Right place, wrong time

Präzise Prosa von Andreas Münzner

Eines der Meisterwerke des Regisseurs Robert Altman, darüber scheint sich die Fachwelt ausnahmsweise einmal einig zu sein, ist der Film «Short Cuts». Aus zahlreichen kurzen Filmsequenzen, die jeweils mit ganz unterschiedlichen Figuren bekannt machen, wird ein dichter und weiter Erzählteppich geknüpft, der am Ende ein in sich stimmiges und dabei durchaus repräsentatives Bild der kalifornischen Gesellschaft der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts entwirft. An diesen bemerkenswerten Film darf man denken, wenn man das schmale Buch des 1967 in den USA geborenen, in der Nähe von Zürich aufgewachsenen und heute in Hamburg lebenden Andreas Münzner zu lesen beginnt. «Geographien» ist, nach seinem beachtlichen Debutroman «Die Höhe der Alpen» (2002), Münzners zweites Buch. Ebenfalls 2005 ist sein Gedichtband «Die Ordnung des Schnees» erschienen.

«Geographien» besteht aus Mikroerzählungen oder Kürzestgeschichten. Keine Novellen? Keine Short Stories? Nein, dieser Dichter schreibt «nur» Prosa, eine sehr präzise, gedanklich wie stilistisch ausgefeilte und gelegentlich betörend schöne Prosa, wie man sie im deutschsprachigen Raum vom späteren 19. Jahrhundert bis hin zu Felix Hartlaub kannte und schätzte. Prosaschreiber aber, wie gut sie auch sein mögen, sind in Zeiten griffiger Plots und eindeutiger Zuordnungen in der Minderheit und haben es auch bei der Verlagssuche nicht immer leicht. Doch abgesehen von der eher zum Sinnieren als zum Sich-Amüsieren-Lassen einladenden Form – Andreas Münzner hat ein spannendes Thema. Nicht ganz neu, sicherlich, aber reizvoll und immer wieder zum Nach- und Überdenken anregend. Es geht, versinnbildlicht durch eine Fülle von sehr unterschiedlichen, immer exakt skizzierten Figuren in präzise evozierten Situationen, in erster Linie um die Frage, wo auf dieser Welt der jeweils richtige Ort für ein einigermassen geglücktes Leben sein könnte. Oder die richtigen Orte. Und ob es die überhaupt gebe. Zur Veranschaulichung hier die 36. Prosaskizze: «Einer geht in eine Einöde, verlässt alles um sich herum, sein ganzes Leben. Irgendwann aber wird es ihm dort zu öde, und er kehrt wieder zurück. Nur haben sie sich hier alle schon an sein Fehlen gewöhnt.»

Es geht auch darum, wodurch einschneidende Ereignisse sich auf die «geographische Affinität» der Akteure auswirken, wie es gleich in der ersten der 44 Skizzen des titelgebenden ersten Buchteils heisst. Diesen «Geographien» folgen unter der Überschrift «Chronologien» 21 weitere Prosaskizzen, in denen eher die zeitlichen Abläufe vieler Leben in den Vordergrund rücken, und im letzten, «Materialisierungen» genannten Teil kommen noch einmal 19 hinzu, die in erster Linie den Folgen lebenswichtiger Entscheidungen nachspüren, wozu Trennungen gehören, Rat- und Ausweglosigkeiten, schliesslich auch der Tod. Das ganze Buch handelt davon, was es für Konsequenzen haben kann, wenn jemand den «kairos» versäumt und nicht im rechten Augenblick das für ihn Richtige tut, gehindert von den üblichen Schein-Abhängigkeiten und Zwängen, aus Angst, Feigheit oder Trägheit zurückschreckend vor einem vielleicht gar nicht so anderen Leben. Seit bald fünfzig Jahren träumt da ein Mann namens Reto vom Wegkommen aus der Schweiz und einer alternativen, glücklicheren Existenz, «aber, so teilte er mir kürzlich vertraulich mit, sein Alltag habe ihm dies bisher noch nicht erlaubt». Ein Buch der Verirrungen und Verwirrungen also auch, ein unseren gesellschaftlichen Zuständen absolut angemessenes Buch.

Schauplatz dieser Prosa ist die ganze Welt – im Grunde aber immer wieder der innere, der einzelne Mensch. Grenzen werden zum Thema, auch die des Körpers und des Geschlechts. Nationale und kulturelle Grenzen sowieso. Eines Tages würde er gerne wieder dorthin zurückkehren, wo er aufgewachsen sei, sagt einer, «aber nach seinem Karma zu urteilen, sei seine Reise noch nicht ganz zu Ende». Wenn er «es wieder brennen» spüre, so ein anderer, «dann musst du einfach los; man darf nur nicht zu viel überlegen». Dass «geographische Verschiebungen» häufig schwer zu bewältigen sind, weil die…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»