Robert Nozick: Anarchie, Staat, Utopie

München: Olzog Verlag, 2006

Robert Nozick (1938–2002) – das war der Vordenker des amerikanischen Radikalliberalismus, der in Europa nie diskursrelevant wurde. Jetzt ist sein 1974 erschienenes «Anarchy, State, and Utopia» wieder greifbar, sein bedeutendstes Werk, seine kritische Antwort auf John Rawls Philosophie des egalitären Liberalismus – als neu aufgelegte deutsche Übersetzung versehen mit einem Vorwort von Otto Graf Lambsdorff und einer Einleitung von Friedrich August von Hayek. Argumentativ geht Robert Nozick von John Locke aus, von einem Naturzustand mit vollem Eigentum eines jeden Menschen an sich selbst. Nur diesen Einzelmenschen und dessen Einzelleben anerkennt er. Benutze man den einen um des Wohles anderer willen, so werde dieser ausgenutzt und zugunsten anderer schlechter gestellt – und das werde dann euphemistisch «gesellschaftliches Gesamtwohl» genannt. Nach Nozick findet sich keine Rechtfertigung dafür, die einen zuungunsten der anderen zu bevorteilen. Verpflichtungen gegenüber anderen, gegenüber dem Staat, dem Volk, der Familie sieht er als Teilenteignung des Rechts des Menschen an sich selbst. In der Welt der gleichwertigen Einzelmenschen ohne Gesellschaftsverpflichtungen könne somit auch Gleichheit kein Wert an sich sein. Stelle man den Einzelmenschen ins Zentrum, sei das Verhältnis zu anderen Menschen allein danach zu bemessen, ob es durch den freiwilligen Austausch bestimmt werde; treffe dies zu, sei der unterschiedliche Stand an Besitz, Eigentum und Chancen irrelevant.

Wenn Gleichheit kein Wert an sich ist, wird auch alle Umverteilung ungerecht. Die Besteuerung von Arbeitseinkommen sei mit Zwangsarbeit gleichzusetzen, schreibt Nozick. Und räumt sogleich ein, vor einer solchen Aussage schräken manche unwillkürlich zurück. Obschon sie dann aber bestimmt dagegen wären, dass unbeschäftigte Aussteiger beispielsweise zur Arbeit zugunsten Bedürftiger gezwungen würden. Oder anders formuliert: der Sozialstaat besteuert jene, die länger arbeiten als für die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse nötig ist. Wenn aber dem Staat das Recht abgesprochen wird, zugunsten Bedürftiger jemandem einen Teil seiner Freizeit durch Zwangsarbeit zu entziehen, wie kann es dann rechtens sein, einem andern zum selben Zweck einen Teil seiner erarbeiteten Güter wegzunehmen? Frage um Frage reisst der Autor tradierte Vorstellungswelten ein und beschert so zeitweiligen Hochgenuss. Ist es einem auch nie ganz wohl an Nozicks Seite – zu nahe wagt er sich an den Abgrund eines gefühlskalten Extremindividualismus –, so muss man ihm doch immer wieder widerwillig zustimmen.

«Anarchie, Staat, Utopia» ist eine intellektuelle Herausforderung, der man sich gerne stellen würde. Ärgerlich nur, dass Nozicks neonlichtkaltes Denken so voll und ganz auf seinen Schreibstil durchschlägt – und Zeile um Zeile ausdorren lässt. Der geistigen Brillanz entspricht leider nicht die sprachliche Eleganz. So wird die Lektüre anstrengend und ermüdend. Was im Vorlesungssaal in Harvard womöglich dynamisch wirkte – das Beispiel, das er flugs zum Zahlenspiel macht, der Übergang von der amerikanischen Kinderbuchwelt zur mathematisch abgestützten Theorie, die Codierung von Lebensumständen und Gedankenexperimenten durch Buchstaben und Zahlen –, hemmt den Lesefluss. Schade, denn Nozick hat vieles zu sagen.

besprochen von MATTHIAS MÜLLER, geboren 1974. Der Autor ist promovierter Jurist in Bern.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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