«Sangue-sue!»

«Sangue-sue!» Ja, da bin ich mir ganz, ganz sicher. Feminin. Auch da bin ich mir sicher. Ich habe das Wort in Taman Negara gelernt, einem Dschungel in Malaysia. Der zweitägige Ausflug begann mit einer wunderschönen Bootsfahrt über einen Fluss. Mein Reisepartner war ein Freund aus dem französischsprachigen Teil Belgiens. In unseren Rucksäcken hatten wir alles […]

«Sangue-sue!» Ja, da bin ich mir ganz, ganz sicher. Feminin. Auch da bin ich mir sicher. Ich habe das Wort in Taman Negara gelernt, einem Dschungel in Malaysia.

Der zweitägige Ausflug begann mit einer wunderschönen Bootsfahrt über einen Fluss. Mein Reisepartner war ein Freund aus dem französischsprachigen Teil Belgiens. In unseren Rucksäcken hatten wir alles dabei: Essen und Getränke für zwei Personen und zwei Tage, zwei Schlafmatten und zwei dünne Decken für die Nacht, sauberes Wasser für die Körperhygiene, Tücher für den Schweiss. Wir hatten uns im Tourismusbüro über alle Gefahren informiert. Wir liessen uns sogar den Weg auf einer Karte einzeichnen. Nein, ein Guide war überflüssig. Schliesslich waren wir stets gute Orientierungsläufer gewesen. Es könne höchstens vorkommen, sagte man uns, dass ein hungriger Tiger uns den Durchmarsch verweigere, oder ein tollwütiger Elefant. Aber, so liess man uns wissen, in einem solchen Fall würde uns auch ein Tourführer nicht das Leben retten. Wir waren uns einig: Das schaffen wir alleine. Es konnte also nichts schiefgehen.

«Sangue-sue», so heisst der Blutegel auf Französisch. Ich sehe meinen Reisepartner noch immer am anderen Ende der – teils überfluteten – Hängebrücke stehen und höre immer noch seine Rufe: «Des sangue-sues partout!» – «Un quoi?», fragte ich. «Des sangue-sues!», schrie er. Klang nach Unheil – ich hörte es an seiner Stimme, die sich überschlug. An der Kantonsschule hatte man uns die Vokabel vorenthalten. «Une sangue-sue! Feminine!» Wenn es nur eine einzige gewesen wäre… Aber seine nackten Beine waren voller Blutegel. Und meine auch. Niemand hatte uns gewarnt. Niemand hatte uns gesagt, wie sie loszuwerden sind. Als wir sie abrissen, standen wir im eigenen Blut, traten die Heimreise früher an, erreichten die Zivilisation rascher als gedacht. Bei der Rückkehr lachte man uns aus. Es gebe, sagte man uns – neben der Achtsamkeit auf Tiger –, eine weitere Regel für den Aufenthalt im Dschungel: lange Hosen und Jacken. Ganz ehrlich: Vom Urwald habe ich wenig behalten, aber eines weiss ich seitdem: «Sangue-sue», so heisst der Blutegel auf Französisch. Ganz, ganz sicher.

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»