Risikovermeidung kann tödlich sein

Wir schätzen täglich Risiken ein. Doch gefühltes ist nicht gleich reales Risiko.
Wer dies weiss, hat Sicherheit gewonnen. Denn falsche Risikowahrnehmung kann uns selbst zum Risikofaktor machen.

Risikovermeidung kann tödlich sein

Warum wehren sich Menschen gegen eine Lagerung radioaktiver Abfälle in ihrer Region, während kaum jemand sein Haus auf Belastungen durch natürliche Radonstrahlung überprüfen lässt, die in vielen Gegenden aus dem Boden dringt? Jährlich sterben weit mehr Menschen durch natürlich auftretende Strahlung als durch technikbedingte.

Warum beunruhigt viele eine mögliche Belastung durch Mobilfunkmasten, während dieselben Personen nicht allzu besorgt sind, durch Rauchen an Lungenkrebs zu erkranken? Ein Raucher schädigt seinen Körper durch eine Tagesdosis Nikotin stärker, als wenn er ein Jahr lang unter einem Funkmast sässe.

Warum hatte die Kernenergie bereits vor der Katastrophe in Japan eine relativ tiefe Akzeptanz in der öffentlichen Meinung? Pro Jahr kommen viel mehr Menschen durch Gasexplosionen in ihren Haushalten ums Leben als durch Unfälle in Kernkraftwerken.
Offensichtlich haben wir eine falsche Vorstellung von Risiken. Die intuitive Wahrnehmung und Beurteilung von Risiken ist nicht allein durch die statistische Wahrscheinlichkeit von Tod oder Krankheit bestimmt. Aber wodurch wird etwas zum Risiko oder doch zumindest zum «gefühlten» Risiko?

Salmonellen sind gefährlicher als BSE

Unser Wissen über die Folgen einer Handlung oder eines Ereignisses ist begrenzt. Die Zeit ebenfalls. So wenden wir bei der Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten oft sogenannte Heuristiken an. Das sind Methoden, bei denen die Lösung eines Problems nicht systematisch durchgeführt wird, wie bei einem mathematischen Algorithmus, sondern vereinfachend und dadurch manchmal fehlerhaft. Eine solche Heuristik ist die Orientierung des Urteils an der subjektiven «Auffälligkeit» des Ereignisses. Oder einfacher gesagt: ein Ereignis wird für umso wahrscheinlicher gehalten, je leichter ähnliche Ereignisse erinnert oder vorgestellt werden können.
In den Monaten nach dem 11. September 2001 führte diese Heuristik bei einer grossen Zahl von Amerikanern zu einem psychologisch erklärbaren, aber dennoch irrationalen Verhalten: aus Angst vor weiteren Terroranschlägen flogen im Oktober, November und Dezember 2001 18 Prozent weniger Passagiere mit dem Flugzeug als in denselben Monaten des Vorjahres. Stattdessen fuhren sie mit dem Auto. So stieg der PKW-Verkehr um ca. 3 Prozent verglichen mit dem Vorjahr. In der Folge erhöhte sich auch die Zahl der Todesfälle auf den Strassen. Von Oktober 2001 bis September 2002 waren, verglichen mit demselben Zeitraum der vorausgegangenen fünf Jahre, 1505 mehr tödliche Unfälle zu verzeichnen. Bedenkt man, dass bei jedem dieser Unfälle im Schnitt 1,06 Menschen starben, dann ergibt das 1595 Tote.* 1595 Menschen kamen ums Leben, weil sie einem möglichen Terroranschlag entkommen wollten. Eine wahrlich tödliche Risikovermeidung!

Zu diesem irrationalen Umgang mit Risiko kommt, dass wir die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses oft entsprechend der Bedeutung des Ereignisses gewichten. Wenn es um das Risiko eines Reaktorunfalls geht, machen die meisten Menschen kaum einen Unterschied zwischen einer Wahrscheinlichkeit von 10–14 oder 10–17. Warum nicht? Zum einen handelt es sich hier um nicht mehr vorstellbar kleine Wahrscheinlichkeiten, zum anderen wird jede noch so geringe Wahrscheinlichkeit als Beweis dafür genommen, dass ein Ereignis tatsächlich stattfinden kann. Entscheidend ist, wie schwer der Schaden des Ereignisses wäre, sofern es denn stattfände. Wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass das Ereignis eintritt, ist für die Beurteilung des Risikos hingegen sekundär. Es kann passieren, und das ist schon schlimm genug!

Auch was die Art möglicher Schäden durch den Einsatz neuer Technologien angeht, haben wir oft falsche Vorstellungen, falsche mentale Modelle. Insbesondere dann, wenn es sich nicht um unmittelbare, kurzfristige, sondern um langfristige, mittelbare Schäden und Verluste handelt. Eine Verringerung der Stickoxide bis zum Jahr 2015 um 15 Prozent erscheint als Erfolg, wenn man nur mit 5 Prozent Verringerung gerechnet hat, aber als Misserfolg, wenn man eine Reduktion um 25 Prozent erwartet hat. Wir setzen einen individuellen Referenzpunkt fest. In Abhängigkeit desselben bewerten wir ein und dasselbe Datum als Gewinn oder Verlust, als Erfolg oder Misserfolg. Der Referenzpunkt wird zur…

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»