Sau-Ton – pianissimo gestrichen

«Technik habe ich keine, aber einen Sau-Ton.» Der das sagt, ist ein «braver Schweizer Cellist» in einem von Urs Frauchigers früheren Büchern «Der eigene Ton» (2000). Und Gidon Kremer, der russische Meistergeiger, präzisiert: «Der grosse Ton ist ein Ton, der mit der Person, die ihn erzeugt – und nur mit dieser Person – zusammengewachsen ist.» Im neuen Buch Urs Frauchigers nun, «damals ganz zuerst am anfang», ist ein solch eigener, grosser – ein solcher Sau-Ton (inklusive Technik) laut und deutlich zu vernehmen. Auch wenn er piano – besser noch: pianissimo gestrichen ist.

Denn Urs Frauchiger, 1936 im Emmental geboren, ist nicht nur Autor zahlreicher Publikationen sowie Musiktheoretiker in verschiedenster Mission, Urs Frauchiger ist – vielleicht in erster Linie – Cellist. Jedenfalls Musiker durch und durch, Cellist mit Leib und Seele. In seinem neusten Buch ist von seinen Anfängen die Rede, vom Anfangen auf dieser Welt, die für das Kind eine gestrenge, schulmeisterliche Regel-Welt war. Und von der Musik, die darin ihren Platz einnahm, schamhaft befangen zu Hause, durchexerziert in der Schule.

Beide Eltern waren Lehrer, das Zuhause, im Schulhaus, ein Ort der Zucht und Ordnung und des elterlichen Streits. Der Vater, ein Traumtänzer – ein «Feigling», so die Mutter –, rettet sich in den Zynismus, in den Alkohol und ans Klavier. Wenn er spielt, darf keiner zuhören; wenn aus dem Radio Beethoven ertönt und er, vor sich die Partitur, tränenüberströmt (mit)dirigiert, hat das Kind sich unbemerkt aus dem Zimmer zu stehlen.

Urs Frauchigers Erinnerungspassagen sind Zeugnisse vom Verlorengehen und vom Wiederfinden. Einzelne Szenen, nicht eine lineare Geschichte, fügen sich zu einer schwierigen Kindheit, die dennoch das Kind ungebrochen als waches, beobachtendes und hartnäckig fragendes Wesen bewahrt. Erzählt wird mit feiner, leiser Stimme und immer mit jenem humorvollen Unterton, der den kindlichen Widerstand gegen die Verletzungen unterstreicht. Eine Stimme, zusammengewachsen mit Urs Frauchigers Person, zu dessen alleinigem «Sau-Ton».

Larmoyanz hat keinen Platz im Buch. Die Szene mit der lachenden Mutter – «sie schüttelte sich vor Lachen» –, nachdem das Kind vom Vater eine Ohrfeige bekommen hat und weint, fliesst so ruhig dahin wie die Glückserfahrung in der Weihnachtszeit. Das Kind, noch nicht schulreif, sitzt warm angezogen auf der Schulhaustreppe und hört den Weihnachtsliedergesang: «Das war Glück: Draussen an der Kälte zu sein und warm zu haben, ausgesetzt, sich selber ausgrenzend, eine heimische Türfalle in Reichweite, verloren im unerbittlichen Walten der Natur, während drinnen auf dem Kochherd eine warme Suppe köchelte…» Die Treppe ist für das Kind ein Ort zwischen Verlorengehen und Wiederfinden, ein Ort, nicht da, nicht dort – (s)ein Glücksort. Ein Glücksfall, so wie das Buch, das nun vorliegt.

Urs Frauchiger: «damals ganz zuerst am anfang». Frauenfeld: Huber, 2010

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