Russische Existenzangst

Warum schickt Russland Truppen nach Syrien, Georgien und in die Ukraine? Die russische Geopolitik dient dem Ziel, dem inneren Zerfall des Vielvölkerstaats vorzubeugen.

Russische Existenzangst

«Verstand wird Russland nie verstehen […]  An Russland kann man nichts als glauben.» Dies schrieb der russische Dichter und Diplomat Fjodor Iwanowitsch Tjuttschew im Jahre 1866. Wer Russlands Aktionen in Syrien, der Ukraine und Georgien verstehen will, muss demzufolge auf andere Mittel zurückgreifen als auf rationales Gedankengut, welches nach Erkennen und Verstehen strebt. Daher erscheint es als ebenso widersprüchlich, dass gerade in deutschen Intellektuellenkreisen ein Windmühlenkampf um, gegen oder für «Russland-Versteher» tobt. Dies ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass Deutschland selbst Mühe hat, sein enormes Gewicht auf der internationalen Ebene zielgerichtet zum Einsatz zu bringen. Der amerikanische Stratege William Engdahl kleidete die sich aus dieser deutschen Eigenheit ergebende geopolitische Gleichung in die Formel: «Die Amerikaner drinnen, die Russen draussen und die Deutschen unten…» Was bedeutet das für Russlands Einfluss auf geopolitische Brandherde?

Als Bewohner eines neutralen Kleinstaates müssten sich Schweizer nicht zwischen Akzeptanz und Ablehnung entscheiden, sondern könnten sich an unseren Landsmann Albert Einstein halten: «Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich nur darin zurechtfinden.» Das ist keine Flucht vor Verantwortung, sondern ein Erfolgsrezept. Denn eine pragmatische, offene Haltung verspricht die besten Ergebnisse. Wer sich aber mit Russland auseinandersetzen will, sollte sich einige historische Tatsachen vergegenwärtigen, beispielsweise dass Russland seit seiner erfolgreichen, mit enormen Opfern verbundenen Verteidigung gegen die Invasion Napoleons und der nachfolgenden Machtdemonstration in Paris mit einem Aufmarsch von 160 000 Soldaten eine einzig- und eigenartige Rolle im europäischen und asiatischen Kräftegleichgewicht spielt. Russland verfügt über eine gigantische Landmasse, die sich über mehrere Klimazonen erstreckt und zahlreiche Ethnien umfasst. Diese Grösse sorgte dafür, dass die russische Politik traditionell stets einem ganz eigenen Rhythmus folgte, der von aussen betrachtet irritierend wirken mag.

Von Zeit zu Zeit kam es zu enormen und schnellen Anpassungen der inneren Strukturen, nur um hierauf wieder zum Status quo zurückzukehren. Zwar haben sich die Umstände geändert, jedoch zeichnet sich dieser Rhythmus seit Peter dem Grossen bis Wladimir Putin durch eine unglaubliche Konstanz aus.

 

Übertünchte Unsicherheiten

Die Geographie erklärt, weshalb Russland in einem solch krassen Gegensatz zu Europa steht, sei es durch sein absolutistisches Gehabe, seinen globalen Anspruch oder seine eigenen nach aussen übertünchten Unsicherheiten. Zwar hat kaum eine andere Macht derart viele Konflikte vom Zaun gerissen – aber auch keine andere musste sich derart oft gegen Invasionen verteidigen, bei denen jeweils bis zu einem Drittel der Bevölkerung das Leben verlor. Kein europäisches Land war während zweieinhalb Jahrhunderten einer Mongolenherrschaft unterworfen, aus der es sich nur mit erheblicher Mühe und langen, blutigen inneren Auseinandersetzungen befreien konnte. Während Europa ein multipolares Kräfteverhältnis aufbaute, erlernte Russland die Geopolitik in der harten Schule der Steppe im offenen Gelände mit nach Unterjochung trachtenden, plündernden nomadischen Horden auf der Suche nach Ressourcen.  

Praktisch ohne schützende natürliche Grenzen – ausser der Arktis und dem Pazifik – im Norden von Wikingern, im Süden von sich ausdehnenden arabischen Herrschern und im Osten durch Einfälle von Turkstämmen bedroht, sah sich Russland in einer permanenten Zwickmühle expansiver Versuchungen einerseits und existentieller Ängste andererseits. Dieses Dilemma machte es einfacher zu expandieren als anzuhalten und führte zu einem Marsch durch die halbe Welt, wobei jede Ausdehnung zwar Sicherheit, zugleich aber auch neue Feinde schuf.

Ein solcher Prozess musste und muss legitimiert werden. Nach der Einnahme Konstantinopels durch die Osmanen verstand sich Moskau denn auch als der natürliche Nachfolger «Ostroms», als Bollwerk der Zivilisation mit der christlichen Orthodoxie als Basis und Europa als dominierendem Bezugspunkt. In Wirklichkeit entstand aber eine auf zwei Kontinente verteilte, eurasische Macht, die sich auf keinem der beiden Kontinente wirklich zuhause fühlt. Das veranlasste schon die aus Deutschland stammende Katharina die Grosse, ihren Untertanen eindringlich zu versichern: «Russland ist ein europäischer Staat.» Bei meinem Besuch in Novosibirsk im Herzen Sibiriens erklärte mir der Rektor der dortigen renommierten Universität spontan: «Wir können genetisch nachweisen, dass wir Europäer sind.» Im äussersten Osten Russlands, in Wladiwostok am Japanischen Meer, hiess mich ein dort lebender Honorarkonsul mit den Worten willkommen: «Hier sind wir alle Europäer.»

Diese geschichtlichen und geopolitischen Gegebenheiten sorgten dafür, dass Russland auch in der Innenpolitik einen anderen Weg wählte: Während Europa, das die Renaissance und später bürgerliche Revolutionen durchlaufen hatte, sich legitimierte, indem es individuelle Freiheiten garantierte, suchte Russland seine Stärke im Glauben an eine einzige mit allen Befugnissen ausgestattete Autorität. Katharina der Grossen zufolge hätte jede andere Herrschaftsform den Ruin des Landes verursacht – eine Haltung, die auch der neueren russischen Politik zugrunde liegt. Im Westen mag das nach autoritärer Willkür aussehen. Doch in Russland bildet diese Form der Machtausübung die zwingende Voraussetzung für eine funktionsfähige Regierung.

 

Der Herrscher als gelebtes Gesetz

Russland ruht auf demographisch und ökonomisch schwachen Säulen. Das ist keine gute Voraussetzung für weitere Entwicklungen. Seit der Auflösung der Sowjetunion leidet das an sich über immense Ressourcen verfügende Russland an Überalterung und einem Rückgang seiner Bevölkerung, die heute mit rund 145 Millionen Menschen deutlich weniger als die Hälfte der Einwohner der USA umfasst. Die Produktivität ist niedrig. Trotz eines höchst beeindruckenden Leistungsausweises – wie etwa im Bereich des Weltraums – bleibt die Innovationskraft des Landes tief. Der «Brain Drain» hält an. Der Export von Rohstoffen stellt das wirtschaftliche Rückgrat dar. Die Diversifikation zeitigt wenige Fortschritte, weshalb der Zusammenbruch der Rohstoffpreise – insbesondere von Erdöl und Gas – Russland hart getroffen hat, erst recht zusammen mit den westlichen Sanktionen. Die eigentlich nur bei den Waffenexporten vorhandene internationale Wettbewerbsfähigkeit ist gering. Das politischen Einflüssen unterworfene Rechtssystem leidet an erheblichen Mängeln.

Bis jetzt gelang es weder von oben und unten noch von innen oder aussen, die Grundgegebenheiten fundamental zu verändern. Dennoch ist die Identifikation der Russen mit ihrer Herrschaftsform, ihrer Geschichte und ihrer Kultur sehr stark, denn relativ gesehen geht es den russischen Bürgern weitaus besser als zur Zeit der Sowjetunion. Was schon der russische Historiker und Schriftsteller Nikolai Karamsin im 18. Jahrhundert festhielt, bleibt deshalb auch heute noch gültig: «In Russland ist der Herrscher das gelebte Gesetz. Er bevorzugt die Guten und bestraft die Bösen… Ein sanftes Herz in einem Monarchen bildet nur dann eine Tugend, wenn es sich mit dem Pflichtbewusstsein paart, falls notwendig, grosse Strenge anzuwenden.»

 

Spannungsherd Kaukasus

Anstatt über polemische Leerformeln zu streiten, ginge es daher im Sinne von Einstein darum, beim Verfolgen unserer eigenen Interessen diesen Orientierungspunkten Rechnung zu tragen. So stellte im Vergleich zu den analysierten Konstanten das Ende der Sowjetunion einen epochalen Wandel dar: Es gab keinerlei Vorwärtsbewegung mehr – ganz im Gegenteil: Im Westen, Süden und Südosten fand ein durch innere Schwächen bedingter Rückzug statt, wodurch das Land mehrere tausend Kilometer an strategischer Tiefe einbüsste. Die Nato zögerte nicht, im Westen sogleich nachzurücken, was in Moskau zwar Groll, jedoch keine Gegenreaktionen auslöste. Heikel wurde es erst, nachdem das westliche Bündnis ohne jegliche sicherheitspolitische Zwänge nach Georgien vorstossen wollte. Die Lage kippte vollständig, als die Ukraine andeutete, sich in Richtung Nato zu bewegen – dies angesichts eines in Russland bestehenden unerschütterlichen Konsenses, Kiew bilde einen Teil des eigenen kulturellen Erbes. Die anhaltenden Spannungen würden schlagartig zu Ende gehen, wenn es gelänge, die Ukraine nach dem föderalistischen, mehrsprachigen «Modell Schweiz» weiterzuentwickeln – mit einer eigenständigen politischen und wirtschaftlichen Stabilität ausserhalb der Nato und in einem nur lockeren funktionalen Verhältnis zur EU.

Auch wer die russischen Aktionen in Syrien verstehen will, sollte sich an den geopolitischen Gegebenheiten orientieren. Russland bildet mit über hundert verschiedenen Ethnien einen Vielvölkerstaat und ist zugleich jener Staat, welcher mit 20 Millionen Menschen und einem Anteil von rund 15 Prozent die bedeutendste muslimische Minderheit Europas besitzt. Im Gegensatz zur EU handelt es sich nicht um eingewanderte Muslime. Vielmehr sind sie bereits seit Jahrhunderten ansässig, was vor allem für den geopolitisch wichtigen Kaukasus gilt, der das Einfallstor zum offenen Gelände Kernrusslands bildet. Zwar geniessen die Muslime heute eine solide Rechtsstellung. Dennoch bleibt der Kaukasus unter anderem als Folge archaischer Auseinandersetzungen unter den dortigen Clans eine permanente Quelle von Spannungen. Nach Saudi-Arabien, Tunesien, Marokko und der Türkei stammen denn auch die meisten Dschihadisten aus Russland, welches selbst die Erfahrung gemacht hat, dass Stabilität wichtiger ist als das Verfolgen angeblich hehrer Ziele, welche – wie etwa in Libyen – ohnehin an den örtlichen Realitäten kläglich scheitern. Dies erklärt denn auch, weshalb sich Russland in Syrien engagiert: es handelt sich um einen von Eigeninteresse gesteuerten Versuch, dem Zerfall des Landes vorzubeugen.


 

Erwin H. Hofer
ist Jurist, alt Botschafter und Dozent an der Universität St. Gallen. Er trat 1976 in den diplomatischen Dienst ein und war u.a. Botschafter in Russland, in Serbien und bis Frühling 2014 in Libyen.

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