Schöne neue Arbeitswelt

Die Welt schläft nie. Aber kommen wir noch zum Schlafen?

Schöne neue Arbeitswelt
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Ruedi Widmers Arbeitstag beginnt zwei Stunden vor Sonnenaufgang mit dem Weckruf des Bauers und endet – je nach Witterung und Arbeitsanfall – meist etwa drei Stunden nach Sonnenuntergang. Ruedi Widmer hat dreckige Fingernägel, im Winter aufgerissene Fingerkuppen und stets tiefbraune Haut – die Sonne des Berner Oberlandes hat dem Bauersgehilfen schon in jungen Jahren ihr Stigma auf den Körper gebrannt. Sein Tagesablauf gleicht sich. Jahrein, jahraus – und die Suppe, die die Frau des Hofbesitzers allabendlich für ihn und seine Arbeitsgenossen zubereitet, ist so kalorienreich wie zähflüssig. Ein Dutzend Mal in seinem Leben hat er das Tal verlassen, siebenmal, um im Unterland Geräte zu kaufen, zweimal, um eine Tante in Bern zu besuchen, und dreimal, um Hochzeiten alter Freunde beizuwohnen. Im Alter von 43 Jahren verliert er seine linke Hand – eine Lederschlinge an einem durchgehenden Gaul wird ihr zum Verhängnis. Ruedi Widmer hat in seinem Leben genau eine Arbeitsstelle. Als er mit 54 Jahren auf dem Hof eines natürlichen Todes stirbt, kommt der Bauer für das Begräbnis auf.

Patricia Schnyder hat mit 24 schon beinahe 30 Länder der Welt bereist und ihren Kollegen auf Facebook währenddessen wortreich davon berichtet. Ihre Finger sind filigran, die Nägel haben zwei verschiedene Farben. Sie hat die Matur, studiert in den USA Physik, ist wissenschaftliche Hilfskraft an einem angesehenen Lehrstuhl und wird bald auch den Doktor machen. Mit 16 arbeitet sie an der Kinokasse in der Schweiz, mit 17 in einem Brillengeschäft und nebenher auch noch in der einzigen Bar ihres Dorfes am Tresen. Nachdem sie das Doktorat abgeschlossen hat, werden sie Headhunter aus Singapur, Taiwan und den USA mit Angeboten überhäufen. Schon heute fliegt sie mit ihrem Chef regelmässig an Kongresse und Messen und knüpft Kontakte zu Biotech-Firmen auf der ganzen Welt. Patricia liebt russische Literatur, spricht Französisch, Englisch und auch Hochdeutsch. Gerade versucht sie sich an Mandarin. Ihr Vater hat ihr ein Pferd gekauft, sie zahlt die Pflege während des Semesters in Dollar. Nur noch in den Semesterferien ist sie in der Schweiz. Patricia Schnyder wird voraussichtlich 96 Jahre alt werden und ihren 3 Kindern von 2 verschiedenen Vätern (einer Schweizer, einer Amerikaner) ein schönes Vermögen hinterlassen.

Ruedi Widmer starb im Jahr 1843, Patricia Schnyder ist im Jahr 1989 zur Welt gekommen. Wie eine berufliche Laufbahn in hundert Jahren aussehen wird, ist praktisch unmöglich vorauszusehen. Aber sichtbar sind jene Veränderungen, denen unsere gegenwärtigen Arbeitswelten unterworfen sind. Sie beeinflussen Selbstwertgefühl, Lebenszufriedenheit und Wohlstand. Diese Veränderungen sind Thema unseres Dossiers.

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