Schanghai boomt

Ohne Eigentum kein Geld, ohne Geld kein Wirtschaften, ohne Wirtschaften kein Wohlstand, ohne Wohlstand kein Frieden. China hat viel vom Westen gelernt, sagt Gunnar Heinsohn. Ein Gespräch über Bankrottgesetze im Osten, die Aushöhlung des Eigentums im Westen und über die Zuwanderungspolitik der Zukunft.

Schanghai boomt

Herr Heinsohn, wir wollen uns heute über ein grosses Thema unterhalten, das sich durch die meisten Ihrer Bücher zieht: Eigentum. In Europa beobachten wir mit wachsender Sorge, wie sich die wirtschaftlichen Gewichte in Richtung Asien und Emerging Markets verschieben. Die asiatischen Staaten entdecken gerade die Bedeutung des Eigentums, während europäische Staaten aufgrund der dramatischen Schuldensituation daran sind, den Zugriff auf Eigentum zu verstärken. Teilen Sie diese Einschätzung der Lage? Und wenn ja, was bedeutet dies?

Grosso modo kann, ja muss man die Lage wohl so sehen. Wir tun uns schwer mit dem Respekt des Eigentums und verstehen nicht einmal richtig, warum nur mit ihm Demokratie und Innovationen für den Wohlstand möglich, allerdings auch Krisen unvermeidlich sind. Die provozieren immer wieder Zorn auf das Eigentum – Bewegungen zu seiner Beseitigung sind so alt sind wie das Eigentum selbst. Nicht einmal Spöttereien à la Franz Oppenheimer (1864–1943), dass sie Ärzten gleichen, die sich für die Heilung der Tuberkulose an die Entfernung der Lunge machen, haben den Eigentumsfeinden schaden können. Chinesen hingegen entdecken Eigentum immer klarer für sich. Das setzt unerwartete Kräfte in Gang. Nehmen wir Schanghai. Dort leben heute 15 Millionen Menschen, zweimal mehr als in der Schweiz. In Schanghai existierten noch im Jahre 1990 fast hundert Prozent der Liegenschaften, also sämtliche Grundstücke, Häuser, Wohnungen und Fabrikhallen, nur in der Form staatlichen Besitzes. 2005, bloss 15 Jahre später, hatten 90 Prozent aller Liegenschaften zusätzlich einen Eigentumstitel. Und siehe da: Schanghai boomt und hat Wachstumsraten, von denen die Europäer nur träumen können.

 

Der Zusammenhang von Eigentum und wirtschaftlicher Dynamik ist erst mal bloss eine Vermutung. Klären Sie uns auf – was genau ist in jenen Jahren geschehen?

Fast alle Ökonomen glauben, von Eigentum zu sprechen, wenn sie in Wirklichkeit von physischem Besitz reden. Die Leute in Schanghai hingegen haben zumindest eine Ahnung davon, was Eigentum ist. Dafür gibt es ein klares Indiz: China verabschiedete 1986 ein Bankrottgesetz, also eine Reglung für Eingriffe in das Eigentum von Überschuldeten, obwohl damals gerade zwei Prozent der Produktion von verschuldungsfähigen Privaten erbracht wurden. So ein Gesetz macht nur Sinn, wenn es eines Tages juristisch belangbares Eigentum wirklich geben wird. Man zeigt Weitsicht, indem man sich von blosser Produktion mit Besitzgütern verabschiedet und sich den Business-Operationen des Wirtschaftens zuwendet, indem Eigentümer Verträge schliessen, Währungen besichern, Pfand für Kredit stellen, auf Zukunft handeln, verkaufen, einlösen und vollstrecken. In meiner zweiten Heimat Polen glänzt man in derselben Zeit zwar durch Tapferkeit, aber die ökonomische Weisheit der Solidarność erschöpft sich im Ruf nach Gewerkschaftsfreiheit. Da auch westliche Berater immer wieder nur verwirrt das Wesentliche vermeiden, schafft Warschau ein Bankrottgesetz erst 2003 und muss es 2006 schon ändern. Da hat China zwei Jahrzehnte Vorsprung.

 

Klingt interessant. Was genau verstehen Polens Berater nicht?

Dass sie sich lediglich um Besitz kümmern. Der regelt die Kon-trolle von physischen Sachen (Gütern) und bestimmt, wer sie wann, wo, wie, gegen wen und in welchem Ausmass nutzen sowie ihre Substanz und Form ändern darf. Eigentum hingegen ist ein reiner Rechtstitel – etwas Unphysisches. Und nur mit ihm wird gewirtschaftet, während es Produktion mit Besitz schon seit dem Faustkeil des Neandertalers gibt. Die Vorstellung jedoch, dass er dieses Werkzeug gleichzeitig mit dem Auftrennen einer Tierhaut auch noch als Besicherung für Kredit einsetzen könnte, ist ihm vollkommen fremd. Verpfänden gehört nämlich zur unphysischen Eigentumsseite seines Faustkeil-Vermögens. Nur über die Verpfändung von Eigentum können Firmen bei Geschäftsbanken Geld leihen – das nennt sich Eigenkapital. Die wiederum brauchen Eigenkapital, um bei Bankrott ihres Schuldners das nicht mehr heimgekehrte Geld daraus glattstellen zu können. Beide aber nutzen dabei die physische Besitzseite ihres Vermögens ungestört weiter. Bei einem Unternehmen ist das der «Betrieb». Nur seine permanente Modernisierung gibt dem wirtschaftenden Schuldner eine Chance, sein Eigentum gegen Preisverfall oder Verlust zu schützen. Kurz, nur bei Existenz von Eigentum können Leute und Firmen sich verschulden, investieren und innovieren. Sie haben also nicht nur eine, sondern zwei Potenzen zur Verfügung, verlieren aber beide auf einen Schlag, wenn sie mit ihrem Eigentum besicherte Kredite nicht bedienen können. Daraus resultiert das Getriebensein, das Niemals-zur-Ruhe-Kommen der Eigentumsgesellschaften…

 

…was gerade die Bewohner westlicher Länder zunehmend beklagen…

…das ist halbwegs verständlich. In jedem Moment kann irgendwo auf der Erde die Innovation geschaffen werden, die global Dutzende von Betrieben veraltet dastehen lässt und ihre Eigentumspreise gegen null treibt. Nehmen wir als Beispiel die seinerzeit beste Schreibmaschinenfabrik, AEG Olympia in Wilhelmshafen. Plötzlich kommt aus Japan der Schreibcomputer. Kunden wenden sich von mechanischen Schreibmaschinen ab. Umgehend fällt der Preis von Olympia und damit auch die Verpfändungsfähigkeit der Firma. Zu spät läuft man zu den Banken. Die nehmen den Restwert nur sehr zögerlich und gegen überhöhten Zins als Pfand für Umrüstungskredite. Doch die deutschen Ingenieure schaffen den Turnaround nicht mehr. Die letzten Produkte landen 1991 im
Industriemuseum. So einfach, aber auch so brutal läuft es. Die für die Eigentumsverteidigung ausgedachten Innovationen erzeugen eine Dynamik, die Aussenstehenden aus einem Amazonas-Stamm, aber auch Besuchern aus dem Realsozialismus wie ein Wunder erscheint. Gleichwohl beschert sie immer wieder vielen Verschuldeten die Zahlungsunfähigkeit, und eben dafür braucht es Bankrottgesetze. Schanghai zeigte bereits 1986, dass in China keineswegs ein anderer Kommunismus der neuen Art am Werke war, der endlich schaffen würde, woran Stalin oder Honecker scheiterten, sondern dass der Schritt vom blossen Besitz zum Eigentum und damit zum Wirtschaften getan wurde.

 

Das ging etwas schnell. Bleiben wir beim Konkreten: Wie funktioniert eine Wirtschaft ohne klare Regeln im Umgang mit Eigentum?

Schauen wir weiter auf das Transformationsland Polen. Dort ruft man neoklassische Berater à la Jeffrey Sachs, die einen ewigen
Gütertausch – und nicht Eigentum – für den Grund des Wirtschaftens halten. Eben deshalb machen sie den Terminus «Markt-Wirtschaft» zum globalen Markenzeichen ihrer Lehre. Doch den Markt mit seinen Kaufverträgen gibt es nur als Kind von Kreditverträgen. Die geben den Schuldnern genau vor, was sie zur Auslösung ihres verpfändeten Eigentums verdienen müssen. Den Polen rät Sachs allen Ernstes, die Schaffung von Eigentum nur als einen «final step» ins Auge zu fassen. Er will Egoismus aktivieren und ein ungehindertes Recht aufs Tauschen. Das führte in Polen durchaus zu freien Preisen und auch zu Märkten, aber das Geld für diese Operationen bleibt ohne Basis. Die ja auch im Kommunismus schon vorhandenen Fabriken – staatlicher Besitz, aber niemandes Eigentum – werden nicht korrekt verbrieft und können deshalb nicht als Pfand für Kredit dienen. Die Banken bekommen kein Eigenkapital für das Unterlegen ihrer Ausleihungen, und die Zentralbank bekommt kein Eigentum für die Besicherung ihrer Noten.

 

So weit, so klar. Und was bewirkt das nun in Polen?

Schauen wir dafür auf die Währungsberatung. Neoklassiker halten Geld ja nicht für einen Rechtsanspruch auf das unphysische Eigentum der Emissionsbank, sondern für ein physisches Gut – wie Schweine oder Autos –, das als «Standardgut» den Tausch zwischen eben solchen Schweinen und Autos erleichtere. Den Banken wird aufgetragen, von ihren Kunden Zins zu verlangen und durch diese Forderung das Geld knapp zu halten. Das tun die auch brav. Als nach zwölf Monaten aber etliche Schuldner nicht tilgen, gehen die Banken unter, weil sie von den Kunden kein Pfand haben, aus dem die Verluste hätten glattgestellt werden können. Ein solches Pfand wäre Eigentum gewesen, das Sachs jedoch erst als «letzten Schritt» angehen wollte. Die Schuldner hätten es also gar nicht stellen können. Jetzt muss ich allerdings ein wenig ausholen…

 

…es kommt die Heinsohnsche Geldtheorie. Bitte möglichst einfach!

Ich bemühe mich. Sonst können Leser diesen Absatz auch überspringen. Zins gibt es dafür, dass eine Emissionsbank ihr Eigentum, mit dem sie das Geld besichert, während des Kreditzeitraums unfrei macht. Sie darf es nicht noch einmal belasten, kann es im Kreditzeitraum auch nicht konsumieren, verkaufen oder verschenken. Die Belastung ihres Eigentums sorgt dafür, dass ihre Noten aus schlichtem Papier «wertvoll» werden, also einen Preis erzielen. Marktteilnehmer geben Eigentum für papierene Noten ja nicht deshalb her, weil sie töricht wären, sondern weil diese Papierstücke – im korrekten Fall – ihrerseits mit erstklassigem Eigentum besichert sind. Der bei solcher Besicherung von Geld erwachsende Verfügungsverlust über das Eigentum der emittierenden Zentralbank ist es, den ihre Geschäftsbankschuldner mit Zins ausgleichen müssen.

Beim Weiterverleihen des bei der Zentralbank geliehenen Geldes liegt auf ihm bereits die Zinsschuld für das Belasten des Zentralbankeigentums. Warum nun liegt der Zins der Geschäftsbank höher als der bei der Zentralbank zu entrichtende? Nicht, weil die Leute hinterm Schalter doch auch etwas verdienen müssen, sondern weil die Geschäftsbank beim Kreditgeben ebenfalls Eigentum belasten muss für den Fall, dass ihr Schuldner nicht tilgt oder sein Pfand unter den Preis der Schuldsumme fällt, bei Vollstreckung also die ausgeliehene Summe nur teilweise zurückgeholt werden kann und die Differenz dann aus dem Eigenkapital geholt werden muss. Auch die Geschäftsbank erleidet also einen temporären Verfügungsverlust über Eigentum, für den sie mit Zins entschädigt werden muss. Aus diesem Zinsertrag für das Un-freimachen ihres Eigentums kann sie dann Teilhaber und Angestellte bezahlen.

 

Und wie ging’s weiter in Polen?

Obwohl, aber auch weil die polnischen Banken Eigentum mangels Information über seinen Zweck gar nicht haben, schickt man die teuren Wirtschaftsprofessoren jetzt diskret, aber entschlossen zurück in den Westen. Man holt sich gewöhnliche Bankkaufleute, die in Polen Schnellkurse abhalten. Ihre Lehre klingt so umwerfend einfach, dass sogar die «New York Times» davon beeindruckt ist: «Lesson 1: In the new economy, ask the borrowers for collateral.» Vom Schuldner muss man Pfand in Höhe der Kreditsumme verlangen. Weil an das Eigentum dafür in Polen aber niemand gedacht hatte, geht es nach dem Fiasko endlich mit seiner Schaffung los – vor allem durch den Verkauf der Wohnungen aus staatlichem Besitz an die Mieter. Daraufhin verpfänden viele Polen ihre Wohnungen für einen Bankkredit. Nach einem Jahr können die ersten Kunden Raten und Zinsen nicht zahlen. Die Banken vollstrecken in das Pfand. Nun macht der Staat den nächsten Fehler. Weil Vollstreckung in Wohneigentum zu Elend führt, wird sie den Banken gesetzlich untersagt. Über die Hintertür der Sozialpolitik wird das Eigentum kastriert, weil Banken es nun natürlich nicht mehr als Pfand akzeptieren. Statt eine Eigentumswirtschaft zu schaffen, die Wachstum generiert und sich für die – sagen wir – 2 Prozent Härtefälle Sozialwohnungen leisten kann, dürfen nun fast 100 Prozent der Leute ihr Wohneigentum nicht mehr verpfänden. Damit entfällt eine wuchtige Quelle für die Geldschaffung, die ja korrekt nur erfolgen kann, wenn am Ende jemand Pfand stellt sowie Zins und Tilgung zusagt. In Deutschland, Frankreich oder der Schweiz sind seinerzeit von 100 neuen Geldeinheiten rund 50 mit Wohneigentum besichert. In Polen erreicht man gerade mal 3 Prozent und kämpft sich mittlerweile auf mühsame 15 vor. Slowenien übrigens machte nach 1990 vieles richtig. Über Nacht wird in dem kleinen Land von 2 Millionen Menschen das kommunistisch enteignete Vermögen zu Eigentum transformiert, wodurch rund 400 000 Leute verpfändungsfähig werden. Das bringt Slowenien sehr schnell an die Spitze des Ex-Ostblocks. Mittlerweile hat es mit denselben Problemen zu kämpfen, die für die reichen europäischen Länder chronisch werden: Vergreisung und schwindende Innovationsfähigkeit. Die Zahl der Patente pro Kopf nimmt ab, während die Konkurrenz in Ostasien weiter zulegt.

 

Wie hätten Sie denn den Prozess in den ehemaligen Ostblockstaaten gestaltet?

Otto Steiger (1939–2008) und ich haben nach dem verheerenden Bericht über den «Zustand der slowakischen Ökonomie und die Ursachen» aus dem Jahre 1999 für Bratislava vorgeschlagen, den Staatsbesitz zu quantifizieren, zu stückeln und pro Kopf zu verteilen. Es wurde eingewendet, dass viele Leute ihr Eigentum nach der Zuteilung gleich versaufen würden. Eine solche Gefahr besteht immer, aber für diese paar Prozent braucht es dann eben Sozial-politik. Aber solche Probleme mit Eigentumsbeschränkungen vermeiden zu wollen, zeigt nur das Unverständnis des Wirtschaftens. Die Chinesen haben das besser verstanden.

 

Die Chinesen haben also Heinsohn gelesen?

Einige schon! Etliche Texte sind ja auf Englisch zugänglich – die «Eigentumsökonomik» als «Ownership Economics» bei Routledge allerdings erst seit Oktober 2012. Da China sein Bankrottgesetz, das doch Vorlaufzeit benötigt, schon 1986 fertig hat und «Privateigentum, Patriarchat, Geldwirtschaft» erst 1984 kommt, haben sie Essentials der Eigentumswirtschaft schon selbst herausgefunden oder statt Ökonomieprofessoren einfach Banker befragt. Sie haben dann – zumindest für Inländer – einen tiefen Vermögensmarkt geschaffen. Die Menschen auch auf dem Land haben seit 2003 Selbsteigentum. Sie bestimmen unabhängig, wann und wo sie ohne Zins, Pfand und Tilgung an Liquidität kommen, also für Lohngeld arbeiten.

 

Selbsteigentum – was heisst das? Wollen Sie damit sagen, dass die Chinesen eben erst die Sklaverei abgeschafft haben?

Jeder Mensch – und damit jede Arbeitskraft – hat eine Eigentumsseite und eine Besitzseite. Die Eigentumsseite ist seine Freiheit. Dieses Eigentum ist seit Abschaffung der Sklaverei etwas Besonderes, weil es weder verkauft noch verpfändet werden kann. Der freie Arbeiter hat freilich auch eine Besitzseite, einen Betrieb aus Leib und Verstand. Als Eigentümer seiner Person verhält er sich nicht anders als der Eigentümer eines Betriebs: Er modernisiert permanent seinen Kopf. Manche tun dies erst, wenn andere vorgelegt haben, andere denken selber voraus und treiben dann alle anderen in die Fortbildung. Essentiell ist nun, wie viele Menschen einer Nation nicht fähig sind, ihren eigenen Kopf zu modernisieren. In Skandinavien und der Schweiz schätzt man den Anteil auf unter 10 Prozent. In Deutschland, Frankreich und England ist die Lage etwas ungemütlicher. 20 bis 25 Prozent der jungen Menschen werden von ihren Regierungen als «nicht ausbildungsreif» eingestuft.

 

Und in China?

Wir haben lediglich die 2009er Pisa-Werte für Schanghai-Chinesen. Ihre Schüler schaffen in allen Disziplinen selbst vor Korea und Japan sowie den anderen Chinesen – Hongkong, Singapur und Taiwan – einen so grossen Vorsprung, dass wahrscheinlich eine Sonderauswahl zum Zuge gekommen ist. An ihrer Spitzenstellung zweifelt deshalb aber niemand. Auf der IQ-Weltrangliste (Heiner Rindermann/TU Chemnitz) belegen Singapur (104,95), Südkorea (104,81), Hongkong (104,21), Japan (103,95), Taiwan (103,39), Nordkorea (102,15) und Finnland (102,11) die ersten acht Plätze. Die Schweiz (100,73) schlägt sich achtbar als Nummer 11. Deutschland (99,27) liegt abgeschlagen auf Platz 23.

Die USA besetzen aufgrund globaler Eliteanwerbung zwar immer noch Spitzenplätze in Wissenschaft und Forschung, aber in der Breite (98,87) rangieren sie noch hinter Deutschland. Dass Amerikas Bevölkerung unter 18 Jahren schon jetzt zu vierzig Prozent aus Afrika und Lateinamerika stammt und sogar fünfzig Prozent der Neugeborenen aus diesen Gruppen kommen, ist dabei nicht das Problem. Die Schwierigkeiten liegen bei der Qualifikation und werden von den Bildungsforschern regelmässig und schonungslos aufgedeckt. Obwohl Washington zwischen 1970 und 2007 die Bildungsausgaben verdreifachte, werden die Schulnoten nicht einen Deut besser. Bedenklicher noch: der Vorsprung von JaChinCos (Japaner, Chinesen und Koreaner mit US-Pass) wächst gegenüber allen anderen Gruppen. Doch nicht nur Weisse – mit Ausnahme der Aschkenasen – sacken ab, auch Afrikaner und Hispanics kommen nicht nach vorne.1

Die Menschenwürde der Lernschwachen wiegt nicht weniger als die der Leister, weshalb sie diese Abgeschlagenen versorgen müssen. Hier stossen wir auf einen zentralen Mechanismus für die Unterminierung des Eigentumsgedankens im Westen: Ein wachsender Bevölkerungsanteil wird hilflos und muss lebenslänglich unterstützt werden. Dabei müssen die Betroffenen nicht einmal persönlich nachlassen. Aber zwischen 1960 und 2020 sinkt der Anteil der Erwerbstätigen, die ungelernt Geld verdienen können, von rund 50 auf gut 10 Prozent. Wenn diese Revolution von sinkenden Schulnoten begleitet wird, ist Dynamit im sozialen Gebäude. Zugleich erleben die meisten europäischen Nationen eine Schrumpfvergreisung. Wachstum der Anforderungen bei Vergreisung und Kompetenzabfall liefern eine brisante Mischung für die Entwicklung des Westens.

 

Wer das in Europa anspricht, verfällt schnell der Ächtung.

Anders die Amerikaner, die mit noch grösseren Schwierigkeiten konfrontiert sind. Obama fordert offen, «to retool the skills of the nation». Der Begriff «retool» ist gut, weil er aus der Betriebsmodernisierung stammt. Misslingt das «retooling» aber auch in der Zukunft wie in den letzten 50 Jahren, bleibt nur noch die Jagd auf die Talente der Nachbarn. In der entwickelten Welt stehen sich mittlerweile fast 60 Nationen gegenüber, die mitleidlos um jene Arbeiter werben, die ihre Köpfe eigenständig «retoolen» können. Es läuft eine globale Konkurrenz um Kompetenz, die im eigenen Land nicht mehr ausreichend nachwächst. Das läuft nicht anders als der Wettbewerb zwischen Firmen. Ich warte immer noch darauf, dass die smarten USA irgendwann jenes Angebot auf den Tisch legen, das die Kauffman-Foundation schon vor Jahren angedacht hat.

 

Arbeitsbewilligung auf Lebenszeit und Stipendien für die Kinder?

Fast, aber nicht ganz. Die haben gesagt: Wer irgendwo auf der Welt das Abitur schafft, soll sich an den Eingangstests amerikanischer Universitäten beteiligen dürfen. Nicht in Theaterwissenschaften, sondern in Mathematik, Informatik, Natur- und Ingenieurwissenschaften. Wer in diesen Hard Sciences die Aufnahmeprüfung besteht, erhält im Briefumschlag mit den Immatrikulationspapieren auch gleich noch einen amerikanischen Pass.

 

Ich weiss nicht, wie durchdacht der Vorschlag ist. Der amerikanische Pass war auch schon begehrter als heute.

Amerika kann zur Not immer noch einen Schuss abfeuern. Das kann interessant werden. Doch was ist die Hauptsorge eines jungen Kompetenten, der irgendwo anklopft? Er fragt sich immer, ob er Aussicht auf eine sichere Altersversorgung hat. Wenn er nach Deutsch­land kommt, hört er nur, dass er die Rentner retten möge, aber selber mit Altersarmut zufrieden sein müsse. Da wird ein junges Talent vorsichtig. Der Kauffman-Foundation schlage ich deshalb vor, auch noch eine Lebensversicherung mit in den Umschlag zu stecken, die zwei oder drei Jahre im voraus bezahlt ist. Wenn das erst einmal eine unserer 60 Nationen auf den Tisch legt, geht die Konkurrenz um Arbeitskräfte erst richtig los. Dann können wir täglich – wie Börsenkurse und Wettervorhersagen – in den Gazetten lesen, wer wohin geht und wer wo wegzieht. Ich bin mir sicher: Dieser Wettbewerb wird kommen, weil er still schon läuft und die schrumpfvergreisenden Nationen gar keine andere Wahl haben.

 

Wo sehen Sie hier die Schweiz?

Die Schweiz steht gut da – sie wird von qualifizierten Leuten seit Jahren geradezu überrannt, ohne sich darum besonders bemühen zu müssen. Sie erlaubt es sich sogar, nichteuropäische Fachkräfte abzuweisen – das ist ein Luxus, den man sich erst mal leisten können muss. Die angelsächsischen Länder haben ebenfalls passable Aussichten. Sie sind pragmatisch und Magnet für alle ohnehin Englisch sprechenden Könner aus dem früheren Empire. Auch China mit einem Durchschnittsalter von 36 Jahren (D: 45; CH: 42) versteht die Zeichen der Zeit. Sein Chefdenker Yan Xuetong schreibt in der «New York Times»: «Wie China die USA schlagen kann.» Darin zeigt er, wie frühere chinesische Dynastien sich Talente aus der ganzen Welt geholt haben. China müsse an diese Tradition anknüpfen, wenn es im «global war for talent» nicht untergehen wolle.

 

Fassen wir zusammen: Sie sehen Europa auf dem absteigenden Ast. Die Alterssicherung ist so unsicher wie seit 50 Jahren nicht mehr, das Bildungsniveau sinkt tendenziell, ebenso die Geburtenrate. Hingegen nehmen die Verschuldungsquoten zu, und damit einher geht eine Aushöhlung des Eigentums, denn die Staaten brauchen Geld.

Der Staat wird in Europa längst als Instanz gesehen, die dem Bürger, dem Unternehmer, dem Konsumenten, kurz, allen die Risiken nehmen soll. Möglichst viele Lasten werden über Staatsschulden geschultert. Von 10 auf 31 Billionen Dollar steigen sie im Westen allein zwischen 2001 und 2011. In Griechenland treibt man das ausgeprägter als in Italien und dort lässiger als in Deutschland. Der italienische Privatmann hat dabei deutlich mehr Vermögen als der deutsche. Aber als Staatsbürger hat der Italiener bald doppelt so viel Schulden wie der deutsche. Die griechische Kirche mit einem Vermögen von 700 Milliarden Euro könnte allein den griechischen Staat entschulden. Gleichwohl wird gefordert, dass der deutsche Staatsbürger nicht so geizig sein und die Haftung für die Staatsschulden anderer Länder übernehmen soll…

 

…wenn sich der Staat also verschuldet…

…obwohl sich der leistende Bürger verschulden könnte und dies einfach nicht möchte…

 

…dann hat dies zur Konsequenz, dass der Staat immer mehr Geld zur Begleichung von Schuldzinsen aufwenden muss. Also muss sich der Staat das Geld irgendwo holen und tut dies in Form von Steuern. Am Ende bezahlt also trotzdem der Bürger.

So ist es – er bezahlt es durch Enteignung über Steuern oder durch Entwertung über Inflation. Doch wenn Bürger sich selber verschulden, statt Leistungen über ihre eigenen Steuern vom Staat zu erwarten, gehen sie mit dem aufgenommenen Geld viel ökonomischer um. Klar, braucht es Strassen, Infrastruktur und Rechtsapparate. Wenn sich aber der Staat im Namen der Bürger verschuldet, bietet er mehr an, als die Bürger sich selbst leisten, solange sie für Kredit ihr persönliches Eigentum als Pfand stellen müssen. Also wird es im Endeffekt für den Bürger teurer. Doch für viele Länder sind das nur noch akademische Überlegungen. Nicht so sehr über Steuern, sondern über immer mehr Schuldpapiere im Namen der Bürger gibt es Leistungen für sie. Das wird durchaus gespürt, und kaum jemand möchte, dass dieses gigantische Schneeballsystem noch zu seinen Lebzeiten auffliegt. Denn womit wären diese Staatsschulden einmal bedienbar?

 

Mit weiteren Staatsschulden – also mit künftigen Erträgen der Steuerzahler.

In der Theorie – denn in Frage steht ja, ob es diese Steuerzahler in 20 Jahren in Europa noch geben wird. Der deutsche Bürger hat heute pro Kopf 25 000 Euro Schulden. 1970 waren es umgerechnet 800 Euro. Nun weiss etwa die deutsche Schuldenverwaltung in Karlsruhe ja genau, wer ihre Papiere hält, wem sie also Zinsen und Tilgungen über 2000 Milliarden Euro überweisen muss. Der Staat könnte einmal auf die Idee verfallen, eine Steuer von 50 Prozent auf diese Schuldpapiere zu erheben und zugleich anzubieten, dass diese Sondersteuer mit ebensolchen Staatsanleihen beglichen werden kann. Dann wäre zwar die Hälfte der Schulden weg, aber auch eine enorme Enteignung erfolgt. Zum Beispiel könnten die mit Staatspapieren vollgesaugten Lebensversicherungen nur noch die Hälfte der erwarteten Altersbezüge auszahlen. Man könnte die Staatspapiere per Sondergesetz auch zinslos stellen und unbefristet bis in die Ewigkeit laufen lassen. Dann bräuchte sich niemand mehr um die Papiere zu kümmern. Neue würde einem solchen Staat aber auch niemand mehr abkaufen. Die Alternative besteht darin, ständig zu prüfen, ob sich Bürger selber verschulden können. Aber dies würde ein krasses Umdenken erfordern; Ansätze dazu sind nicht erkennbar: Bei immer mehr Hilflosen, die sich gar nicht verschulden können, wird es Änderungen von oben auch nicht geben. Deshalb wird unten jeder, der noch leistungsfähig ist, nach einem Aufnahmestaat suchen, in dem er mit seiner Kompetenz für sich selbst dauerhaft etwas erreichen kann. Zwischen Elbe und Japanischem Meer sowie zwischen Lettland und Griechenland läuft diese Abstimmung mit den Füssen massiv und ohne Halten.

 

Das ist mir zu defätistisch. Die Europäer können auch wieder mit viel Einsatz hervorragende Eigentumspositionen schaffen, um
intellektuelles Kapital anzuziehen. Dann sieht die Sache plötzlich wieder ganz anders aus.

Das werden fast alle brutal versuchen. Denn wenn eine Gesellschaft unter 1,8 Babys pro Frau hat, wird die Schrumpfvergreisung Dauerzustand. Nehmen wir nur – Kleinststaaten ausgenommen – die beiden reichsten Länder Europas: die Schweiz und Norwegen. Die Schweiz liegt bei 1,4 Babys. Norwegen ist noch wohlhabender, schafft aber auch nur 1,7. Ohne Einwanderung wären beide Länder ohne Überlebenschance. Das Problem, wie die OECD-Länder ihre Bevölkerungszahl auch nur stabilisieren können, scheint mir deshalb noch grösser als die Regeneration der Potenzen des Eigentums. Und selbst wenn man den hellen Köpfen eine längere Lebensarbeitszeit aufnötigt, wird das nicht viel ändern, weil die innovativen Jahre nun einmal zwischen 15 und 35 Jahren liegen, also zwischen 55 und 75 nicht einfach wiederholt werden können.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»