Robert Walser, zu gross für den Kaffeetisch

Als der Dichter Robert Walser am Weihnachtstag 1956 auf einer Wanderung stirbt, ist er von der literarischen Öffentlichkeit so gut wie vergessen. Die letzten 23 Jahre seines Lebens hat er in der Heil- und Pflegeanstalt Herisau im Kanton Appenzell Ausserrhoden verbracht, und das nicht freiwillig. «In seine Bevormundung einzuwilligen lehnt Patient ab», heisst es in einem Gutachten, das der Leiter der Anstalt, der Psychiater Otto Hinrichsen, im Januar 1934 vorlegt.

Mit der Überführung nach Herisau endet Walsers Biographie als Dichter; der Verfasser von Romanen wie «Geschwister Tanner» oder «Der Gehülfe» und unzähligen Prosastücken schreibt kein Wort mehr, sondern verbringt seine Zeit «Papiersäcke klebend, Schnüre drehend und Stanniol verlesend». Regelmässig besucht ihn der Schriftsteller Carl Seelig, dessen Erinnerungsband «Wanderungen mit Robert Walser» bereits 1957 erscheint, ohne dass es jedoch zu einer wirklichen Wiederentdeckung seiner Werke kommt. «Er ist nach wie vor rätselhaft. Ein verwildertes literarisches Grab», schreibt Martin Walser 1963 in seinem Aufsatz «Alleinstehender Dichter» über den Namensvetter und empfiehlt ihn als Thema für germanistische Doktorarbeiten. Die erste dieser Arbeiten hatte der Rundfunkredaktor und spätere Herausgeber der gesammelten Werke, Jochen Greven, schon 1960 geschrieben. Dass Robert Walser heute Klassikerstatus geniesst, ist im wesentlichen sein Verdienst.

Denn ein «Literaturgerücht» (Martin Walser) ist der Dichter schon lange nicht mehr. Gleich zwei neue Werkausgaben bringen die Walser-Philologie auf den neuesten Stand der Wissenschaft, und als originelles Dissertationsthema dürfte er ausgedient haben. Auch an schönen biographischen Darstellungen besteht kein Mangel. Erschien erst vor drei Jahren Jürg Amanns erzählender Essay «Auf der Suche nach einem verlorenen Sohn» in einer üppig bebilderten neuen Ausgabe bei Diogenes, so liegt nun bei Suhrkamp ein mehr als 500 Seiten starker und mehrere Kilo schwerer Band vor, den Bernd Echte, der langjährige Leiter des Zürcher Robert-Walser-Archivs, zusammengestellt hat. Hier finden Walser-Leser alles, was sie auch nur irgend interessieren könnte. Im März 1925 beispielsweise sah Robert Walser, der wie der oft mit ihm verglichene Kafka ein eifriger Kinogänger war, die Verfilmung von Selma Lagerlöfs Roman «Gösta Berling» mit Greta Garbo. Und natürlich kann Bernd Echte sowohl mit der entsprechenden Kleinanzeige aus dem Berner «Bund» als auch mit einem Szenenfoto aufwarten. Eine andere Abbildung zeigt das hagere bebrillte Gesicht des «Schriftstellers und Astrologen»

Alfred Fankhauser, der seit 1920 in Bern wohnte, wo er Kontakt zu Robert Walser hatte.

Man sieht, nicht alle Informationen, die hier zusammengetragen wurden, sind gleichermassen bedeutend. Doch man möchte sie, hat man einmal einen guten Platz für den Prachtband gefunden und zu blättern begonnen, nicht mehr missen. Selbst das Foto des leutselig grüssenden deutschen Kaisers Wilhelm II., den Walser als «etwas zu gutmütig, zu leicht in billige Entzückung geratend» charakterisiert, betrachtet man in diesem Zusammenhang mit Anteilnahme. Und wünscht sich, Robert Walser, dessen Neigung, sich klein zu machen, kaum einem unterentwickelten Selbstbewusstsein entsprang, könnte der nachträglichen Reverenz in Form dieses üppigen Bilderbuches ansichtig werden.

vorgestellt von Joachim Feldmann, Recklinghausen

Bernd Echte (Hrsg.). «Robert Walser. Sein Leben in Bildern und Texten». Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2008

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»