Schmierfilm

Zum Schutz hat er sich Latexhandschuhe übergestreift. Nun rubbelt er mit dem Lappen zwischen den Buchstaben herum, verwischt über dem Wort die Farbe und verteilt dann den Schmierfilm kreisförmig auf der Fläche. Es ist eine mühsame, schmutzige Arbeit. Zuerst muss man ein Stahlgerüst aufbauen, um überhaupt hinauf zum Tatort zu gelangen. Dann wird endlos auf […]

Schmierfilm

Zum Schutz hat er sich Latexhandschuhe übergestreift. Nun rubbelt er mit dem Lappen zwischen den Buchstaben
herum, verwischt über dem Wort die Farbe und verteilt dann den Schmierfilm kreisförmig auf der Fläche. Es ist eine mühsame, schmutzige Arbeit. Zuerst muss man ein Stahlgerüst aufbauen, um überhaupt hinauf zum Tatort zu gelangen. Dann wird endlos auf dem Stein hin und her gerieben, bis sich die Rückstände abspülen lassen.

Irgendetwas bleibt immer zurück. Sie wählen immer Farben, die tief in die Poren des Steins eindringen. Es soll etwas zurückbleiben, eine Spur der Verachtung, ein Zeichen des Zorns, der Rebellion. Rote, blaue und schwarze Farbbeutel hatten die Demonstranten
gegen die Fassade der griechischen Zentralbank geschleudert. In dünnen Rinnsalen floss die Farbe die Wand hinunter. Bevor die Putzkolonne anrückte, sah die Frontseite der Bank aus wie ein monumentales Schiessbild von Niki de Saint Phalle: ein blutroter Klecks oberhalb der Inschrift, daneben ein ebenso grosser, grau-schwarzer Fleck. Bei der Reinigung wurde alles zu einer schmutzigen Brühe verrührt. Nur an den Buchstaben sammelten sich Reste der roten Revolte, so dass beim Verwischen ein rostbräunlicher Farbton entstand.

Streiks und Massenproteste begleiteten die Staatskrise in Griechenland von Anbeginn. Die Insolvenz der öffentlichen Hand zwang zu Massnahmen, welche die Fiktionen vom nationalen Wohlstand nach und nach zerplatzen liessen. Die Renten und Staatsausgaben wurden gekürzt, Privilegien gestrichen, Steuern erhöht und unzählige Bedienstete entlassen. Unmut und Aufruhr waren die Folge. Die Schuldenkrise entwickelte sich zur Gesellschaftskrise, schliesslich zur Krise der kontinentalen Währung. Wiederholt kam es zu gewaltsamen Auseinander-setzungen. Zwar ist der Akt der Verunreinigung eher harmlos; niemand wurde dabei verletzt. Doch birgt das Photo einen hintergründigen Sinn, den kein Bild von brennenden Barrikaden oder beissenden Tränengasschwaden zu vermitteln vermag.

Der Akt der Beschmutzung ist keineswegs nur ein Zeichen profanen Aufbegehrens. Er entweiht die reine Fläche, die blanke Fassade, den Tempel des Geldes. Der Farbbeutel huldigt dem Zufall. Er verkörpert die Anarchie schlechthin. Wie sich die Farbe nach der Explosion verteilt, welche Wege sich die Rinnsale suchen, kann niemand berechnen. Mit kalkulierter Provokation widerspricht die Aktion dem Prinzip der Rechenhaftigkeit. Weder flüssig noch fest ist die Farbe, sie fliesst und sie haftet, verdreckt und verschönert die öde Fläche, eine zweideutige Materie, die am Untergrund klebt und ihn seiner monotonen Sauberkeit beraubt. Die Übeltäter haben sich jedoch nicht nur als Provokateure ins Unrecht gesetzt. Der verunreinigende Mensch verstösst gegen die Ordnung der Dinge. Er bringt die Welt in einen Zustand, den die Obrigkeit unmöglich hinnehmen kann. Daher der prompte Einsatz der Reinigungskräfte. Sie sollen die ästhetische und politische Ordnung wiederherstellen, den entweihten Geldtempel von jedem Makel säubern.

Doch nicht das Zufallsbild der Farbbombe, sondern dessen Abwaschung, nicht die symbolische Destruktion, sondern deren Entfernung befleckte die Fassade mit dem sudeligen Schmierfilm. Die Farbe hinterliess nur bunte, aber deutlich abgegrenzte Kleckse und Streifen auf steingrauem Hintergrund. Erst die Reinigung erzeugte jenen schmierigen Brei, der alle Differenzen verwischte. Die Säuberung verwandelte die Entweihung in Schmutz und Dreck. Das Photo des Hausputzes indes kommentiert sich selbst. Die Buchstaben bezeichnen nicht nur das Land und dessen Nationalbank, sondern auch deren aktuellen Zustand. «Greece» entspricht phonetisch dem englischen Wort «grease».
Dies aber heisst nichts anderes als «Fett», «Schmalz», «Schmiere».

So beschreibt das abgebildete Wort den Vorgang, den das Bild zeigt. Und das Photo des überschmierten Wortes beschreibt
den Zustand, dem die Nation zusteuert: Aufruhr, Chaos, Tohuwabohu. Selten bietet sich in der Geschichte der Bilder ein solches
Beispiel für die Parallelität der ästhetischen, sozialen und verbalen Bedeutungen.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»