Roastbeef und Apple Pie

Milch und Honig mögen in den USA zwar nicht geflossen sein. Dennoch bot das Land seinen Einwanderern lange Zeit so viele Annehmlichkeiten, dass der Sozialismus auf der Strecke blieb. Holt er heute auf? Ein Gespräch über politische Label, rhetorische Verwirrungen und konkurrierende Kirchen.

Roastbeef und Apple Pie
Richard Parker, photographiert von Giorgio von Arb.

Herr Parker, Sie sitzen im Redaktionsausschuss von «The Nation», einer US-Zeitschrift, die sich als Flaggschiff der Linken bezeichnet. Wenn ich von Europa aus nach Amerika blicke, habe ich Mühe, im dortigen Politmeer irgendeine Linke auch nur als Kahn auszumachen: Was heisst «links» in den USA?

Grundsätzlich strebt die Linke in den USA eine Modifikation des Kapitalismus an – und nicht etwa dessen Überwindung, wodurch sie gewiss zahmer wirkt als ihre Namensvetterinnen in Europa. Innerhalb dieses Grosskontexts operieren dann aber auf linker Seite unterschiedliche Gruppen mit verschiedenen Prioritäten. Das Thema der wirtschaftlichen Ungleichheit, mit dem die Linke ihren Ursprüngen entsprechend verbunden war, hat in den USA in vielen dieser Kreise lange Zeit keine zentrale Rolle gespielt; diesem Komplex wendet man sich jetzt erst verstärkt zu. Zuvor bildete die Rechtsgleichheit zwischen unterschiedlichen Identitätsgruppen – Weisse und Farbige, Frauen und Männer – ein Hauptthema. Und nebst diesen Fragen der sozialen Organisation und der individuellen Rechte ist seit den 1960er Jahren auch die Umweltthematik ein Kernanliegen der Linken geworden.

So weit, so bekannt. Viele dieser Themen sind heute in verschiedenen Lagern zu finden und verleihen kaum scharfe Konturen. Ich würde bezweifeln, dass das Rechts-links-Schema in den USA überhaupt greift: Demokraten ziehen in Kriege, Republikaner befreien Bedürftige von Steuern – allenthalben stösst man in der amerikanischen Politik auf Entscheide, die das Muster unterwandern.

Das stimmt zwar, aber man darf sich für eine Gesamtbeurteilung nicht auf Einzelfälle stützen; dass es in einem Zweiparteiensystem innerhalb der beiden Blöcke grosse Unterschiede gibt, ist unvermeidlich. Studiert man die Wahlmuster der beiden Parteien, zeigt sich, dass sie sich lange Zeit wie zwei «Boolesche Operatoren» verhielten, das heisst wie zwei Kreise mit einer beachtlichen Schnittfläche, die sich in den vergangenen Jahrzehnten aber stark verringert hat. Seit den 1960er Jahren sind die beiden Kreise, sprich Parteien, deutlich auseinandergedriftet.

Was gab den Anstoss für diese Entwicklung? Der Vietnamkrieg und die damit verbundenen Pazifismusbewegungen?

Nein, entscheidend war eine innergesellschaftliche Entwicklung. Die demokratische Partei verfügte lange Zeit über einen konservativen, rassisch reaktionären «Südflügel», das heisst die weissen Südstaatler waren bis zu Beginn der 1960er Jahre fast vollständig in die demokratische Partei integriert. Erst als sich die Demokraten dann vehement dem Kampf um die Bürgerrechte verschrieben, löste sich dieser Südteil von der Partei und lief zu den Repu-blikanern über, die ihrerseits Teile ihrer Basis zu den Demokraten abwandern sahen. So kam es im Zusammenhang mit der Bürgerrechtsbewegung zu einer fundamentalen Verschiebung und letztlich zur heutigen Links-rechts-Polarisierung des gesamten Par-teienspektrums.

Es bleibt die Frage, inwiefern die Label «links» und «rechts» auf die USA angewandt werden können. Die Begriffe stammen aus der Französischen Revolution und bezeichneten dort den Fundamentalgraben, der zwischen den Anhängern verschiedener politischer Systeme verlief. In meinen Augen können diese Etiketten in den USA, einem Land, das diese grundlegenden europäischen Kämpfe nicht hat führen müssen, schwerlich verfangen.

Das mag sein. Klar ist, dass die politischen Gravitationszentren auf den beiden Kontinenten andere sind. Legt man die Sphäre der europäischen und die Sphäre der amerikanischen Politik übereinander, dann wird man eine deutliche Verschiebung bemerken: Das Zentrum der amerikanischen Politik liegt in der Rechten der europäischen Sphäre. Insofern sind die Begriffe tatsächlich schwer anwend- und vergleichbar. Und ebenso klar ist, dass sich in den USA nie eine starke sozialistisch-linke Tradition entwickelt hat. Anders als in Europa konnte der Sozialismus bei uns nie auch nur organisatorisch Fuss fassen.

Woran liegt das?

Was denken Sie?

Ich kann nur vermuten: Dem Sozialismus standen in den USA Pionier-spirit, Unabhängigkeitsmythos und Self-made-Mentalität im Weg.

Wenn man alles auf ein Narrativ eindampfen will, ist das sicher eine Erklärung. Aber die Sache ist etwas komplexer. Im wesentlichen sehe ich zwei Gründe. Einerseits war die Bildung…

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