Röpke ohne Ende

Die Schweiz sei eine «Ausnahme wie alles in der Geschichte einigermassen Gelungene», zitierte 2006 der damalige Bundesrat Christoph Blocher den deutschen Ökonomen Wilhelm Röpke (1899 – 1966). Blocher gedachte Röpkes anlässlich dessen 40. Todestages. Seit dem Erscheinen seines Buches «Gesellschaftskrisis der Gegenwart» im Jahr 1942 ist Röpke Teil der nationalen Identitätsbildung: Bis heute gehören seine Zitate zum […]

Die Schweiz sei eine «Ausnahme wie alles in der Geschichte einigermassen Gelungene», zitierte 2006 der damalige Bundesrat Christoph Blocher den deutschen Ökonomen Wilhelm Röpke (1899 – 1966). Blocher gedachte Röpkes anlässlich dessen 40. Todestages. Seit dem Erscheinen seines Buches «Gesellschaftskrisis der Gegenwart» im Jahr 1942 ist Röpke Teil der nationalen Identitätsbildung: Bis heute gehören seine Zitate zum Standardvokabular bürgerlicher Medien, er wurde nicht nur vom Rechtspopulisten James Schwarzenbach, von Christoph Blocher, von Roger Köppel, sondern auch von deren vehementesten Gegnern gelesen und zitiert. Weshalb? Einfach: Wilhelm Röpke hob die Schweiz aufs Podest. In seinem gesamten Spätwerk, das er im Exil in Genf ab 1937 verfasste, gilt die Schweiz als Ideal, als historisches Beispiel für die Utopie eines Landes «ohne Industrie-Giganten». Bauern, Kleingewerbe, ein föderalistisches und kleinräumiges System, das auf dem gesellschaftlichen Gefüge der Familienbetriebe basierte – in der Schweiz sah Röpke seine «Civitas humana» verwirklicht. Damit ist er zum eidgenössischen Säulenheiligen geworden, obwohl er herzlich wenig von der Schweizer Wirtschaftsstruktur verstand. Der österreichische Nationalökonom Alfred Amonn (1883 – 1962) hingegen, der in denselben Jahren eine Professur in Bern innehatte, wurde hierzulande bereits zu Lebzeiten totgeschwiegen. Im Gegensatz zu Röpke erhielt Amonn 1942 das Schweizer Bürgerrecht und begann, sich kritisch mit seiner neuen Heimat auseinanderzusetzen. Den Grundsätzen der Österreichischen Schule der Nationalökonomie blieb er treu und machte auch bei der Schweiz keine «Ausnahme». In seinem letzten Buch «Wirtschaftspolitik der Schweiz in kritischer Sicht» (1959) berührte er empirisch – und noch heute aktuell – die wunden Punkte der Schweiz: sie tue, als ob es Kartelle gar nicht gäbe, und habe aus der Landwirtschaft längst eine Zwangswirtschaft gemacht. Röpkes Tod jährt sich 2016 zum 50. Mal, ich bin seiner Lobhudelei etwas müde. Wer zitiert Amonn?


Andrea Franc
ist Wirtschaftshistorikerin und forscht zu Nord-Süd-Handel sowie ökonomischer Theoriegeschichte. Sie lebt in Basel.