Riesengaudi in den SBB

Die folgenden Überlegungen knüpfen an eine Meldung an, die die SBB betrifft und in verschiedenen Zeitungen kursierte. Sie figuriert leider nicht in den Medienmitteilungen der SBB – aus verständlichen Gründen. Es geht um eine Bahnfahrt, die am 19. März 2012 von Zürich nach Bern im Schosse der SBB stattfand. Auf der Höhe von Schönenwerd meldete […]

Die folgenden Überlegungen knüpfen an eine Meldung an, die die SBB betrifft und in verschiedenen Zeitungen kursierte. Sie figuriert leider nicht in den Medienmitteilungen der SBB – aus verständlichen Gründen.

Es geht um eine Bahnfahrt, die am 19. März 2012 von Zürich nach Bern im Schosse der SBB stattfand. Auf der Höhe von Schönenwerd meldete sich per Lautsprecher eine sympathische Stimme mit der Ansage: «Nächster Halt: Bahnhof Jungfraujoch». Anschliessend hiess es: «Schlittenfahrt nach Wilderswil».

Und so ging es weiter. Es folgte Gaudi-Ansage auf Gaudi-Ansage, die Stimme sprach aus dem Off, als würde sie niemandem gehören. Irgendwann schaltete sich der oberste Zugbegleiter ein und entschuldigte sich ebenfalls über die Sprechanlage bei den Kunden für die falschen Angaben. Man sei daran, den Urheber ausfindig zu machen.

Doch gelang dies nicht. Die Stimme klinkte sich unvermittelt wieder ein und schwärmte in der letzten Ansage gar von den vielen Reisemöglichkeiten durch die schöne Schweiz. Die Zugspassagiere erfuhren zu ihrer Beruhigung, dass der nächste Halt «selbstverständlich» Zürich sei. Und die Stimme aus dem Off fügte die noch wichtige und lebenspraktisch bedeutsame Erläuterung an: «In welcher Fahrtrichtung Sie aussteigen müssen, können Sie selber sehen. Das ist ja nicht so schwierig.»

Am Ankunftsort gelang es Mitarbeitern der SBB – oder war es die Bahnpolizei? –, den Urheber zu identifizieren. Es handelte sich nach Auskunft der SBB-Mediensprecherin, die freilich nie eine offizielle SBB-Pressemitteilung herausgab, um einen zweiten Zugbegleiter, der im Einsatz gewesen sei. Der SBB-Angestellte arbeite noch in der Probezeit, sei mithin erst seit Dezember angestellt. Er wurde in Zürich, der Destination der Gaudifahrt, hochkorrekt in Empfang – oder in Gewahrsam? – genommen. Natürlich bestand sogleich Verdacht, dass der Mann an psychischen Problemen leide. Und natürlich hiess es, er sei umgehend psychologisch betreut worden. Es hiess all das, was es immer heisst, wenn ein hochnotkorrekter Betrieb alles richtig machen will.

Spielte die Psyche des zweiten Zugbegleiters wirklich verrückt? Den Zeitungsberichten war zu entnehmen: Das Publikum reagierte auf die Durchsagen keineswegs verwirrt, sondern vielmehr belustigt. Der Neuzugbegleiter hatte bloss die SBB-Durchsagepolitik etwas weiterentwickelt.

Schon heute werden die Zugspassagiere mit zahlreichen spinti­sierenden Ansagen versorgt, namentlich jenen über die richtige Ausstiegsseite. Auch die Durchsagen über die weiteren Anschlüsse, im Eiltempo vorgetragen, haben etwas durchaus Neurotisches, zumal es noch niemand geschafft hat, durch eine versperrte Türe zu entschwinden. Besonders obsessiv wirken die verschiedenen Entschuldigungsrunden, namentlich für die kleine Verspätung, die überhaupt niemandem aufgefallen ist, bevor sie öffentlich bekundet wurde.

Der Mann ist psychisch krank – wirklich? In einer realen SBB-Werbung ist eine Abfahrtstafel abgebildet:

«Weisswurst
Riesen-Gaudi
München
Ab CHF 48.00» 

Man könnte zum Schluss kommen: Die SBB-Angestellten leben bloss vor, was der Betrieb seinen Kunden verspricht – Gaudi zum Spezialtarif. Der Neuzugbegleiter hat das Riesen-Gaudi einfach in den Zug hineinverlegt und sogar zum Nulltarif angeboten. Die Kunden wussten die Spezialleistung zu schätzen. Die SBB hingegen verstehen ihre eigene Welt nicht mehr.

Der Mann ist nicht krank. Er hat bloss eine grassierende Krankheit unserer Zeit diagnostiziert – nämlich alles zur Krankheit zu erklären, was nicht hochnotkorrekt ist.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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