predigten.