Sachbuch

Reinhold Rieger

Von der Freiheit eines Christenmenschen. De libertate christiana. Kommentare zu Schriften Luthers, Band 1

Tübingen: Verlag Mohr Siebeck, 2007

Die Bedeutung Martin Luthers für die europäische Freiheitsgeschichte wird unterschiedlich gewertet. Die einen sehen in ihm, der dem Kaiser ins Angesicht zu widerstehen wagte, einen Vorläufer der Aufklärung. Andere zitieren seine Schriften zum Bauernkrieg und bezeichnen ihn als reaktionär. Exemplarisch für die erste Sicht ist ein Diktum Heinrich Heines aus dem Jahre 1835, Luther habe der menschlichen Vernunft das Recht eingeräumt, die Bibel zu erklären, und habe sie damit als «oberste Richterin in allen religiösen Streitfragen» anerkannt. «Dadurch entstand in Deutschland die sogenannte Geistesfreiheit, oder, wie man sie ebenfalls nennt, die Denkfreiheit. Das Denken ward ein Recht, und die Befugnisse der Vernunft wurden legitim.» Gegenüber Eckermann äusserte sich Goethe schon vorher ähnlich: Dank Luther seien wir «frei geworden von den Fesseln geistiger Borniertheit». Anders Karl Barth, nachdem er sich zur Zeit des Nationalsozialismus Luther als Kronzeugen eines freiheitsfeindlichen politischen Systems hatte um die Nase schlagen lassen müssen. Im noch vor Hitlers Machtergreifung erschienenen ersten Band von Barths Dogmatik war Luther der am häufigsten – zumeist zustimmend – zitierte Autor. Später hängte Barth demonstrativ einen indonesischen Wandteppich über das Büchergestell, auf dem seine Lutherausgabe stand. Im Dezember 1939 schrieb Barth nach Frankreich, das deutsche Volk leide «an der Erbschaft des grössten christlichen Deutschen», der «Hitlerismus» sei «der gegenwärtige böse Traum des erst in der lutherischen Form christianisierten deutschen Heiden».

Was ist davon zu halten? Am besten liest man Luther selbst. Dazu regt auch ein soeben erschienener, inhaltsreicher Kommentar des Theologen Reinhold Rieger an, der der wohl wichtigsten Schrift Luthers zum Stichwort Freiheit gewidmet ist, dem an Papst Leo X. adressierten Traktat «Von der Freiheit eines Christenmenschen» auf, lateinisch «De libertate christiana». Innerhalb weniger Tage verfasste ihn Luther im Oktober 1520, zuerst auf Deutsch und dann in der Sprache, die der Papst verstand – etwas weniger genial, dafür etwas ausführlicher und präziser. Um zu vermeiden, dass man die Schrift einseitig als Reaktion auf die päpstliche Bannandrohungsbulle verstand (in Wittenberg eingetroffen am 3. Oktober 1520), wurde sie auf den 6. September zurückdatiert. In unpolemischer Weise sollte sie Luthers Position darstellen – gewissermassen ein letzter Versuch, den definitiven Bruch mit Rom zu vermeiden. Zu Recht wurde das Werk «der vollkommenste Ausdruck» von Luthers «reformatorischem Verständnis des Christusmysteriums» genannt.

Diese Formulierung gibt zu denken und weist darauf hin, dass Luther nicht in einem äusserlichen Sinn als Vorläufer der Aufklärung und des modernen Liberalismus, aber auch nicht als Vertreter eines gesellschaftspolitischen Konservatismus vereinnahmt werden kann. Ohne jenes «Christusmysterium», d.h. ohne seinen religiösen Hintergrund, versteht man Luther nicht. Man kann die Ethik nicht ohne die Dogmatik lesen. Gewiss, über die Freiheit hat er Herrliches gesagt – und es auch gelebt: «Hier stehe ich, und kann nicht anders.» «Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Ding und niemand untertan.» Freiheit ist gemäss Luther aber nicht ein Besitz des Menschen, eine angeborene Eigenschaft, sondern ein Geschenk, das mit der Tatsache begründet wird, dass wir als Brüder und Schwestern des Königs und Priesters Jesus Christus uns ebenfalls als Könige und Priester betrachten dürfen: «Wer kann nun ausdenken die Ehre und Höhe eines Christenmenschen? Durch sein Königsein ist er aller Dinge mächtig, durch sein Priestersein ist er Gottes mächtig, denn Gott tut, was er bittet und will…» Was kann es deshalb der Seele schaden, wenn «der Leib gefangen, krank und matt ist, hungert, dürstet und leidet»?

Man kann nicht seriös über Luther schreiben, wenn man versucht, Jesus Christus und die Stichwörter «Wort» und «Glaube» zu vermeiden. Jenes Wort, das uns befreit, «ist nichts anderes als die Predigt, von…

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»