Ursina Kuhn, fotografiert von Felix Imhof.

Schnipp, schnapp

Neuste Zahlen zeigen: In der Schweiz öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter.

Die Einkommensungleichheit hat in vielen Ländern ein hohes Niveau erreicht. Bedeutet das, dass die Schere zwischen Arm und Reich sich immer weiter öffnet, wie es oft heisst? Und wie steht die Schweiz in dieser Hinsicht da? Was die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen betrifft, liegen wir im Mittelfeld der OECD-Länder. Die Markteinkommen, das heisst Löhne und Kapitaleinkommen, sind verglichen mit anderen Ländern relativ gleichmässig verteilt, was grösstenteils an der hohen Erwerbstätigkeitsquote liegt. Die Entwicklung über die Zeit ist jedoch nicht so einfach zu beurteilen, da der Trend je nach Perspektive (Datenquelle, Einkommensdefinition, Ungleichheitsmass, Zeitraum) leicht unterschiedlich ausfällt. In Abbildung 1 ist der Gini-Index verschiedener Einkommen und Datenquellen im Überblick dargestellt.

Hier die wichtigsten Erkenntnisse aus diesem Index:

Wie in anderen Ländern sind die Top-Einkommen auch in der Schweiz überproportional gestiegen. Ersichtlich wird das aus den Steuer- und AHV-Daten, die die gesamte Bevölkerung und somit auch die höchsten Einkommen umfassen. Stattgefunden hat dieser Anstieg ab Mitte der 1990er Jahre bis zur Finanzkrise von 2008, seither ist die Entwicklung stabil (gemäss Steuerdaten) oder gar leicht rückläufig (AHV-Daten). Die Ungleichheit ist in den aktuellsten Daten aber klar höher als noch in den 1980er Jahren. Dass sie in wirtschaftlichen Boomjahren höher ausfällt als während einer Rezession, ist allerdings ein Muster, das sich in allen Datenquellen feststellen lässt.

Der Anstieg der Top-Einkommen entspricht einem globalen Trend. Im Unterschied zu anderen Ländern gibt es aber in der Schweiz vier Faktoren, die einem Anstieg der Ungleichheit bei den hohen Einkommen entgegenwirken.

Erstens ist das Lohnniveau am unteren Ende der Verteilung nicht gesunken. Alle Einkommensgruppen konnten vom Wirtschaftswachstum profitieren und die negativen Auswirkungen der Globalisierung auf die tiefen und mittleren Einkommen fielen weniger stark aus als in anderen westlichen Ländern. Eine leichte Trendwende zeichnet sich seit 2014 ab: Die Löhne und verfügbaren Haushaltseinkommen sind, bereinigt um die Inflation, gemäss verschiedenen Datenquellen leicht gesunken. Da davon aber sowohl hohe als auch tiefe Löhne betroffen sind, wirkt sich dies nicht auf die Ungleichheit aus.

Zweitens ist die Lohnquote in der Schweiz relativ stabil und die Ungleichheit beim Arbeitseinkommen viel niedriger als beim Kapitaleinkommen, was einen stabilisierenden Effekt hat.

Drittens ist die Erwerbsbeteiligung der Frauen in der Schweiz stark gestiegen. Auch Arbeitspensen von weniger als 50 Prozent sind seltener geworden, was die Einkommensungleichheit auf Haushaltsebene verringert hat. Die weitverbreiteten 60-Prozent- oder 80-Prozent-Stellen verstärken diese nicht, da mehrheitlich gut bezahlte Arbeiten betroffen sind, die von Personen mit einem hohen restlichen Haushaltseinkommen ausgeführt werden.
Zuletzt hat die Schweiz im Unterschied zu anderen Ländern weder eine Schuldenkrise noch einen dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit erlebt, der einschneidende sozialpolitische Massnahmen erforderlich gemacht hätte. Die Umverteilungswirkung des Sozialstaates und Steuersystems hat sich daher in der Schweiz nur wenig verändert.

Knapp zusammengefasst lässt sich sagen: Auch hierzulande hat die Ungleichheit am oberen Rand der Einkommensverteilung zugenommen, beim…

Herfried Münkler (Humboldt Universität, Berlin) Foto: Stephan Röhl, http://www.stephan-roehl.de
«In einer schnelllebigen Zeit,
in der ‹Eine Meinung haben› allzu leicht mit ‹Ein Argument vorbringen› verwechselt wird,
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Herfried Münkler, Professor für Politikwissenschaft,
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