Säen und ernten

Der Genfer Privatbanquier Thierry Lombard tut, was schon seine Vorgänger vor 150 Jahren taten: Geld verdienen und Gutes tun. Dabei genügt es nicht, Cheques auszustellen. Der Banquier über den Nutzen des Gebens, das Internationale Komitee vom Roten Kreuz und seine Familiengeschichte.

Säen und ernten

Herr Lombard, in medias res: Was motiviert einen Banquier wie Sie, eine Stiftung zu gründen?

Quellen, denen solches Engagement entspringt, gibt es viele: Umfeld, Tradition, familiäre Vorbilder. Vieles geht zurück auf die Entstehung und Geschichte dieses Hauses. An der Wand hinter Ihnen hängt ein Bild des philanthropischen Banquiers Alexandre Lombard, Sohn von Jean Gédéon Lombard und damit Vertreter der 2. Generation. Er war erfolgreicher Financier und setzte sich für eine Idee ein, die im 19. Jahrhundert noch extravagant war: der Sonntag als arbeitsfreier Ruhetag für alle.

…du sollst ruhen am siebten Tag…

Genau: beherzt arbeiten, aber auch ruhen, wenn es Zeit dafür ist. Lombards Einsatz galt auch der Arbeiterbewegung. Nach seinem Tod pflanzten zum Beispiel die Postarbeiter von Lausanne und Genf auf seinem Grab aus Dankbarkeit eine Eibe. Das entsprach damals nicht dem Courant normal. Auch als Banquier hat Alexandre Lombard für damalige Verhältnisse aussergewöhnliche Wege beschritten. Er reiste 1840 in die USA, um dort nach Möglichkeiten zu suchen, das Kapital seiner Kunden zu investieren. Dabei hat er unterschieden zwischen den Staaten der Ostküste, in denen die Sklaverei bereits abgeschafft war, und den Südstaaten. Er sah, dass das Wachstum in den Südstaaten auf Sklaverei basierte, und schrieb: «An der Wurzel ihres Reichtums ist eine zerstörerische Sünde, die früher oder später zum Sturz dieser Gesellschaft führt, die auf unmoralischen Prinzipien gebaut ist.» Deshalb lehnte er es konsequent ab, in die Südstaaten zu investieren. Jede Generation unserer Partner hat bezüglich des sozialen Engagements – dem historischen Kontext entsprechend – den Grundsätzen von Alexandre Lombard nachgelebt.

Vielen erscheint finanzielles Streben und soziales Engagement als Widerspruch. Für Calvinisten sind es zwei Seiten derselben Medaille?

Keine Frage, die beiden Dimensionen gehören in Genf zusammen. Nachdem Henri Dunant auf dem Schlachtfeld von Solferino Zeuge grossen Leids geworden war, wollte er bei seiner Rückkehr nach Genf 1859 eine humanitäre Organisation gründen. Dazu brauchte er Kapital. Und um dieses Kapital aufzutreiben, wandte er sich an Alexandre Lombard. Dieser war bereit zu helfen. So wurde die Bank Lombard Odier & Cie zu einer von zwei Genfer Anlaufstellen – die andere war ein stark frequentiertes Lebensmittelgeschäft – für Leute, die Dunant ihr Geld geben wollten. Daraus entstand 1863 das Internationale Komitee vom Roten Kreuz.

Hier schliesst sich ein Kreis: Sie wurden 1997 Präsident der Stiftung IKRK und animierten Privatunternehmen, sich an der Finanzierung des Roten Kreuzes zu beteiligen…

…das war eher Resultat einer persönlichen Begegnung. Auf einem Flug zwischen Genf und Basel Ende der 1980er Jahre traf ich Cornelio Sommaruga, der damals Präsident des IKRK war. Er erzählte mir, wie er sein Wochenende damit verbrachte, als Postkarten getarnte Bettelbriefe an Parlamentarier zu schreiben. Er stand am Ende des Jahres ohne genügend Mittel da, um den laufenden Betrieb zu finanzieren, und musste dafür weibeln, dass der Nationalrat einen Beitrag von 10 oder 20 Millionen genehmigte. Ich war darob erstaunt.

Und Sie wurden tätig?

Ich fragte nach den Einkommensquellen des IKRK. Und erfuhr: es finanzierte sich hauptsächlich aus Beiträgen von Regierungen. Daneben gab es zwar eine kleine Stiftung, die die Eidgenossenschaft 1930 gegründet hatte, doch diese befand sich im Schlafzustand. Ich fragte nach Geldern aus der Privatwirtschaft. Sommaruga erzählte mir von einem Verein, der Gelder von Schweizer Unternehmen sammelte…

… offensichtlich nicht genug…

… mitnichten. Das IKRK hatte damals ein Budget von 700 Millionen Franken. Nur 300000 davon kamen von Schweizer Unternehmen. Man stelle sich vor: Die wohl schönste multinationale Initiative im humanitären Bereich erhielt von der Gesamtheit der Schweizer Wirtschaft nicht mehr als einige Brosamen. Solche Begegnungen haben in mir viel ausgelöst – zuerst Ärger, dann Engagement. Ich fühlte mich an die Verantwortung erinnert, meinen Beitrag für Gesellschaft und Umwelt…

Braucht die Schweiz eine Stiftungsstrategie?
Braucht die Schweiz eine Stiftungsstrategie?

Wann waren Sie das letzte Mal so richtig grosszügig? Nein, darunter fällt es nicht, wenn Sie einem Strassenmusiker für sein Spiel einen Fünffränkler in den Hut gelegt, einen Fair-Trade-Kaffee gekauft oder dem Nachbarsjungen 20 Franken fürs Rasenmähen gegeben haben. Grosszügigkeit, das ist die Kunst des Gebens, die sich ausserhalb der reinen Tauschbeziehung bewegt. Man gibt […]

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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