Sandy, die Medienkatastrophe

Sany, der «Frankensturm», fand – wie schon der Name sagt – in Europa statt. Genauer: in den deutschsprachigen Medien. Die höchsten Killerwellen schlug der verheerende Hurrikan in Online-Medien wie «Spiegel Online». Zugegeben: auch an Amerikas Ostküste hat der Sturm gewütet. 47 Menschen kamen im Bundesstaat New York laut Medienberichten ums Leben. 47? Natürlich nicht: in […]

Sany, der «Frankensturm», fand – wie schon der Name sagt – in Europa statt. Genauer: in den deutschsprachigen Medien. Die höchsten Killerwellen schlug der verheerende Hurrikan in Online-Medien wie «Spiegel Online». Zugegeben: auch an Amerikas Ostküste hat der Sturm gewütet. 47 Menschen kamen im Bundesstaat New York laut Medienberichten ums Leben. 47? Natürlich nicht: in der Millionenstadt New York allein sterben jeden Tag durchschnittlich 200 Menschen eines mehr oder weniger natürlichen Todes. Jahrein, jahraus. Bilder der Zerstörung gab es am Fernsehen. Nicht gerade aus Manhattan, aber aus Breezy Point, auf der Rockaway-Landzunge vor New York gelegen, das in der dramatischen Berichterstattung von «10 vor 10» als Hauptkatastrophengebiet vorgeführt wurde. Es gab einmal eine Zeit, in der ein solcher Bericht mit ein paar geographischen und demographischen Daten angereichert wurde. Tempi passati. Ich reiche sie hier nach: Breezy Point ist ein kleines Naherholungsgebiet, eine Art Schrebergarten am Meer, deshalb einst auch «irische Riviera» geheissen. 4337 Menschen leben dort, im Sommer sind es rund 12000. Und ja, viele der Sommerhäuschen am Wasser wurden zerstört. Nur: die «Monsterkatastrophe» war auch das nicht. Als die Weltuntergangsreportagen aus New York eintrafen, war die Katastrophe bereits geschehen. In der Karibik hatte der Tropensturm Sandy tatsächlich riesige Schäden angerichtet. In Jamaica, Haiti und Kuba starben über 70 Menschen, wurden zehntausende Häuser unbewohnbar, Ernten vernichtet, die prekäre Infrastruktur zerstört. Im Osten Kubas sei es der schlimmste Hurrikan seit 1957 gewesen, meldeten die einheimischen Medien. Reporter der Weltmedien waren nicht dabei. Zu weit weg von New York, zu wenig attraktiv. Zu viel Elend schon vorher – zu wenig Fallhöhe für eine zünftige Katastrophenberichterstattung.

Bange Frage: Was, wenn Sandy kein Einzelfall war? Wenn zum Beispiel die Berichterstattung über Fukushima ähnlich hochgepusht, journalistisch ähnlich katastrophal gewesen sein sollte wie die über Sandy? Ich frage ja nur.

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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