Sabina Spielrein

Sabine Richebächer
Sabina Spielrein. «Eine fast grausame Liebe zur Wissenschaft»
Zürich: Verlag Dörlemann, 2005

1977 wurden die Tagebücher Sabina Spielreins im Keller des Palais Wilson, dem ehemaligen Psychologischen Institut in Genf, gefunden. Seit deren Veröffentlichung ist Sabina Spielrein vor allem als Patientin und Geliebte C.G. Jungs bekannt. Die Forschung setzte sich, am Beispiel ihrer Therapie- und Liebesgeschichte mit Jung, mit dem Thema der Übertragung und Gegenübertragung zwischen Therapeut und Klient auseinander.

In ihrer Biographie befreit Sabine Richebächer Sabina Spielrein (1885–1942) aus dieser engen Perspektive auf ihr Privatleben, indem sie die wissenschaftliche und therapeutische Arbeit der engagierten Ärztin und Psychoanalytikerin ausführlich würdigt und ihre Eigenständigkeit nachweist. Sie schildert ihr Leben und ihre Arbeit chronologisch und gibt den historischen Umständen ihrer Herkunft – aus einer jüdischen, russisch-assimilierten Familie – Raum. Es ist Richebächer gelungen, auch anhand ihrer eigenen Recherchen in Russland und einer sorgfältigen und kritischen Sichtung der Literatur, ein differenziertes und äusserst lebendiges Bild der Persönlichkeit Sabina Spielreins entstehen zu lassen.

1885 geboren, wuchs Sabina Spielrein in einem anspruchsvollen, wohlhabenden Elternhaus auf. Ihr Vater, Nikolai Spielrein, war erfolgreicher Kaufmann in der südrussischen Stadt Rostow; ihre Mutter, Tochter eines chassidischen Rabbiners, hatte Zahnmedizin studiert. Sabina Spielrein war äusserst sensibel und hochintelligent. Sie litt unter dem Druck in der Schule und unter dem nervösen und oft depressiven Vater. Nach einer schwierigen Pubertät entwickelte sie Zwangsvorstellungen und Zwangshandlungen. Deshalb reiste sie nach dem Abitur mit ihrer Mutter auf der Suche nach ärztlicher Hilfe in die Schweiz. Am 17. August 1904 wurde sie in die Zürcher kantonale Irrenheilanstalt Burghölzli eingewiesen, aufgrund «hochgradiger Hysterie, Selbstgefährdung und eventueller Paranoia», wie es in dem ärztlichen Schreiben hiess.

Richebächer dokumentiert, wie beschränkt die therapeutischen Mittel in der Psychiatrie damals waren. Dabei galt das Burghölzli als eine der fortschrittlichsten Kliniken. Unter Eugen Bleuler, dem damaligen Direktor, fand die Psychoanalyse erstmals in einer Universitätsklinik offene Aufnahme. Im Mittelpunkt dieser engagierten Rezeption stand C. G. Jung. Er wurde Sabina Spielreins Therapeut. In Gesprächen und Assoziationstests deckte er die sie besonders belastenden Ereignisse ihrer Kindheit auf – die demütigenden Schläge des Vaters, den Tod der Grossmutter und der kleinen Schwester. Die Therapie gelang. Nach neuneinhalb Monaten konnte Sabina Spielrein die Klinik verlassen und ein Medizinstudium beginnen.

Jung und Spielrein entwickelten, wie es die im Buch wiedergegebenen Tagebuchstellen und Briefauszüge zeigen, im Verlauf der Therapie eine intensive Beziehung zueinander, getragen von grösstem sachlichen und persönlichen Interesse und erfüllt von liebevoller Zuneigung. Für Sabina Spielrein wurde ihr Therapeut zum wichtigsten Gesprächspartner und, nachdem sie die Klinik verlassen hatte, zum Geliebten. Sie wurde zu seiner «anima» – aber Jungs Bekenntnis zur Polygamie stand Sabina Spielreins Sehnsucht nach einem Kind von ihm und nach einer engen Verbindung entgegen. 1909 brach Jung seine Beziehung zu ihr ab. Er befürchtete einen Skandal und sah seine Ehe gefährdet.

Doch auch in den folgenden Jahren tauschten Spielrein und Jung ihre Arbeiten und Gedanken aus und nahmen auf Persönliches Bezug. Immer wieder diskutierten sie ihre Beziehung zueinander, die für beide von schicksalhafter Bedeutung war. Auch zu Freud, der im Konflikt zwischen ihr und Jung zunächst auf Jungs Seite gestanden hatte, fand Sabina Spielrein eine freundschaftliche und sachliche Verbindung. Ihre wechselseitige Anerkennung kommt in den vielen Briefen zum Ausdruck, die sie miteinander austauschten.

Im Jahr ihrer Trennung von Jung schloss Sabina Spielrein ihr Medizinstudium ab und reichte ihre Dissertation, «Über den psychologischen Inhalt eines Falles von Schizophrenie», bei Bleuler ein. Richebächer stellt Inhalt und Form dieser Arbeit dar. Sie zeigt, wie Sabina Spielrein sich mit Jung und Freud auseinandersetzte und dass ihre Untersuchung einer Psychose unbedingt unabhängig von diesen, als eine Pionierleistung auf dem Gebiet der Psychosen zu bewerten sei. Sabina Spielrein hatte einen Fall von «paranoider Demenz» untersucht. An der wörtlichen Wiedergabe der Erzählungen ihrer Patientin macht sie deren psychotische Dissoziation sichtbar. In ihrer Interpretation stellt Sabina Spielrein das Mitgeteilte in Gruppierungen dar, in der Absicht, den sinnvollen, ja gesetzmässigen Zusammenhang des scheinbar wirren Durcheinanders deutlich zu machen.

Mit diesem Vorgehen bezieht sie sich ausdrücklich auf Freud, Jung, Ricklin, Rank und Abraham: «Wenn Freud und Jung namentlich zunächst die neurotischen und Traumphänomene mit den Erscheinungen der Schizophrenie in Parallele gesetzt haben, so glaube ich durch eine phylogenetische Betrachtungsweise ein wesentliches Stück der Freud-Jungschen Auffassung hinzufügen zu können.» Unter einer phylogenetischen Betrachtungsweise versteht sie ihre Entdeckung, dass das Unbewusste zum bewussten Erleben hinzutritt, das erst dadurch zum wirklichen Erlebnis wird. Der neue Vorstellungsinhalt tritt mit dem alten in Verbindung: «Die Tiefen des Ich bestehen zum Teil aus Vorstellungen, welche einer über das Individuum hinausreichenden Vergangenheit angehören.»

Ebenso ausführlich und wissenschaftlich exakt geht Richebächer auch darauf ein, wie Sabina Spielrein in ihrer zweiten Publikation, «Die Destruktion als Ursache des Werdens» (1912), Jungs Auffassung weiterentwickelt. Dieser hatte betont, dass die Libido zwei Seiten habe, eine «die alles verschönt, und eine, die unter Umständen alles zerstört». Über ihn hinausgehend, schreibt Spielrein, dass Todesvorstellungen nicht im Gegensatz zu sexuellen Vorstellungen stehen, sondern dass die Vorstellung der Erfüllung des eigenen Triebes von der Vorstellung des eigenen Endes begleitet sein könne: «Bei der Liebe ist die Auflösung des Ich im Geliebten zugleich die stärkste Selbstbejahung.» Freud nahm diese Entdeckung Sabina Spielreins zur Kenntnis und entwickelte 1920 in «Jenseits des Lustprinzips» selbst eine Theorie des Todestriebs.

Das Besondere an der Biographie Richebächers liegt darin, dass es ihr als Psychoanalytikerin gelingt, den Inhalt der wissenschaftlichen Arbeit Sabina Spielreins differenziert in Beziehung zu setzen zu den theoretischen Positionen der Analytiker-Kollegen Spielreins, wodurch der Leser Einblick gewinnt in die Entwicklung der psychoanalytischen Theoriebildung. Ausserdem bindet Richebächer diese theoretischen Passagen in den Kontext des schweren Schicksals von Sabina Spielrein ein, wodurch ihre Schilderung, die deren Lebenslauf folgt, immer vielschichtig und spannend bleibt.

Anhand vieler Zitate lässt Richebächer Sabina Spielrein selbst zu Wort kommen. An Spielreins Tagebuchaufzeichnungen und ihren Briefen wird nachfühlbar, wie schwer die Zeit nach der Trennung von Jung für sie war. Die innige, geistige und emotionale Bindung an ihn bestand auch nach ihrer Heirat mit Pawel Scheftel fort. Ihr Mann war Arzt und Tierarzt aufgrund praktischer Erfahrung, das heisst, er hatte nicht studiert. Aber das unterschiedliche Niveau ihrer Ausbildung war nicht der einzige Gegensatz zwischen ihnen, der ihre Ehe von Anfang an belastete. Hinzu kam, dass Sabina im Westen leben wollte, Pawel sich aber in seiner Heimat verwurzelt fühlte. So beendeten Beziehungs- und auch materielle Probleme – sie lebten von Sabina Spielreins Mitgift – ihre ersten gemeinsamen Jahre in Berlin. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs folgte Pawel seinem Mobilisierungsbefehl und kehrte nach Kiew zurück, und Sabina Spielrein zog mit ihrer ersten Tochter, Renata, wieder in die Schweiz.

In Zürich, Lausanne und Genf, den Orten, an denen sie in den nächsten Jahren versuchte Fuss zu fassen, war die berufliche Situation für Sabina Spielrein äusserst schwierig. Da sie nur ein Doktorexamen und nicht das Schweizer medizinische Staatsexamen abgelegt hatte, war es ihr nicht erlaubt, eine Praxis zu eröffnen, und sie konnte immer nur vorübergehende Anstellungen finden. Sie hatte sich zwar inzwischen mit ihren Arbeiten zur Kinderanalyse und Traumanalyse einen Namen gemacht, aber die Ausübung der Psychoanalyse sicherte ihren Lebensunterhalt nicht. Sie musste sich das Allernötigste mit Näharbeiten verdienen.

In Genf besserte sich ihre Situation vorübergehend; denn sie konnte an dem sehr renommierten Institut Jean Jacques Rousseau, der École des sciences de l’éducation, Lehraufträge übernehmen. In Zusammenarbeit mit dem 11 Jahre jüngeren Jean Piaget, den sie über acht Monate analysierte, beschäftigten sie Fragen zur Entwicklung des kindlichen Denkens und Sprechens und zur Symbolbildung. Trotz der grossen Anerkennung, die Sabina Spielrein in Genf erfuhr, blieb ihre materielle Lage desolat, und sie fühlte sich unter ihren Kollegen fremd. Während sie selbst die Freudsche Psychoanalyse vertrat und lehrte, war die psychoanalytische Theorie hier nur eine Theorie unter anderen. So entschied sie sich 1923, nach Russland zurückzukehren.

Im letzten Teil ihrer Biographie berichtet Richebächer über die Veränderungen, die in Russland nach der Revolution eingetreten waren. Sie schildert die verheerende Versorgungslage nach Krieg und Revolution und den ideologischen Aufschwung der neugegründeten Sowjetunion. Die Psychoanalyse wurde als «Freudismus» unter der Protektion Trotzkis als eine der Methoden zur Schaffung des neuen, maschinengleich funktionierenden Menschen begrüsst. Sie wurde staatlich unterstützt, zugleich aber auch für die politischen Ziele der modernen Sowjetunion in Dienst genommen. Als eine der am besten ausgebildeten Analytikerinnen arbeitete Sabina Spielrein in allen wichtigen Ausschüssen mit, leitete mit Iwan Jermakow und Moshe Wulff die neugegründete psychoanalytische Poliklinik und ein Kinderambulatorium in Moskau.

Bereits 1924 aber, nach dem Tod Lenins und der Entmachtung Trotzkis, änderte sich die Situation für die Psychoanalyse grundlegend. Zwar konnte Sabina Spielrein in Rostow, wo sie mit Pawel und ihren Töchtern inzwischen lebte (1926 war ihre zweite Tochter Eva zur Welt gekommen), noch in vielfältiger Weise psychoanalytisch tätig sein, Weiterbildung anbieten und eigene Untersuchungen weitertreiben. Dies endete aber schliesslich damit, dass die Psychoanalyse 1933 in der Sowjetunion verboten wurde. Zur gleichen Zeit begann in Deutschland, mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933, die Verfolgung und Vertreibung der mehrheitlich jüdischen Psychoanalytiker.

Sachlich und faktenreich berichtet Richebächer von dem schweren Schicksal, das Sabina Spielrein in ihren letzten Lebensjahren zu tragen hatte. 1936 hatte die Bolschewistische Partei unter Stalin begonnen, alle westlich orientierten Wissenschafter und Intellektuellen in Schauprozessen anzuprangern, in Lager zu verschicken und hinzurichten. Auch Sabina Spielreins Brüder, die ihre akademische Ausbildung im Westen gemacht hatten und im Zuge des grossen Aufschwungs in Russland in angesehenen akademischen Positionen tätig waren, fielen ihnen zum Opfer. Sie wurden 1937/1938 ermordet. Pawel starb 1937 an Herzversagen, ihr Vater 1938 «vor Kummer». Im Oktober 1941 wurde Rostow von deutschen Truppen besetzt. Vielleicht wäre es für Sabina Spielrein und ihre Töchter möglich gewesen, die Stadt rechtzeitig zu verlassen. Die Gründe, warum sie blieben, sind nicht bekannt. Bis zum September 1942 wurden von den Deutschen in der Nähe von Rostow, bei dem Dorf Smijowka, etwa 30’000 sowjetische jüdische Menschen erschossen. Sabina Spielrein und ihre Töchter waren unter ihnen.

Sabine Richebächers materialreiche Biographie Sabina Spielreins ist die erste umfassende Darstellung des Lebens und Wirkens dieser wichtigen Wissenschafterin und Therapeutin, einer starken und eindrucksvollen Frau. Ihre genaue und zurückhaltende Schilderung überlässt der Interpretation des Lesers viel Raum – eine sehr zu empfehlende, spannende und erschütternde Lektüre.

besprochen von Barbara Handweker, geboren 1956, freie Lektorin in Oetwil am See.

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