Rosmarie Michel im Gespräch

Begonnen habe ihre Karriere mit Tellerwaschen, sagt Rosmarie Michel. Doch schon als junge Frau habe sie gewusst: ich werde Unternehmerin. Den Boden unter den Füssen verlor sie dabei nie. Suzann-Viola Renninger hat Rosmarie Michel in Zürich getroffen.

Frau Michel, als junges Mädchen standen Sie hinter dem Verkaufstresen der Confiserie Ihrer Vorfahren und brachten den Kunden Kaffee und Gebäck. 19jährig verliessen Sie Ihr Elternhaus und hatten dann als Unternehmerin und Netzwerkerin im In- und Ausland Erfolg. Eine Tellerwäscherkarriere?

Ich bin eine geborene Dienstleisterin. Die Confiserie Schurter wurde 1869 von meinem Urgrossvater im Erdgeschoss seines Hauses gegründet, eine Backstube mit Ladenlokal und Café. Noch immer ist sie unter demselben Namen am Central in Zürich in Betrieb. Meine Urgrossmutter, meine Grossmutter und meine Mutter, sie alle haben selbstverständlich in der Confiserie gearbeitet. Ohne diese Frauen wäre im Betrieb nichts gelaufen. Auch ich habe schon früh mitangefasst. Da es damals keine Spülmaschinen gab, habe ich als Neunjährige vor allem beim Abwasch geholfen. In diesem Sinne habe ich also tatsächlich eine Tellerwäscherkarriere durchlaufen.

Dass Sie nicht beim Spülbecken bleiben würden, wussten

Sie früh?

Während meiner Schulzeit habe ich nur ein einzigesmal für einen Aufsatz die Bestnote erhalten. In der vierten Klasse der Primarschule wurden wir gefragt, was wir uns für die Zukunft wünschten. Ich schrieb: «Entweder möchte ich Unternehmerin werden oder Mutter von mindestens 12 Kindern.» Ich wollte etwas bewirken und dabei viel mit Menschen zu tun haben. Meine liberalen Eltern hatten mir angeboten zu studieren. Ein Mathematikstudium hätte mich zwar interessiert. Doch ich wollte keine Wissenschafterin werden, sondern mein mathematisches Denken im Alltag gebrauchen. Und so entschied ich mich für das Hotel- und Gastgewerbe. Ich war der Meinung, diesen Weg im Blut zu haben, da ja alle meine Vorfahren väterlicherseits in diesem Bereich gearbeitet hatten. 1950 begann ich daher meine Ausbildung an der Hotelfachschule in Lausanne.

Was dann aber wieder hiess: Tellerwaschen.

Doch nur für kurze Zeit. Ich habe nie eine Sekunde daran gezweifelt, dass ich auf Dauer in einem Hotel nur als Besitzerin oder Direktorin arbeiten würde. Und bald war ich auch in den oberen Etagen. Den Weg, den ich bis dahin zurücklegen musste, bin ich gern gegangen, die Arbeit im Service gehörte dazu. Es war ein wichtiger Lernprozess. Ich weiss daher, wie so ein Hotel, das ja ein ganz eigener Kosmos ist, in allen Bereichen und auf allen Ebenen funktioniert. Nach Lausanne habe ich einige Zeit in der Confiserie meiner Familie gearbeitet; dann bin ich 1956 für einen Stage nach London ins Hotel Dorchester gegangen. Mein Vater erkrankte bald darauf schwer, und meine Mutter brauchte meine Unterstützung im Betrieb. Also bin ich zurück nach Zürich gekommen und Mitglied der Geschäftsleitung geworden, zuständig unter anderem für die Mitarbeiter, den Einkauf und die Werbung.

Ein erster Karriereschritt zu einer Zeit, als das bürgerliche Ideal die Frau vor allem als Mutter und Ehefrau sah. Wie haben Sie die fünfziger Jahre erlebt?

Ich habe mir damals öfter überlegt, ob ich nicht auch auf der Strasse für das Stimm- und Wahlrecht der Frauen kämpfen sollte. Doch ich habe mich dagegen entschieden. Das hatte auch einen politischen Grund. Ich komme nicht aus dem Milieu der Kämpferinnen. Mit meiner konservativen, bürgerlichen Herkunft gehöre ich da auch nicht hin. Mit den Frauenrechtlerinnen habe ich mich nie besonders gut verstanden. Selbstverständlich habe ich sie respektiert, und ich bin dankbar für das, was sie für uns Frauen getan haben. Aber es war nicht mein Umfeld.

Sondern?

Ich habe meine sozialpolitischen Anliegen dort vertreten, wo die Entscheidungen gemacht werden. Wäre ich auf die Strasse gegangen, wäre ich in den Entscheidungsgremien nicht mehr akzeptiert worden. Wir Frauen, das ist meine Überzeugung, werden den Kampf für gleiche Rechte nur gewinnen, wenn wir an Terrain gewinnen. Wenn wir nur über Veränderungen sprechen und das System bekämpfen, dann ist das ein unnötiger Kraftverlust. Wenn Frauen meiner Generation vorwärtswollten, dann mussten sie pragmatisch sein…

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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